Bindung

Das erste Glück eines Kindes
ist das Bewusstsein,
geliebt zu werden.
Don Bosco

Bindung (attachment) ist das emotionale Band zwischen einem sehr kleinen Kind und seiner Bezugsperson, wobei das Kind  die Nähe zur Bezugsperson sucht und  auf Trennung mit Kummer und Schmerz reagiert. Man nahm früher an, dass mit etwa sechs Monaten  die Bindung an eine primäre Bezugsperson beginnt. Der britische Arzt und Psychoanalytiker John Bowlby war der erste, der die kindliche Entwicklung konsequent aus evolutionärer, darwinistischer Sicht betrachtete. Dass Darwin so kränklich war, erklärte Bowlby durch den frühen Verlust seiner Mutter. Bowlby selbst klagte, dass seine Mutter ihn jeden Tag nur eine Stunde zum Tee gesehen und mit sechs Jahren ins Internat gesteckt hatte.

Bindung beginnt aber letztlich bei der Geburt und ist dann gegeben, wenn sich ein Kind sicher und beschützt fühlt, wenn es die Umwelt erkundet, selbstständig wird und sich in psychologisch Sinn positiv entwickelt. Eine sichere Bindung fördert nach den Ergebnissen bisheriger Forschung die soziale Kompetenz, das Selbstvertrauen und auch die Selbstregulation, also alles Faktoren, die auch einen Schutz vor aggressivem Verhalten darstellen. Die emotionale Bindung eines Kleinkinds zu einer Bezugsperson bzw. zu seinen Eltern hat also eine hohe Bedeutung für dessen weitere Entwicklung, denn diese ist die beste Voraussetzung für ein Kind, auch im Jugend- oder Erwachsenenalter Vertrauen zu anderen Menschen aufbauen zu können. Bindung bedeutet, dass das Kind ein Urvertrauen zu einer einzigen Person aufbaut, die nicht austauschbar ist, wobei dieses Bedürfnis des Kindes biologisch verankert ist und zu einer hohen Qualität der Beziehung führen kann, wenn die erwachsene Person darauf mit dem richtigen Verhalten antwortet. Eine früh erworbene und verfestigte Bindung ist manchmal so fest, dass sie selbst gegenüber der betreffenden Person auch dann hält, wenn sie das Kind schlecht behandelt bzw. sogar misshandelt.

Man vermutet, dass das Zeitfenster für soziale Kompetenz oder emotionale Entwicklung mit einem bestimmten Kindesalter abgeschlossen ist, wobei solche verpassten Zeitfenster später nur mit einem erheblich höheren Aufwand nachzuholen sind. Die Trennung von der Bindungsperson bedeutet für jedes Kind großes seelisches Leid, sodass die Erschütterung und Trauer etwa beim Verlust der Eltern schon bei Kleinkindern feststellbar ist, wobei nach Studien die Trennung von der Mutter bei Säuglingen zur Regression und sogar zum Tod führen kann.

Diese Bindung, wie sie Bowlby etwa in „The Nature of the Child’s Tie to his Mother“ (1958) konstatierte, bildet sich also wesentlich früher, aber im Alter von sechs bis 18 Monaten findet  jene massive Entwicklung von Regionen in den Stirnlappen des Gehirns statt, die zum für Emotionen zuständigen limbischen System gehören. So beginnen Kinder mit frühestens sechs Monaten, Zeichen echter Zuneigung zu zeigen, denn erst sechs Monate nach der Geburt wird der Mensch „kommunikativ„, da zu diesem Zeitpunkt der Stirnlappen aktiviert wird und es zur ersten echten wechselseitig empfundenen Beziehung kommt. Jetzt wird die Welt erstmals eingeteilt in nah und fern, in dazugehörig und fremd. Und fremd ist unangenehm. Das typische Fremdeln dauert etwa bis zum Alter von eineinhalb Jahren. Zwar können Kinder dieses Alters einem vollkommen Unbekannten durchaus ein Lächeln schenken, Hirnmessungen aber zeigen, daß dieses Lächeln nicht Ausdruck echt empfundener Zuneigung ist.

