Embodiment

Embodiment (Verkörperung oder Inkarnation) ist ursprünglich eine These aus der Kognitionswissenschaft, nach der menschliche Intelligenz ein Substrat benötigt, also die physikalische Interaktion mit dem Körper voraussetzt. Dass menschliches Fühlen und Wahrnehmen bzw. Urteilen massiv vom Körper beeinflusst ist, wissen Psychologen seit vielen Jahren. Ob jemand stolz ist, sich stolz fühlt, hängt auch damit zusammen, ob man  aufrecht und gerade oder gebeugt und gekrümmt sitzt, aber auch das Urteilsvermögen wird von rein körperlichen Momenten bestimmt und beeinflusst. Vereinfacht gesagt, das Prinzip des Embodiments ist die Hypothese, dass nicht nur die Psyche den Körper beeinflusst, sondern auch umgekehrt wirken sich die Selbstwahrnehmung und der Umgang mit dem Körper auf die Psyche aus. Die These des Embodiment aus der neueren Kognitionswissenschaft, nach der Bewusstsein einen Körper benötigt, also eine physikalische Interaktion voraussetzt, ist somit der klassischen Interpretation des Bewusstseins etwa im Sinne des Kognitivismus diametral entgegengesetzt und kann als Wende in der Kognitionswissenschaft betrachtet werden.

Die Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche ist aber eine beidseitige, denn psychische Zustände drücken sich nicht nur im Körper aus, also nonverbal, in der Körpersprache und Haltung, sondern auch Körperzustände beeinflussen psychische Zustände. Ein gutes und realistisches Körpergefühl ist somit essenziell für menschliches Wohlbefinden. In der Anpassung an wechselnde Lebensphasen und Lebenswirklichkeiten kann es jedoch vorübergehend oder dauerhaft verlorengehen, oft mit der Folge schmerzhafter Verdrängungen. Dass Körper und Geist zusammenhängen, wird in der Philosophie unter dem Oberbegriff „Leib-Seele-Dualismus“ seit Jahrhunderten diskutiert. Das Kognitionsverständnis des Embodiment betrachtet etwa Wahrnehmung nicht als Prozess der Abbildung sensorischer Stimuli auf ein inneres Modell der Welt, sondern als eine sensomotorische Koordination, die sich immer im Gesamtkonzept eines handelnden Lebewesens (complete agent) ereignet. Der Begriff Embodiment wird zunehmend in der Sozialpsychologie und Klinischen Psychologie verwendet, um die Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche zu betonen, wobei vor allem darauf fokussiert wird, dass Körperzustände psychische Zustände beeinflussen, indem Körperhaltungen, die aus irgendeinem Grund eingenommen werden, Auswirkungen auf Kognition (z.B. Urteile, Einstellungen) und Emotionalität zeigen.

Die Wahrnehmung ist also kein Prozess der Abbildung sensorischer Stimuli auf ein inneres Modell der Welt, sondern eine sensomotorische Koordination, die sich immer im Gesamtkonzept eines handelnden Wesens ereignet. Embodiment ist demnach ein universelles Phänomen, das jeden Bereich des Lebens umfasst. Allgemeiner wird der Begriff Embodiment in der Sozialpsychologie und klinischen Psychologie verwendet, um die Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche zu betonen, d.h., dass sich psychische Zustände einerseits im Körper ausdrücken („nonverbal“ als Gestik, Mimik, Prosodie, Körperhaltung), andererseits sich auch Wirkungen in umgekehrter Richtung zeigen, dass Körperzustände wie Mimik oder Körperhaltungen psychische Zustände beeinflussen. Gefühle und andere mentale Vorgänge können daher durch körperliche Empfindungen beeinflusst werden, denn wenn Menschen etwa in einem Experiment einen Bleistift quer in den Mund nehmen und sich dadurch automatisch deren Mundwinkel hoben, fanden sie eine Reihe von Cartoons deutlich lustiger als ohne Stift im Mund, d.h., auch das unbewusste Lächeln versetzt in eine fröhlichere Stimmung.
Aber nicht nur die Mimik sondern auch die Körperhaltung beeinflussen, wie man sich fühlt und wie man sich selbst sieht, was auch im psychologischen Coaching oder in der Körperpsychotherapie genutzt wird, in denen die TeilnehmerInnen lernen, die eigene Körperhaltung und Mimik bewusst zu beobachten und anschließend zu verändern. Mit einer aufrechten Körperhaltung strahlt man einerseits mehr Selbstbewusstsein aus und fühlt sich tatsächlich auch deutlich selbstsicherer als jemand, der eher zusammengekauert dasitzt. Embodiment spielt vermutlich auch bei der Bewertung von menschlichen Eigenschaften oder Moralvorstellungen eine Rolle, denn in Experimenten hat sich gezeigt, dass jemand, der eine warme Tasse in der Hand hält, freundlicher zu seinen Mitmenschen ist als mit einer kalten. Kurioserweise zeigen etwa auch Menschen, die eine Rolltreppe nach oben fahren, mehr Mitgefühl beim Spenden als die, die sich auf der Rolltreppe nach unten bewegen.

