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Selbstkomplexität

Das Konstrukt der Selbstkomplexität (self-complexity) wurde von Linville (1985) entwickelt und beruht auf der Annahme, dass Menschen ihr Selbst multimodal organisieren und als eine komplexe, kognitive Struktur verstehen. Diese komplexe Struktur dient in ersten Linie dazu, die Fülle von Informationen, die ein Mensch über sich selber besitzt, zu organisieren und zu verarbeiten. Diese Struktur besteht dabei aus mehr oder minder vielen einander überlappenden Aspekten, die sich auf persönliche Merkmale wie physische Beschaffenheit, eingenommene soziale Rollen, Aktivitäten, Präferenzen und Beziehungen bestehen. In unserer Gesellschaft bestimmt die Individualität wesentlich den Wert des Selbstbildes, doch können Menschen gar nicht umhin, sich in vielen Situationen auch in kollektiven Kategorien wie als Frau, Raucher, ängstlich oder mutig zu definieren, wobei diese wesentlich vom Selbstkonzept, also dem Wissen über die eigene Person, bestimmt wird. Selbstkomplexität umfasst daher einerseits die Anzahl der Selbstaspekte, mit denen das Selbst beschrieben wird und sich an verschiedenen Rollen wie Sportler, Schüler, Freund festmachen lassen, sowie die Beziehung dieser Selbstaspekte zueinander.

Selbstkomplexität kann man daher als die Anzahl von messbaren Selbstaspekten operationalisieren, die ein Mensch zur Organisation seines selbstbezogenen Wissens heranzieht bzw. als Ausmaß des Zusammenhangs dieser Aspekte untereinander. Menschen unterscheiden sich darin, wieviele Aspekte ihrer Persönlichkeit sie dabei bewusst entwickeln, pflegen und ausleben. Daher ist es wichtig, diese eigene Diversität zu pflegen und bewusst zu organisieren, denn der Grad an Selbstkomplexität bestimmt sich auch dadurch, dass man sein eigenes Selbst als vielfältig und auch nicht immer als widerspruchsfrei akzeptiert. Eine große Selbstkomplexität zeigen demnach Menschen mit einer Vielzahl von Selbstaspekten, die völlig unabhängig voneinander sind, wobei Selbstkomplexität die Funktion eines kognitiven Puffers haben kann, der extreme affektive Schwankungen und die belastenden Wirkungen von Stress mildert (Ambiguitätstoleranz).

Die meisten Menschen haben eine Vielzahl von Interessen, Bindungen, Loyalitäten oder Leidenschaften, die mitunter schwierig auszubalancieren sind ohne in innere Konflikte zu geraten, wobei Menschen oft Sicherheit und inneren Halt in einer stark überpointierten Haltung oder Meinung suchen und sich in diesen mehr oder minder verrennen können. Langfristig ist es für die psychische Gesundheit vorteilhaft, die innewohnende Diversität nicht nur auszuhalten sondern auch aktiv zu pflegen. Bekanntlich beginnen Toleranz und Offenheit im eigenen Kopf, sodass man mit einem nachsichtigen Blick auf die eigenen inneren Widersprüche besser leben kann als mit einer rigiden Haltung. Es gibt dabei einen Zusammenhang zwischen Selbstkomplexität und der Fähigkeit zur Selbststeuerung bzw. Selbstkontrolle, denn Menschen mit einer geringer Selbstkomplexität geraten leicht in Stress und zeigen bei Rückschlägen Panik- und Vermeidungsreaktionen, geben in komplexen und für die kritischen Situationen schnell auf und vermeiden die Selbstreflexion, in denen ihnen diese einander widerstrebenden Aspekte ihrer Persönlichkeit bewusst werden. In der Regel sind selbstkomplexe Menschen bei großen Herausforderungen ausdauernder und aktiver, denn sie können die eigenen Impulse und Emotionen besser kontrollieren und deshalb auch bessere Entscheidungen treffen.

Literatur

Linville, Patricia W. (1985). Self-complexity and affective extremity. Social Cognition, 3, 94-120.
https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/selbstkomplexitaet/13926 (14-12-12)
https://www.spektrum.de/kolumne/sind-sie-selbstkomplex/1557810 (18-04-13)



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