Auch wenn das Kind das aktive Element in dieser Bindung darstellt, haben Eltern für die Voraussetzungen zu sorgen, dass die Bindung aufrecht erhalten werden kann. Es handelt sich dabei um keine symmetrische Beziehung, denn die Eltern müssen den Kindern Schutz bieten und auf deren Bedürfnisse reagieren. Jede andere Haltung würde ein Kind überfordern. Frühe Trennungserfahrungen von Kindern führen zu einem Anstieg der Stresshormone, die ihrerseits hohen Einfluss auf Strukturveränderungen im Gehirn haben, sodass eine traumatische Erfahrung oder ein Übermaß an Stress in frühen Entwicklungsphasen später zu Verhaltens- und Lernstörungen führen kann bis hin zu psychischen Erkrankungen wie etwa Depressionen.

Man unterscheidet verschiedene Formen der Bindung:

  • Sichere Bindung: Je sicherer und geschützter sich ein Kind in dieser Phase fühlt, desto leichter fallen ihm später sinnvolle, notwendige Ablösungsprozesse. Solche Kinder entwickeln ein stabiles Urvertrauen. Sie kommen beim Spielen kurz bei der Mutter vorbei zum Kuscheln und ziehen dann wieder los, um auf dem Spielplatz die Welt zu erkunden. Bindung und Neugier sind zwei Grundbedürfnisse, die gekoppelt sind. Verlustangst etwa behindert die kindliche Entdeckerlust.
  • Unsichere Bindung: Wer als Kleinkind viele Zurückweisungen erlebt hat, dessen Bedürfnisse nach Nestwärme und Nähe nicht gestillt wurden, kann zu einem Vermeider werden. Man hat gelernt, das Anlehnungsbedürfnis, die Ängste zu unterdrücken. Diese Kinder gebärden sich so, als seien sie sehr selbstständig und bräuchten keine Nähe, sie funktionieren perfekt. Solche Erwachsenen haben aber oft Probleme, sich später auf Beziehungen einzulassen, wirken beweglich und unabhängig. Beim Loslassen zeigen sie oft Coolheit und Gelassenheit nach außen, sehnen sich aber nach innerer Verbundenheit.
  • Unsicher-ambivalentes Bindungsverhalten: Diese Gruppe von Menschen tut sich am schwersten, denn solche Menschen haben in der frühen Kindheit vielleicht eine Mutter erlebt, die zwischen Zuwendung und Zurückweisung, zwischen Gehenlassen und Festhalten schwankte. So wird das Verhalten der Bezugsperson unberechenbar, das Kind beginnt zu klammern, denn es kann sich nicht darauf verlassen, dass diese Person zurückkommt. Als Erwachsene haben ehemals emotional verunsicherte Kinder große Angst vor Veränderung, neigen dazu, sich in Beziehungen zu verstricken, brauchen meist erst einen neuen Partner oder einen neuen Job, bevor sie sich von Altem lösen können.

Dieses dreiteilige Schema von Ainsworth (1978) wurde mittels des Fremde-Situations-Tests für 12-14 Monate alte Säuglinge untersucht und später auf vier Bindungstypen erweitert – siehe dazu Bindungstypen.

Ein Neugeborenes hat übrigens laut UN-Kinderrechtskonvention das Recht, nach Möglichkeit zu Beginn seines Lebens bei seiner Mutter zu sein, da jedes Kind ein Recht auf körperliche und seelische Gesundheit hat, was auch bedeutet, dass es das Recht hat, gestillt zu werden, wenn seine Mutter das kann und will.

Das mit dem neuen Begriff Pucken umschriebene straffe Wickeln, das in manchen Hebammen- und Elternratgebern noch immer propagiert wird – früher gab es das Steckkissen bzw. Wickelpolster oder das Einwickeln in Stoffbahnen (Faschen) -, soll angeblich den Mutterleib imitieren und den Schlaf gleichmäßiger machen. Allerdings gibt es keinerlei wissenschaftlich belegbare Beweise dafür, dass einem gefesseltes Kind dadurch das Gefühl von Geborgenheit vermittelt werden kann. Vielmehr ist aus psychologischer Sicht alles problematisch, das den Bewegungsspielraum und somit das Interagieren mit der Umwelt – was fundamentale Lernvorgänge initiiert – einschränkt.