Die enge Verknüpfung von Körperlichem und Abstraktem kommt vermutlich deshalb zustande, dass Menschen für die Wahrnehmung der Welt Konzepte und Vorstellungen von konkreten Gegenständen benutzen, und um diese kognitiv erzeugen zu können, kommt es zu Rückgriffen auf körperliche Vorstellungen. Viele dieser Vorstellungen entstehen schon in früher Kindheit, denn etwa die Vorstellung, was eine Tasse ist, entsteht bei Kindern vermutlich erst dadurch, dass sie viele Tassen ansehen, anfassen und benutzen, sodass später das Denken an eine Kaffeetasse auch jene Areale im Gehirn aktiviert, die für das Greifen zuständig sind. Man denke dabei nur an die Vorstellung einer Wendeltreppe oder Spirale, die ohne körperliche Konnotationen fast nicht vorstellbar oder beschreibbar sind. Auch abstrakte Begriffe wie „Macht“ oder „Warmherzigkeit“ leiten sich offensichtlich für das Gehirn aus sensorischen Erfahrungen in der frühen Kindheit ab. Nach der Embodiment-Forschung sind auch viele abstrakte Vorstellungen auf Basis der körperlichen Erfahrung entstanden, z.B. aufgrund der Körperachse: „Oben“ wird typischerweise mit „mehr“ und „besser“ assoziiert, unten mit „weniger“ und „schlechter“. Ähnlich verhält es sich auch mit „links“ und „rechts“.

Eine Studie amerikanischer Wissenschaftler kam übrigens zu dem Ergebnis, dass bei bei extremen Gefühlen wie Schmerz, Freude, Trauer, Ekstase nicht der Gesichtsausdruck verrät, ob die Betroffenen gerade Freude oder Leid erleben, vielmehr zeigt eher die Körperhaltung als die Mimik, was in einem Menschen vor sich geht. Man schließt daraus, dass die Gesichtsmuskulatur nicht darauf ausgelegt ist, extrem intensive Gefühle genau auszudrücken, sondern es interpretieren Beobachter die Mimik gemäß den Informationen, die die Körperhaltung ausdrückt. Dennoch unterliegen Menschen der Illusion, das Gefühl hauptsächlich aus dem Gesicht abzulesen, was vermutlich automatisch abläuft, denn die ProbandInnen waren sind sich der Zweideutigkeit der Botschaften des Gesichts und des Körpers kaum bewusst.

