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Modediagnose

Eine Modediagnose oder Modekrankheit ist ein unscharf definiertes Krankheitbild, das vor allem durch seine öffentliche Diskussion eine starke, aber meist zeitlich begrenzte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Je unschärfer ein Krankheitsbild ist und je schlechter es zu objektivieren ist, umso größer ist seine Chance auf Verbreitung, wobei Menschen nicht selten ihre persönlichen Symptome in die Erkrankung zu projizieren beginnen. Die Psychiatrie und auch die psychologische Diagnostik sind in vielen Bereichen keine exakten Wissenschaften, denn viele Symptome sind oft nicht exakt messbar, die Übergänge zwischen krank und gesund fließend. Daher kommt es in der Geschichte der Psychiatrie und Psychologie zu zahlreichen Zeitgeistdiagnosen und schwammigen Krankheitsdefinitionen, die viel Raum für modische Einflüsse lassen.

Eine der ersten Modediagnosen war bekanntlich die Neurasthenie, eine Krankheit, deren Hauptsymptom eine allgemeine Erschöpfung bilden, zu der Kopfschmerzen, Ängstlichkeit und Reizbarkeit hinzukommen. Die Diagnose traf damit den Zeitgeist und war vor dem Ersten Weltkrieg eine der meistdiagnostizierten Krankheiten. Die Neurasthenie wurde auch in den internationalen Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen.

Burn-out etwa wurde zu einer regelrechten Modediagnose, die auch noch den Vorzug hat, dass sie die Betroffenen zugleich als besonders fleißig und leistungsfähig auszeichnet, obwohl Burn-out vermutlich nichts anderes als eine klassische Depression darstellt. Ähnliches gilt für die Leisure Sickness, also das Phänomen, dass sich Menschen bevorzugt krank fühlen bzw. erkranken, wenn sie in eine Freizeitphase eintreten.

Auch ADHS ist für die Betroffenen und ihr Umfeld ein massives Problem, doch scheint die Inflation der Diagnosen eher ein Zeichen für überforderte Eltern und ihrem Wunsch nach einer Erklärung zu sein, warum sie mit ihren Kindern nicht zurechtkommen. ADHS bildet nach Ansicht von Experten einen diagnostischen Sammeltopf vieler ganz unterschiedlicher anderer Störungen. 2000 fand man, dass mehr als die Hälfte der ADHS-Diagnosen bei Kindern nicht den Diagnoserichtlinien entsprach und damit falsch war.

Hinter den Begriffen „autistische Störungen“, „autistische Syndrome“, „Autismus“ und „Autismus- Spektrum“ verbergen sich eine Vielzahl an Symptomen, ein weites Spektrum an klinischen Manifestationen und eine große Variationsbreite von Ausprägungsgraden, die eine genaue Diagnostizierung dieser Störungen oft erschweren. Bei frühkindlichem Autismus, atypischem Autismus und Asperger-Syndrom spricht man meist von Autismus, jedoch unterscheidet sich die Art der Betroffenheit zum Teil ziemlich stark. Manche Experten warnen daher davor, dass die Diagnose hochfunktioneller Autismus auf dem besten Weg ist, eine Modediagnose zu werden, wie das bei Burnout schon der Fall war.

Manche Experten meinen auch, dass es sich bei Hochsensibilität um eine Modediagnose oder Trenddiagnose ohne große wissenschaftliche Basis handelt, denn es ist völlig normal, dass Menschen Sinnesreize sehr unterschiedlich verarbeiten und dass ein Übermaß an Eindrücken ermüdet.

Häufig sind psychiatrische Diagnosen auch ideologisch geprägte Werturteile, denn bis 1992 stand auch die Homosexualität noch als Störung im ICD.

Literatur

Stangl, W. (2012). Stichwort: ‚Autismus‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: http://lexikon.stangl.eu/68/autismus/ (2012-07-02)
Stangl, W. (2014). Stichwort: ‚Hochsensibilität‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: http://lexikon.stangl.eu/2896/hochsensibilitaet/ (2014-07-02)
Stangl, W. (2014). Aufmerksamkeit Konzentration Vigilanz Aufmerksamkeitsstörung. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEDAECHTNIS/Aufmerksamkeitsstoerungen.shtml (2014-07-02)
http://flexikon.doccheck.com/de/Modekrankheit (17-11-12)
http://www.op-marburg.de/Mehr/Welt/Ist-Computerspielsucht-nur-eine-Modekrankheit (18-07-01)



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