Eine Mutter ist der einzige Mensch auf der Welt, der dich schon liebt, bevor er dich kennt.
Johann Heinrich Pestalozzi

Definitionen

1. Definition

„enge emotionale Beziehung zu einem anderen Menschen, entsteht durch gemeinsame Geschichte und drückt sich aus in Gemeinsamkeiten bei Einstellungen, Werten und Sprache. Die primäre (frühkindliche) Bindung hat das Kind an die Mutter“ (Gudemann, 1995, S. 53).

2. Definition

Im psychologischen Wörterbuch ist auch von einem Verhaltenssystem die Rede, dass dafür zuständig ist, dass die Hauptpflegeperson (meist die Mutter) aufgrund dessen, dass sie bei ihm bleibt, ihm Schutz und Lernhilfe gibt. Unter Bindung kann aber auch ein prägungsähnlicher Prozess verstanden werden, dessen Anpassungswert die Suche nach Schutz in der Nähe der Mutter ist (vgl. Häcker & Stapf, 1998, S. 132).

3. Definition

„Erlebnis der körperlichen, seelischen und geistigen Beziehung zu anderen Menschen, auch eine dauerhafte bejahende Beziehung zu bestimmten Normen, Werten oder zu affektiv oder symbolhaft erfahrenen Gegenständen. Die Fähigkeit eines Menschen, Bindungen einzugehen, ist entscheidend für die Persönlichkeitsentwicklung. In der Entwicklungspsychologie wird die allmähliche Ablösung des Jugendlichen in seinem Bindungserleben von den Bezugspersonen (Eltern) als Aufgabe dargestellt, die (weder als völlige Trennung noch als misslungener Abstand, d. h. Unselbstständigkeit, aufgefasst) Grundlage für neue Bindungen ist (v.a. Freundschaft, Partnerschaft); diese schließen in ihrer psychischen Qualität an die ersten Bindungserlebnisse an (Mutterbindung, Vaterbindung)“ (Der große Brockhaus, 2005-2011).

4. Definition-

„Bindung ist eine enge emotionale Beziehung zu jemandem, von dem man sich angezogen fühlt und als abhängig erlebt. Die Entwicklungspsychologie versteht unter Bindung die emotionale Beziehung eines Kleinkindes zu seinen Eltern oder ständigen Betreuungsperson“ (Clauß, 1995, S. 41).

5. Definition

„Bindung, ein zuerst von Konrad Lorenz entwickelter Begriff, der die Anhänglichkeit von Tierjungen gegenüber seiner Eltern erklärt. Die Basis ist Liebe. John Bowlby übertrug diese Erkenntnis auf das menschliche Verhalten und seine Theorien über unseren Bedarf an Zuneigung“ (Cohen, 1996, S. 49).

Literatur

Ainsworth, M., Blehar, M., Waters, E. & Wall, S. (1978). Patterns of Attachment. A psychological study of the strange situation. New York: Hilsdale.
Clauß, G.  (1995). Fachlexikon ABC Psychologie. Frankfurt/Main: Verlag Harri Deutsch.
Cohen, D.  (1996). Lexikon der Psychologie. München: Verlag Wilhelm Heyne.
Gudemann, W.  (1995). Lexikon der Psychologie. Gütersloh: Verlag Bertelsmann-Lexikon.
Häcker, H. & Stapf, K.  (1998). Dorsch Psychologisches Wörterbuch. Bern: Verlag Hans-Huber.
Ohne Autor  (2005 – 2011). Der große Brockhaus (Online-Ausgabe). Gütersloh: Verlag F.A. Brockhaus/wissenmedia in der inmediaONE GmbH.
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/ERZIEHUNG/Bindung.shtml (07-09-21)




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