Aktuelle Arbeiten im Bereich Embodied Cognition legen nahe, dass körperliche Zustände Einfluss auf das menschliche Denken und Handeln nehmen, denn so aktiviert eine aufrechte Haltung mentale Konzepte wie Moral oder Dominanz. In einem psychologischen Experiment bearbeiteten Probanden eine lexikalische Entscheidungsaufgabe, die entweder die abstrakten Konzepte Dominanz oder Moral aktivierten sollte. Anschließend wurde ein Diktatorspiel durchgeführt, in dem entschieden werden musste, wie viel von einem fiktiven Geldbetrag an einen Mitspieler abgegeben werden soll. Die entscheidende Manipulation lag in der Körperhaltung, die Probanden zur Aufgabenbearbeitung an einem Touchscreen einnehmen mussten: Während an einem auf Augenhöhe an der Wand angebrachten Display eine aufrechte und geöffnete Haltung eingenommen wurde, saßen Probanden an einem tischbasierten Display in geschlossener und gebückter Haltung. Wie vermutet, moderierte das Priming von Dominanz oder Moral den Effekt der Körperhaltung auf die Höhe der Abgaben im Diktatorspiel, wobei ein Dominanzpriming zur Folge hatte, dass Probanden in stehender Position weniger Geld an ihre Mitspieler abgaben als in sitzender Haltung. Wurde vorher Moral geprimet, zeigte sich das umgekehrte Verhalten, denn stehende Probanden gaben mehr an Mitspieler ab als in sitzender Haltung (Hurtienne et al., 2014).

Da Körper und Psyche eng miteinander verwoben sind, ist es auch möglich, mit Psychotherapie auf diese Vorgänge einzuwirken und vom Gehirn angerichtete Teufelskreise zu unterbrechen, wie sie etwa bei Essstörungen oder Stress auftreten. Schon immer haben Menschen versucht, über die Psyche Einfluss auf Krankheiten zu nehmen, indem sie die Selbstheilungskräfte unterstützten, wobei Rituale, Hypnose und Naturheilverfahren in fast allen Kulturen praktiziert werden. Nach der im 18. Jahrhundert aufkommenden naturwissenschaftlich geprägten Medizin und auch Psychologie fehlen aber die schlüssigen Beweise und rationalen Begründungen für die Wirkung dieser Methoden.

Power Posen nur bedingt wirksam

Eine Studie von Ranehill et al., (2015) hat übrigens gezeigt, dass Posen der Macht weniger wirksam als gedacht wirken. Nach früheren Untersuchungen (etwa Cuddy et al., 2012) sollen Power-Posen wie Beine auseinander, Brust heraus, Schultern nach hinten die Hormonproduktion sowie die Risikobereitschaft beeinflussen, wobei Power-Posen das Verhalten nicht beeinflussen, sie lassen den Betreffenden sich allenfalls sicherer fühlen. Power-Posen haben danach weder Auswirkungen auf das Männlichkeitshormon Testosteron, das Stresshormon Cortisol, noch auf das tatsächliche Verhalten der Probanden. Die körperliche Machtdemonstration beeinflusst hingegen die eigene Wahrnehmung von Macht, ein Ergebnis, zu dem auch vorangehende Studien gekommen sind. Dies deutet darauf hin, dass der wesentliche Einfluss von Power-Posen darin besteht, dass die Probanden feststellen, dass sie sich selbstsicherer fühlen, jedoch ohne dass sich das auf ihr Verhalten oder ihre Physiologie auswirkt. In der Studie mussten etwa jeweils einhundert Männer und Frauen nach dem Zufallsprinzip Körperhaltungen mit viel Macht bzw. mit wenig Macht einnehmen. Die Teilnehmer führten danach eine Aufgabe zur finanziellen Risikobereitschaft durch, bei der sie, wie in einer früheren Studie zwischen fixen Geldbeträgen und risikoreichen Glücksspielen wählen konnten. Um die Auswirkung der Power-Posen auf den Hormonspiegel zu messen, wurden von jedem Teilnehmenden zwei Speichelproben – eine vor und eine nach der Studie – analysiert.

