Ostereier-Didaktik

Ostereier-Didaktik ist eine von Neuweg (2003) vorgeschlagene Bezeichnung für die heute propagierten offenen Lernumgebungen bzw. Selbstentdeckungsdidaktiken, die nur in der theoretischen pädagogischen Diskussion funktionieren, nicht aber in der Schulpraxis. Bei der Ostereier-Didaktik versteckt der Lehrende den Lehrstoff vor den Schülern wie ein Osterei, und diese müssen ihn dann suchen und selbst finden. Im Original: „Das kann man einfacher haben. Man gibt den Schülern die Fakten und Theorien, die sie lernen sollen, statt darauf zu warten, bis sie diese selbst entdecken. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum die Unterrichtspraxis so hartnäckig am Frontalunterricht festhält? Er ist die wirksamste Methode, um Menschen möglichst rasch und vollständig mit Wissen auszustatten. Das meiste von dem, was jemand wirklich weiß, besteht aus Einsichten, die von anderen entdeckt und ihm dann weitervermittelt worden sind. Niemand wird ernsthaft behaupten, dass junge Leute das gesamte kulturelle Wissen ihrer Vorfahren durch Selberentdecken erwerben können. Man kann lange warten, bis ein junger Mensch von selbst den Lehrsatz des Pythagoras, den Leverage-Effekt oder das System der Doppelten Buchhaltung entdeckt. Das charakteristischste Merkmal menschlicher Kultur ist die Tatsache, dass die gesammelten Entdeckungen von Jahrtausenden nicht von jeder Generation aufs Neue entdeckt werden müssen. Probieren Sie es aus: Streichen Sie alle Lehrervorträge und ersetzen Sie sie durch Diskussionen, Gruppenarbeiten, Rollenspiele, Planspiele. Sie werden schnell feststellen, dass Sie auf diese Weise nicht einmal mehr die wichtigsten Lehrplaninhalte durchnehmen können.“

Literatur

Neuweg, G. (2003). Lehren und Lernen im Spannungsfeld von Instruktion und Konstruktion – Ein fiktives Streitgespräch. Zeitschrift Erziehungswis­senschaft und Beruf, 51,  293 – 299.
Die wörtliche Formulierung entstammt der Schriftfassung eines am 20. April 2012 an der Johannes Kepler Universität Linz gehaltenen Vortrags des Autors.



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