Schlafdruck

Als Schlafdruck oder Schlafbereitschaft bezeichnet man die körperlich bedingte Schläfrigkeit, die umso größer wird, je länger ein Mensch wach bleibt. Der Schlafdruck wird während des Wachseins langsam aufgebaut und mit Schlafbeginn rasch abgebaut, wobei der rasche Abbau zu Beginn einer Schlafphase mit dem Tiefschlafanteil zusammenhängt.

Je länger man wach bleibt, desto höher steigt die Konzentration an Adenosin, wobei diese als Neuromodulator den Schlafdruck verstärkt und zusammen mit dem zirkadianen Rhythmus beeinflusst, ob man wach ist oder schläft. Adenosin ist eine organische Base mit einem Zuckeranteil, wobei die Energieversorgung des Gehirns bekanntlich hauptsächlich über eine konstante Zufuhr von Glukose erfolgt. Bei der Verbrennung von Zucker entsteht Adenosintriphosphat, der zentrale und universale Energielieferant für zelluläre Prozesse. Wenn die Nervenzellen aktiv sind, verbrauchen sie Adenosintriphosphat und Adenosin bleibt übrig, sodass dessen Menge mit der Zeit ansteigt und an verschiedene Arten von Adenosinrezeptoren andockt. Dadurch kommt eine Signalkette in Gang, welche die Erregbarkeit der Neurone drosselt und  Nervenzellen damit vor übermäßigem Energieverbrauch schützt.

Übrigens besteht die wesentliche Wirkung von Koffein  darin, dass es diesen körpereigenen Stoff Adenosin blockiert, denn sobald Koffein über die Blutbahn ins Gehirn gelangt, setzt es sich an jenen Rezeptoren fest, die normalerweise von Adenosin besetzt werden. In Experimenten wurde gezeigt, dass wenn etwa die Hälfte der Rezeptoren mit Koffein besetzt sind,  sich Menschen in einem Dosisbereich mit guter Wirkung und geringen Nebenwirkungen befinden. Alkohol hingegen fördert als Einschlafhilfe nicht nur die Bildung von Adenosin, sondern hemmt auch dessen Transport und verstärkt so die Wirkung.

Schon nach einer einzigen zu kurzen Nacht leiden die kognitiven Fähigkeiten, doch schläft jemand mehrere Tage hintereinander zu wenig, sind die Einbußen oft gravierend, wobei viele Betroffene wie mit einem Blutalkoholspiegel von 0,6 Promille reagieren.

Untersuchungen haben übrigens gezeigt, dass nur vier Nächte mit auf fünf Stunden begrenztem Schlaf zu nicht tolerierbaren Leistungseinbußen führen, wobei sich kurioserweise bei chronischem Schlafmangel Menschen selbst oft als geistig fitter und wacher fühlen, als sie es tatsächlich sind, d. h., sie unterschätzen den faktischen Leistungsverlust.

Allerdings sind nicht alle Menschen gleich empfindlich gegenüber Schlafmangel, denn etwa ein Drittel der Menschen zeigt sich in Experimenten relativ widerstandsfähig gegenüber Schlafentzug, was vermutlich in genetisch bedingten Unterschieden des Adenosinsystems liegt.

Bewusst aufgebaut wird der Schlafdruck in einer Schlafrestriktionstherapie oder Schlafbeschränkungstherapie, die darauf beruht, dass die Schlafzeit bzw. die Zeit, die im Bett verbracht wird, unter therapeutischer Anleitung stark eingeschränkt wird. Durch diesen teilweisen Schlafentzug wird ein schlafanstoßender Effekt hervorgerufen.

Åkerstedt et al. (2018) haben in einer Studie festgestellt, dass ein über die Woche angehäuftes Schlafdefizit keine gesundheitlichen Nachteile haben, wenn man die Bilanz am Wochenende wieder ausgleicht, d. h., wenn man an einem Wochenende richtig ausschläft, muss man nicht jeden Tag auf die empfohlenen 7 bis 7,5 Stunden kommen, was heute für Berufstätige oft unrealistisch ist. In der Untersuchung wertete man die Schlaf- und Lebensgewohnheiten von fast über vierzigtausend Menschen in Schweden über einen Zeitraum von dreizehn Jahren aus, wobei auch gesundheitliche Einflussfaktoren wie Körpergewicht, Tabak- und Alkoholgebrauch sowie körperliche Aktivität erhoben wurden. Hier zeigte sich, dass Menschen unter fünfundsechzig Jahren, die jede Nacht fünf Stunden oder weniger schliefen, im Vergleich zu Menschen mit dieser Schlafdauer ein erhöhtes Sterberisiko hatten. Das war allerdings dann nicht der Fall, wenn die Menschen mit Schlafmangel am Wochenende lange nachschliefen. Eine erhöhte Sterberate fanden man übrigens auch bei Menschen unter 65 Jahren, die täglich mehr als neun Stunden schliefen, während bei älteren Menschen kaum Veränderungen beim Sterberisiko feststellbar waren, unabhängig davon, wie lange diese an Werktagen und Wochenenden geschlafen hatten.

Literatur

Åkerstedt Torbjörn, Ghilotti Francesca, Grotta Alessandra, Zhao Hongwei, Adami Hans‐Olov, Trolle‐Lagerros Ylva & Bellocco Rino (2018). Sleep duration and mortality – Does weekend sleep matter? Journal of Sleep Research, doi: 10.1111/jsr.12712.
Elmenhorst, D. & Elmenhorst, E.-M. (2018). Risiko Schlafmangel. Gehirn&Geist, 6.



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