Urvertrauen

Vertrauen ist eine Oase im Herzen, die von der Karawane des Denkens nie erreicht wird.
Khalil Gibran

Unter Urvertrauen versteht man in der Psychologie jene innere emotionale Sicherheit, die ein Kind in den ersten Lebensmonaten entwickelt, d. h., das Kind entwickelt das positive Grundgefühl, dass es Menschen vertrauen kann, dass diese ihm wohlgesonnen und verlässlich sind.
Das Urvertrauen entsteht also im Wesentlichen aus der positiven Erfahrung, dass zwischen der Welt und den persönlichen Bedürfnissen Übereinstimmung herrscht. In dieser Phase entsteht eine Grundhaltung, die sich durch das ganze weite Leben zieht. Ein Neugeborenes ist darauf angewiesen, dass es versorgt wird. Diese Erfahrungen führen zu einem Vertrauen gegenüber der Mutter und dem Vater. Neben dem Erleben des Vertrauens wird auch Misstrauen erlebt, in dem z. B. die Mutter beginnt nicht nur für das Baby dazusein, d. h. sie lässt das Kind alleine, um den Haushalt zu führen usw. Diese Zeiten, in den das Neugeborene alleine ist, fördert sein Misstrauen. Es ist wichtig, dass ein Kind Vertrauen und Misstrauen kennenlernt. Entscheidend für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung ist, dass sich das Vertrauen stärker entwickelt.

Urvertrauen kann sich dann entwickeln, wenn sich die Eltern oder eine andere feste Bezugsperson kontinuierlich liebevoll um ein Kind kümmern und es in seiner Entwicklung unterstützen. Im Gegensatz dazu kann sich das Urvertrauen kaum entwickeln, wenn die Eltern oder Bezugspersonen ein Kind gefühlsmäßig ablehnen, es vernachlässigen oder sogar misshandeln.

Die Bedeutung des „Urvertrauens“ im Leben eines Kindes geht übrigens auf Forschungen des amerikanischen Psychologen Harry Harlow zurück, der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Intelligenz und Sozialverhalten von Rhesusaffen studierte. Harlow machte seine Studien in einer Zeit, in der Forschung über die Bedeutung von Liebe und Beziehungen in einer Wissenschaft und somit auch nicht in der Psychologie etwas zu suchen hatten. Sie galten vor allem auf Grund des herrschenden Behviorismus nichts, da Beziehungen und andere emotionale Regungen des Menschen als etwas betrachtet wurden, das der noch jungen wissenschaftlichen Psychologie nur einen Ruf der Unseriosität einbringen würde. Als der experimentelle arbeitende Psychologe Harlow einen Lehrstuhl annimmt, dominiert gerade die Lehrmeinung von John B. Watson und seiner Anhänger, die Mutterliebe als gefährliches Instrument einstuften. Nach der hohen Säuglingssterblichkeit, die man zuvor in Kinderheimen beobachtet hatte, setzte sich das Prinzip höchster und damit auch emotionaler Sterilität in der Wissenschaft durch, denn wer Kinder bemutterte, schwächte sie. Harlow war jedoch überzeugt, die messbare Komponente der Mutter-Kind-Liebe gefunden zu haben: den Grad an körperlicher Berührung, der einem Primatenkind zugestanden wurde.

Harlow (1958) baute für Äffchen zwei künstliche Mütter: eine Stoffmutter und eine Drahtmutter. Der Leib der Stoffmutter war ein zylindrischer Frotteekörper mit flauschigen Polstern, der Kopf eine Billardkugel, die Augen Fahrradreflektoren. Die gleich geformte Drahtmutter bestand aus Drahtgeflecht ohne weiche Ummantelung, dafür war auf Brusthöhe eine Milchflasche befestigt. Wenn die bis dahin geltende Lehrmeinung richtig wäre, dann müssten die Affenbabys eine starke Zuneigung zur Drahtmutter entwickeln, da nur diese ihren Hunger stillen konnte. Doch die Affen klammerten sich mehr als zwölf Stunden am Tag an die Stoffmutter und krabbelten nur kurz zur Drahtmutter, wenn sie Durst hatten. Harlow sah darin den Beweis, dass Säuglinge sich vor allem nach dem weichen, warmen Körper der Mutter sehnen, unabhängig davon, ob er auch die Nahrungsquelle ist. In weiteren Experimenten setzte er die Affenkinder Monstermüttern aus, die zwar flauschig weich waren, aber das Affenbaby immer wieder abschüttelten, es erschreckten, indem sie heftige Druckluftstöße von sich gaben oder gar Stahlstifte aus ihrem Körper austreten ließen. Doch was die Mütter auch anstellten, die Affenbabies kehrten zu ihnen zurück und versuchten, sich anzuschmiegen. Harlow zeigte damit eindrucksvoll, dass Zuwendung und Körperkontakt für die Kindererziehung essenziell sind  und zog aber eine Schlussfolgerung, die weit über die experimentellen Befunde hinausreichte: Auch der Mann sei von Natur aus mit allen körperlichen Attributen ausgestattet, ein Kind aufzuziehen. Stillende Mütter würden zu Hause nicht mehr gebraucht, sie könnten stattdessen getrost zur Arbeit gehen. Später zeigte sich jedoch , dass die auf Frotteehandtücher fixierten Tiere schwere Verhaltensstörungen entwickelten.

