Schmerztherapie

Schmerzen werden in der Regel dann als chronisch bezeichnet, wenn sie sechs Monate und länger andauern, wobei Menschen oft in einen Teufelskreis geraten, denn sie haben Angst vor den Schmerzen und bewegen sich deshalb nicht richtig, sind in ihrem Privatleben beeinträchtigt und fallen bei der Arbeit aus. Schmerzen sind übrigens bei chronischen Erkrankten auch dann noch fühlbar, wenn der Schmerzreiz objektiv gar nicht mehr nachweisbar ist, wenn also die Ursache gar nicht mehr vorhanden ist. Der Schmerz als unangenehmes körperbezogenes Gefühl hat sich dabei wie andere Gefühle im limbischen System des Gehirns festgesetzt. Das alles schlägt sich auf die Stimmung, und der Schmerz gerät immer stärker in den Vordergrund, wobei hinzukommt, dass sich die Betroffenen nicht ernst genommen fühlen, wenn der Arzt die Diagnose stellt, nichts Konkretes finden zu können, was den Schmerz auslöst.

Schmerz ist im Prinzip ein wichtiges Warnsignal, dass etwas im Körper nicht in Ordnung ist und geändert werden muss, wobei es viele Auslöser für akute Schmerzen gibt, etwa einen Bandscheibenvorfall, Rheuma, Arthrose, Migräne, aber auch manche Krebserkrankungen. Heute setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass neben der Behandlung der Grunderkrankung und der Suche nach den Ursachen auch die Therapie der Schmerzen wichtig ist, denn diese unterliegen dem psychologischen Mechanismus des Lernens. Wenn etwa ein Reiz lange Zeit gesetzt wird, so verändern sich Strukturen im Gehirn, d.h., Schmerz ist für das Gehirn gewissermaßen durch häufiges Üben erlernbar, denn die Aufmerksamkeit auf den Schmerz ist erhöht und es entwickelt sich ein Schmerzgedächtnis, bei dem man den Schmerz bei bestimmten Bewegungen geradezu erwartet. Chronische Schmerzen sind nämlich keine akuten Schadensmeldungen mehr, sondern basieren auf einem Lernprozess. Bekanntlich hemmen körpereigene Botenstoffe wie Endorphine oder Adrenalin die Weiterleitung eines Schmerzsignals schon im Rückenmark, was etwa dabei hilft, nach einer akuten Verletzung vorübergehend handlungsfähig zu bleiben, um sich etwa einer Gefahrensituation zu entziehen. Das funktioniert bei kurzen, heftigen Schmerzen, wie bei einem Knochenbrüchen oder bei Verbrennungen meist recht gut, doch bei eher schwächeren, dafür aber permanent wiederkehrenden Schmerzen reagieren diese körpereigenen Dämpfungssysteme häufig nicht und die Schmerzsignale gelangen so ungehindert in das Gehirn. Bei solchen häufig wiederkehrenden Reize reagiert das Nervensystem nämlich damit, indem es deren Verarbeitung optimiert, also den Schmerz lernt. Auf neurobiologischer Ebene bedeutet das, dass wie auch bei anderen Formen des Lernens die beteiligten Neuronen bzw. Synapsen umgebaut und verfestigt werden. Dadurch reagiert das Gehirn auf diese Reize immer schneller und empfindlicher, wobei manchmal die Reizschwelle so weit absinkt, dass schon ein geringfügiger, kaum spürbarer Anlass Schmerzen verursacht und weiter präsent bleibt und wiederkehrt. Wie gut ein Schmerz gelernt wird, hängt aber auch entscheidend davon ab, wie der Betroffene diesen bewertet, denn mit jedem Schmerzsignal werden limbische Strukturen wie die Amygdala, der Hippocampus sowie große Anteile des frontalen Cortex und des cingulären Cortex aktiviert und färben jedes Schmerzsignal emotional, wobei je öfter es aufritt und je stärker es mit Gefühlen verknüpft ist, desto größer ist die Gefahr, dass sich der Schmerz einbrennt. Bei den Betroffenen führt das nach einer gewissen Zeit zu Ängsten, Niedergeschlagenheit und Passivität, also alles Faktoren, die eine Chronifizierung von Schmerzen zusätzlich begünstigen. Es ist nämlich nicht immer eindeutig bestimmbar, ob ein Mensch auf Grund von chronischen Schmerzen Ängste vor diesen entwickelt hat, oder ob er depressiv ist, weil sich sein Leben so negativ verändert hat, oder der Mensch zuerst eine Angststörung oder auch eine Depression hatte und dadurch beeinträchtigt ist, den Schmerz richtig zu verarbeiten.

