Gesundheitsparadox

Als Gesundheitsparadox bezeichnet man das soziale Phänomen, dass der Gesundheitszustand der Bevölkerung zwar kontinuierlich besser wird, gleichzeitig aber Krankheitsängste und Gesundheitszwänge zunehmen, wobei gesundes Essen, der perfekte Körper, Schönheitsideale, exzessiver Sport, Wellness usw. immer häufiger zum Zwang werden, der sogar pathologische Formen annehmen und jedes Wohlbefinden verhindern kann – siehe dazu die Orthorexia nervosa und Anorexia athletica.

Teilweise sind dafür hohe und teils unrealistische Erwartungen an das Gesundheitssystem verantwortlich, auch vor dem Hintergrund seiner hohen, fortschreitenden Kommerzialisierung. Als zentraler Faktor gilt eine zunehmende Rigidität des Gesundheitsbegriffs, die sich in dysfunktionalen Überzeugungen – wie z.B. ´Jede körperliche Missempfindung ist Zeichen einer Erkrankung´- widerspiegelt. Als Folge eines solchen rigiden Gesundheitsbegriffs kann sich im Einzelfall beim Zusammentreffen weiterer Risikofaktoren eine chronisch erhöhte Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper und in der Folge eine somatoforme Störung oder Hypochondrie entwickeln. Die Ursachen dieser Ängste und Zwänge liegen dabei auf kognitiver, affektiver und physiologischer Ebene.

In der Medizin und Psychiatrie bezeichnet der Begriff Gesundheitsparadox hingegen die Situation, dass eine Krankheit vorliegt, obwohl sich der Mensch gesund fühlt, etwa im Zusammenhang mit Psychosen, Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Der Begriff Krankheitsdilemma bezeichnet den Sachverhalt, dass sich ein Mensch krank fühlt aber objektiv gesund ist. Was Menschen übrigens alltäglich für den Erhalt ihrer Gesundheit tun oder nicht, wie sie mit ihrem Körper und Beschwerden umgehen, wie weit sie nahestehende Menschen einbeziehen, wann und mit welchen Erwartungen sie einen Arzt oder Experten aufsuchen, wie sie mit diesen kommunizieren und wie weit sie Behandlungsmaßnahmen akzeptieren und in ihr Alltagsleben integrieren, hängt von ihrem Vorstellungssystem von Gesundheit und Krankheit ab (Faltermaier, 1994). Faltermaier & Kühnlein (2000) fanden dabei vier unterschiedliche individuelle Gesundheitskonzepte: Menschen mit einem On-Off-Schalter-Konzept fühlen sich dann gesund, wenn sie nicht krank sind, und krank sind sie erst dann, wenn die Krankheit ihr Alltagsleben erheblich behindert. Sobald sich diese Menschen an die Beeinträchtigung gewöhnt haben, wird die Krankheit nicht mehr wahrgenommen. Menschen mit einem Batteriekonzept haben hingegen die Vorstellung, dass jedem Menschen nur ein bestimmtes Ausmaß an Gesundheit zur Verfügung steht, wobei diese Batterie auch irgendwann einmal leer sein kann, sodass man eher vorsichtig mit seinen Ressourcen umgeht. Dass man die Gesundheitsbatterie auch wieder durch angemessene Aktivität oder Erholung aufladen kann, ist den Menschen mit einem Akkumulatorkonzept durchaus bewusst, doch findet man die Bereitschaft, über die eigenen Grenzen zu gehen und die Gesundheit über den Ausgangszustand zu heben, bei dieser Gruppe eher selten. Diese Vorstellung ist hingegen typisch Menschen mit der Generatorvorstellung, denn diese Gruppe versteht unter Gesundheit vor allem Handlungsfähigkeit und Wohlbefinden und geht davon aus, dass beides durch aktive Maßnahmen verbessert werden kann. Siehe dazu auch das Konzept der Salutogenese.

Literatur

Faltermaier, T. (1994). Gesundheitsbewußtsein und Gesundheitshandeln. Über den Umgang mit Gesundheit im Alltag. Weinheim: Beltz.
Faltermaier, T. & Kühnlein, I. (2000). Subjektive Gesundheitskonzepte im Kontext: Dynamische Konstruktionen von Gesundheit in einer qualitativen Untersuchung von Berufstätigen. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 8, 137- 154.
Hoefert, Hans-Wolfgang & Klotter, Christoph (Hrsg.). (2018). Gesundheitszwänge. Pabst.



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