Reziprokes Handeln

Reziprokes Handeln bzw. reziprokes Verhalten beschreibt in der Sozialpsychologie ein Handeln nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit, bei dem in dieser Form der Interaktion ein möglichst gleichwertiges Geben und Nehmen beim Erbringen von Leistungen und Gegenleistungen stattfindet (Gütertausch).

In den Stufen der sozial-kognitiver Entwicklung nach R. L. Selman (1984) wird das im Alter von sechs bis zwölf Jahren erreicht, wobei sich ein reflexives Verständnis der Subjektivität entwickelt, d. h., das eigene Handeln wird aus dem Blickwinkel des anderen reflektiert und umgekehrt dessen Reaktion auf das eigene Handeln vorweggenommen. Voraussetzung für enge Freundschaften ist dabei die Fähigkeit zur Koordination von Perspektiven und die Fähigkeit zur Selbstreflexion, was bedeutet, die Möglichkeit das Selbst mit den Augen eines anderen zu sehen. Erst auf diesem Entwicklungsniveau entsteht die Einsicht, dass in einer Beziehung die Bedürfnisse beider Partner koordiniert werden müssen, um gemeinsame Ziele zu erreichen.

Die meisten Menschen entwickeln in ihrem Leben daher das Bedürfnis, sich für einen Gefallen erkenntlich zu zeigen, d. h., Menschen sind motiviert, für eine ihnen erbrachte Leistung später eine Gegenleistung zu erbringen. Rein ökonomisch erscheint reziprokes Handeln auf den ersten Blick unvernünftig, denn man hat zunächst keine Garantie, dass man jemals etwas für sein Geben zurückbekommt. Vermutlich hat sich reziprokes Handeln aber aus evolutionstheoretischer Perspektive als vorteilhaft erwiesen, indem es den Austausch von Ressourcen und Ideen gefördert hat, sodass sich Systeme gegenseitiger Unterstützung und Handelns entwickeln konnten. Des weiteren kann auf der Beziehungsebene durch eine solche Reziprozität Vertrauen und Respekt aufgebaut werden.

Reziprokes Handel ist nach neueren Untersuchungen (Schweinfurth & Taborsky, 2018) auch in der Tierwelt verbreitet, denn so betreiben Ratten einen Tauschhandel mit Dienstleistungen. Man konnte experimentell nachweisen, dass weibliche Wanderratten Artgenossinnen helfen, indem sie ihnen entweder Futter beschafften oder Fellpflege betreiben. Dabei konnten sie, wenn sie vorher von der Partnerin Futter bekommen hatten, diese im Gegenzug putzen, oder sie konnten diese mit Futter versorgen, nachdem sie von ihr geputzt worden waren. Die Ratten machten dabei ihre Hilfsbereitschaft von der Erfahrung abhängig, ob ihnen zuvor von genau jener anderen Ratte geholfen worden war.

Siehe auch Reziprozität.

Literatur

Schweinfurth, M. K. & Taborsky, M. (2018). Reciprocal Trading of Different Commodities in Norway Rats. Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2017.12.058.
Selman, R. L. (1984). Die Entwicklung des sozialen Verstehens. Frankfurt: Suhrkamp.



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