Bei einer Therapie ist es daher wichtig, Ängste abzubauen und die Betroffenen aktiv zu halten, d. h., sie müssen lernen, dass sie ihren Schmerzen nicht hilflos ausgeliefert sind. Dazu eignet sich eine pharmakologisch gestützte kognitive Verhaltenstherapie, bei denen Schmerzmittel unterstützend eingesetzt werden, um die Betroffenen aus ihrer Schonhaltung zu holen, denn die Medikamente dämpfen den bei Bewegung gefürchteten Schmerzreiz oder unterbinden ihn ganz. Dieser „Vorhersagefehler“ ist gemeinsam mit dem Erleben von Selbstwirksamkeit ein entscheidender Faktor für das Überschreiben bereits eingebrannter Schmerzen. Erlebt der Betroffene nämlich immer wieder, dass sich seine Schmerzerwartung nicht bestätigt, dann verliert er nach und nach die Angst vor dem Schmerz und macht zumindest teilweise den Abbau der am Schmerzerleben beteiligten neuronalen Verbindungen rückgängig (Zieglgänsberger, 2017).

Bei multimodalen Therapiekonzepten kommen physiotherapeutische (z.B. Krankengymnastik), psychotherapeutische (z.B. Schmerzbewältigungsstrategien) und insbesondere medikamentöse Verfahren zum Einsatz. Oft werden zusätzlich hochpotente Wirkstoffe verabreicht, insbesondere aus der Gruppe der Morphine (Opiate), der Antidepressiva und andere zentralnervös wirkenden Mittel (z.B. Antiepileptika). Derartige Medikamente sind bei stärksten Schmerzen manchmal nicht zu vermeiden und sollen nach gegenwärtigem Erkenntnisstand relativ frühzeitig eingesetzt werden, um die Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses zu verhindern. Naturgemäß ist eine Pharmakotherapie häufig von erheblichen Nebenwirkungen begleitet und meistens langfristiger Natur. Die Behandlung von chronischen Schmerzpatienten erfordert daher physiologische und psychologische Unterstützung, denn neben der Einnahme von Medikamenten sind auch Maßnahmen wie Physiotherapie, Entspannungstechniken, Bewegung und oft auch eine ergänzende Psychotherapie hilfreich. Wer an Schmerzen leidet, die chronisch zu werden drohen, sollte sich möglichst bald in eine Schmerztherapie begeben, wobei hier eine psychologische Hürde besteht, denn manchmal sind Schmerzen eben leichter zu ertragen, als sich unangenehme Fragen stellen zu müssen. Eine auf der Akupunktur beruhende Therapie chronischer Schmerzen ist die Störherdtherapie, die etwa über die Ohr-Akupunktur nach Bahr und Nogier erfolgt. Dabei wird meist auch deutlich, welchen Anteil die Psyche am Gesamtgeschehen hat, wobei sich der Therapieerfolg klinisch an drei Parametern zeigt: die Schmerz-Dauer wird kürzer, die Schmerz-Intensität wird geringer und der Schmerz tritt seltener auf.

Siehe auch Schmerzpsychotherapie – Verhaltenstherapie im Rahmen der Schmerztherapie

Quellen & Literatur

Löll, Christiane (2011). Schmerz, lass nach! Hamburger Abendblatt vom 189. Februar 2011.
http://www.chronifizierung.de/chronifizierung/ (12-19-21)
Zieglgänsberger, W. (2017). Wie entstehen chronische Schmerzen?
WWW: http://www.spektrum.de/frage/wie-entstehen-chronische-schmerzen/1492883 (17-11-14)



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