sekundäre Traumatisierung

Als sekundäre Traumatisierung bezeichnet man das Phänomen, dass TherapeutInnen in der Auseinandersetzung mit dem primären Träume ihrer KlientInnen, also indem sie zu viel von primären Traumata „miterleben“ müssen, gleichfalls traumatisiert werden können. PsychotherapeutInnenen, die sekundär traumatisiert sind, gehen dann oft selbst in Psychotherapie bzw. nutzen eine oft verpflichtende Supervision. Eine solche sekundäre Traumatisierung findet man allerdings nicht nur bei PsychotherapeutInnen, sondern auch bei Rettungskräften oder Angehörigen von Opfern. Das bedeutet letztlich, dass jemand, der mit traumatisierten Menschen zusammen lebt oder ihnen fachlich hilft, durch die indirekte Begegnung mit dem Trauma ebenfalls traumatisiert werden kann.
Das Phänomen der sekundären Traumatisierung ist vor allem bei traumatherapeutisch arbeitenden PsychologInnenvirulent, denn sie wissen um die Gefahr der psychischen Ansteckung und der Mittraumatisierung, die von den therapeutischen Gesprächen mit schwertraumatisierten Menschen ausgeht (sekundäre traumatischen Belastungsstörung). Gleichzeitig können aber in diesem Zusammenhang unangemessene Reaktionen bei der Aufdeckung oder übereilte Interventionen nach Katastrophen ebenfalls eine sekundäre Traumatisierung der Opfer bedeuten, wie sie häufig nach Katastrophen oder bei sexuellem Missbrauch auftreten.

Eine sekundäre Traumatisierung unterscheidet sich aber in einigen Punkten von einer primären, denn während primäre Traumaopfer das traumatisierende Ereignis meistens nicht vorhersehen können, wissen Therapeuten genau, wann eine therapeutische Sitzung stattfindet, in der Traumamaterial berichtet werden könnte. Primäre Traumaopfer können zumeist den Verlauf des traumatisierenden Ereignisses wenig beeinflussen, während Therapeuten in der Lage sind, auf den Verlauf der Sitzung mit Hilfe therapeutischer Techniken Einfluss zu nehmen (Therapeutische Distanz). Außerdem können Therapeuten im Gegensatz zu den Patienten auftretende posttraumatische Symptome als solche erkennen und auf sie fachkundig reagieren (Therapeutische Kompetenz).

Manche halten die sekundäre Traumatisierung auch für ein Artefakt, denn möglicherweise sind Psychotherapeuten früher selber traumatisiert worden und verarbeiten nur diese eigenen Traumata.

Literatur

https://www.aerzteblatt.de/archiv/68022/Sekundaere-Traumatisierung-Mythos-oder-Realitaet (17-11-21)



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