Aberglaube

Die menschlichen Gehirne haben sich im Laufe der Evolution so entwickelt, dass sie Sinn in der Welt entdecken möchten, indem sie ständig nach Kausalitäten fahnden, d.h., Menschen neigen von Natur aus dazu, alles so zu interpretieren, als sei es vorherbestimmt, und alle Dinge müssen doch wohl stets aus einem bestimmten Grund geschehen. Menschen möchten daher in der Regel immer erklären, warum etwas in der Welt geschieht. Daraus entsteht in vielen Fällern letztlich auch der Aberglaube, der Hang zum Übernatürlichen und der Glaube an übernatürliche Phänomene.

Grundlage des Aberglaubens ist also vermutlich die Tendenz, dass Menschen – wie übrigens alle anderen Primaten auch – nach stimmigen Mustern in ihrer Umwelt suchen. Allerdings können Menschen meist nicht unmittelbar unterscheiden, welche Muster wahr und welche falsch sind, doch haben sie die grundlegende Tendenz, zunächst einmal alle Muster als wahr anzusehen. Bei jenen Mustern, die man nicht richtig einordnen kann, versucht man, sich Gründe und Zusammenhänge zur Erklärung auszudenken, sodass an dieser Stelle Götter, Dämonen, Geister und Verschwörungstheorien ins Spiel kommen. Verschwörungstheorien dienen vorrangig dazu, Wissenslücken zu schließen, die bei Ereignissen, die für den unbeteiligten Einzelnen nicht überschau- und überprüfbar sind, zwangsläufig entstehen.

Das Leben in einer komplexen Welt bringt mit sich, dass Menschen vieles durch die Medien erfahren, was sich ihrem unmittelbaren Einfluss und Beurteilungsvermögen entzieht, wobei beim Fehlen entscheidender, plausibler Informationen die Menschen unwillkürlich nach ihnen suchen, und wenn sie diese in der Wirklichkeit nicht finden können, muss eben die Phantasie herhalten und diese fehlenden Informationen gegebenenfalls ersetzen. Offensichtlich ist es ein menschliches Grundbedürfnis, die kausale Struktur der Umwelt zu verstehen, denn Ursachen stellen relevante Konstanten der Umwelt dar und verleihen den eigenen Erfahrungen Bedeutung.

Wissenschaft und Bildung haben dazu geführt, dass das Maß an Aberglauben seit dem Mittelalter stark zurückgegangen ist, doch noch immer glauben viele Menschen an Astrologie, Ufos, Tarotkarten oder die Möglichkeit, mit Toten sprechen zu können. Vor allem in Zeiten der Unsicherheit und Krisen glauben Menschen eher an Heilsversprechen, denn dann sehnen sich Menschen nach Struktur in ihrem Leben, aber auch wenn sie unter Stress stehen, suchen sie nach Ordnung, etwa indem sie Rituale des Aberglaubens ausführen oder an übernatürliche Dinge glauben. Ob Menschen auf Talismane vertrauen, um ein Ziel zu erreichen, hängt übrigens auch von den Umständen ab, denn geht es darum, in erster Linie Anerkennung von anderen Menschen zu bekommen, ist Aberglaube verbreitet, ist jedoch das Ziel nur persönlich wichtig, verzichtet man eher auf Talismane. Hamerman & Morewedge (2015) untersuchten in einer Studie solche Leistungsziele und Lernziele, indem sie den ProbandInnen verschiedene Aufgaben stellten. Wurde dabei die Leistung betont, wählten die Versuchspersonen eher jene Stifte oder virtuellen Avatare, die sich in einem Experiment zuvor bewährt hatten, offenbar im Vertrauen darauf, diese würden ihnen bei der Lösung erneut helfen. Wer einen solchen Glücksbringer nutze, war auch insgesamt zuversichtlicher, sein Ziel zu erreichen. Stand hingegen ein reines Lernziel im Vordergrund, zeigten die Probanden kaum Interesse an Fetischen. Letztlich geht es offensichtlich darum, ein Gefühl der Kontrolle über das Leben oder über die Situationen, die sich an sich nicht beeinflussen lassen, zu entwickeln. Psychologisch betrachtet handelt es sich beim Aberglauben daher um eine Kontrollillusion.

Vom Gehirn aus betrachtet ist der präfrontale Cortex für Risikoabschätzungen, Planung und Bewertungen verantwortlich, also letztlich für die Reflexion, wobei diese Fähigkeit des Hinterfragens stets mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit von Ereignissen einhergeht. Das Gehirn hat sich im Lauf der Evolution offensichtlich darauf eingestellt, dass es schwierig sein kann, die Frage nach dem Sinn zu beantworten, wobei unter Umständen Aberglaube das Ergebnis dieser Anpassung des Gehirns an die Unberechenbarkeit der Welt sein kann. Der Aberglaube des Menschen resultiert möglicherweise auch aus dem Versuch, in zufälligen Ereignissen ein Muster, eine Regelhaftigkeit zu erkennen, um die Welt berechenbarer zu machen, als sie eigentlich ist. Dafür hat das Gehirn Mechanismen entwickelt, die nicht bewusst steuerbar sind, denn je unsicherer eine Situation ist, umso mehr sucht das Gehirn nach Hinweisen einer Ordnung. Daher nimmt das Gehirn bei zeitlich zusammenhängenden Ereignissen Ursache und Wirkung an, die eigentlich nicht gegeben sind. In Experimenten, in denen man Probanden Aufgaben stellt, bei denen die Lösung nicht von ihrem Verhalten abhängt sondern allein vom Zufall gesteuert sind, werden die ProbandInnen später dennoch behaupten, den Ausgang beeinflusst zu haben.

Siehe dazu die klassischen Experimente zum abergläubischen Verhalten von Tauben durch Burrhus Skinner.

Zum Aberglauben zählen auch zahlreiche esoterische Praktiken mit der Beschwörung von Schutzengeln – ein amüsantes Beispiel findet sich etwa hier: Ulrichs Schutzengel ist Asaliah.

Literatur
Hamerman, E.J. & Morewedge, C.K. (2015). Reliance on Luck: Identifying Which Achievement Goals Elicit Superstitious Behavior. Personality and Social Psychology Bulletin.





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