Das Urvertrauen ist auch die 1. Stufe in Eriksons Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung (1. Lebensjahr) und steht dem Urmisstrauen gegenüber: Das Gefühl des Ur-Vertrauens bezeichnet Erikson als ein „Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens“ , d.h., das Kind ist angewiesen auf die Verlässlichkeit der Bezugspersonen. Werden dem Kind Forderungen nach körperlicher Nähe, Sicherheit, Geborgenheit, Nahrung etc. verweigert, entwickelt es Bedrohungsgefühle und Ängste, da eine weitgehende Erfüllung dieser Bedürfnisse lebenswichtig ist. Zum Anderen verinnerlicht es das Gefühl, seine Umwelt nicht beeinflussen zu können und ihr hilflos ausgeliefert zu sein. Hier entsteht die Gefahr der Etablierung eines Ur-Misstrauens. Es können infantile Ängste des „Leergelassenseins“ und „Verlassenwerdens“ entstehen.

Vertrauen entwickelt sich mit dem Alter

In drei Studien zur Entwicklung von Vertrauen und Altruismus untersuchten Evans, Athenstaedt & Krueger (2013) das Verhalten von über 500 Vier- bis Fünfjährigen bzw. Neun- bis Zehnjährigen, um zu überprüfen, wie sich Vertrauen bei Kindern mit dem Alter entwickelt und was Vertrauensentscheidungen beeinflussts. Mit Hilfe von Trust Games, die bisher nur bei Erwachsenen eingesetzt wurden, boten man Kindern Überraschungstüten mit verschiedenstem Spielzeug, indem etwa ein Kind eine Tüte erhielt und dann vor die Wahl gestellt wurde, diese zu behalten oder aber an ein anderes Kind weiterzugeben mit der Aussicht, später von diesem zwei Tüten zurückzubekommen. Das andere Kind bekam drei weitere Tüten, wenn ihm das erste Kind seine überlassen hatte. Es konnte dann also zwei hergeben und zwei behalten. Die kleinen StudienteilnehmerInnen sahen ihr Gegenüber dabei nicht direkt, sondern nur auf einem Foto und mussten somit darauf vertrauen, dass es später seine Tüten tatsächlich gerecht teilt. Um auszuschließen, dass scheinbare Vertrauensentscheidungen eigentlich von Altruismus bestimmt waren, wurde in einem zweiten Schritt den Kindern auch die Möglichkeit gegeben, Tüten einfach zu verschenken. Die älteren Kinder vertrauen viel mehr als die jüngeren, und zwar bei den Kindergartenkindern waren es durchschnittlich 27 Prozent, bei den VolksschülerInnen durchschnittlich 70 Prozent. Andere Faktoren wie das Geschlecht, die Zahl der Geschwister und FreundInnen oder der Zeitpunkt, wann die Kinder die Tüten zurückbekommen würden hatte kaum Auswirkungen, sondern nur das Alter war signifikant. Vermutlich muss ein Kind, um vertrauen zu können, fähig sein muss, Perspektiven zu übernehmen, d. h., sich in den anderen oder die andere hineinzudenken

Quellen
Evans, A. M., Athenstaedt, A., & Krueger, J. I. (2013). The development of trust and altruism during childhood. Journal of Economic Psychology, 36, 82-95.
Harlow, Harry F. (1958). The nature of love. American Psychologist, 13, 573-685. (Originaltext: http://psychclassics.yorku.ca/Harlow/love.htm)
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/EntwicklungErikson.shtml (09-02-02)
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/ERZIEHUNG/Bindung.shtml (09-02-02)



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  1. 3 Responses to “Urvertrauen”

  2. Kann man eigentlich als Erwachsener Urvertrauen entwickeln, es nachholen? Im Internet gibt es kaum brauchbare Informationen dazu. Erikson bestätigt die Theorie, Claessens dementiert sie.

    By tob on Aug 27, 2011

  3. Rein definitorisch betrachtet ist das Urvertrauen an die ersten Lebensmonate bzw. das erste Lebensjahr geknüpft, sodass später höchstens eine Kompensation möglich ist. Auch Claessens geht davon aus, dass frühe Defizite in diesem Bereich kaum aufgeholt werden können. Erikson und Claessens unterscheiden sich m. E. nur hinsichtlich der Erklärung.

    By admin on Aug 27, 2011

  4. sehr hilfreich danke

    By Gerd on Sep 10, 2013

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