Greifen und Begreifen

Die These des Embodiments von Wissen hat auch dazu geführt, dass Theorien der Kognitionsforschung heute annehmen, dass das menschliche Gedächtnis als Teil von Begriffen auch Körperempfindungen speichert, d. h., ein Wort wie ,Quirl‘ speichert das Gehirn wie in einem Lexikon und assoziiert es mit Konzepten wie unbelebt und Küchengerät, zusätzlich verbindet es das Wort mit der Erfahrung, wie sich ein Schneebesen anfühlt und dass etwa eine Schleuderbewegung damit verbunden ist. In Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass wenn die Versuchspersonen beim Lesen auch ein Objekt ergreifen mussten, ihr Gehirn Teile der Wortbedeutung früher verarbeitet  hat als in Situationen, in denen Wörter beurteilt wurden, ohne dass etwas angegriffen wurde. Ein einem Versuch (Koester & Schack, 2016) saßen Probanden am Bildschirm und hatten drei nebeneinander liegende Würfel vor sich: einer so groß wie ein Apfel, einer wie ein Tischtennisball und einer wie ein Spielwürfel. Auf dem Bildschirm waren drei weiße Felder nebeneinander angeordnet. Nun erschienen Wörter in einem der Felder, einmal Phantasiebegriffe und einmal echte Begriffe. Wurde ein Pseudowort wie „Quarl“ eingeblendet, mussten die Probanden nichts tun, erschien jedoch ein echtes Wort wie „Orange“, so sollten sie den unter dem Feld liegenden Würfel greifen. Die Analyse der Gehirnaktivität mittels EEG zeigte, dass das Verstehen schon nach einer Zehntelsekunde begann, wenn eine Greifaktion erforderlich war, während es in früheren Studien ohne diese Greifaufgabe eine Drittelsekunde dauerte, bis das Gehirn den Begriff verarbeitet hatte. Die Untersuchung belegt damit nicht nur, dass das Gehirn über gemeinsame Steuerprogramme für Sprache und Bewegung verfüg, sondern zeigt auch, dass sich die Verarbeitungsschritte unseres Gehirns sehr schnell verändern und an aktuelle Aufgaben wie das Zugreifen beim Lesen anpassen.

Literatur & Quellen
Cuddy, A. J. C., Wilmuth, C. A. & Carney, D. R. (2012). The Benefit of Power Posing Before a High-Stakes Social Evaluation. Harvard Business School Working Paper, No. 13-027.
Hurtienne, J., Löffler, D. & Schmidt, J. (2014). Zur Ergonomie prosozialen Verhaltens: Kontextabhängige Einflüsse von Körperhaltungen auf die Ergebnisse in einem Diktatorspiel. TEAP’14 Tagung experimentell arbeitender Psychologen. In A. C. Schütz, K. Drewing, K.R. Gegenfurtner (Hrsg.), Abstracts of the 56th Conference of Experimental Psychologists. Pabst.
Koester, D. & Schack, T. (2016). Early neurophysiological interaction of conceptual and motor representations. PLOS ONE, doi.org/10.1371/journal.pone.0165882.
Ranehill, E., Dreber, A., Johannesson, M., Leiberg, S., Sul, S. & Weber, R. A. (2015). Assessing the Robustness of Power Posing: No Effect on Hormones and Risk Tolerance in a Large Sample of Men and Women. Psychological Science, March 25,. doi: 0.1177/0956797614553946.
http://de.wikipedia.org/wiki/Embodiment (10-02-03)
http://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article12642760/Wie-koerperliches-Empfinden-die-Gefuehle-beeinflusst.html (11-01-26)




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  1. 2 Responses to “Embodiment”

  2. Super Artikel. Würde gern mehr Beitraege zu der Thematik lesen. Ich freue mich schon auf die naechsten Posts.

    By Danuta on Feb 27, 2011

  3. Kurioses: Das Konzept des Embodiment liest sich dann in einer Zeitschrift unter dem Titel „Mit diesem Trick veräppeln Sie Ihr Gehirn bis Sie gut gelaunt sind“ so: Wer ernst und streng schaut, macht sich das Leben unnötig schwer. Dabei wäre es so einfach, sich wohler zu fühlen. Die Geheimwaffe: ein Lächeln. Probieren Sie es doch einmal aus!“

    By Geheimwaffe Lächeln ;-) on Mai 2, 2016

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