Urvertrauen
Das Urvertrauen entsteht aus der Erfahrung, dass zwischen der Welt und den persönlichen Bedürfnissen Übereinstimmung herrscht. In dieser Phase entsteht eine Grundhaltung, die sich durch das ganze weite Leben zieht. Ein Neugeborenes ist darauf angewiesen, dass es versorgt wird. Diese Erfahrungen führen zu einem Vertrauen gegenüber der Mutter und dem Vater. Neben dem Erleben des Vertrauens wird auch Misstrauen erlebt, in dem z. B. die Mutter beginnt nicht nur für das Baby dazusein, d. h. sie lässt das Kind alleine, um den Haushalt zu führen usw. Diese Zeiten, in den das Neugeborene alleine ist, fördert sein Misstrauen. Es ist wichtig, dass ein Kind Vertrauen und Misstrauen kennenlernt. Entscheidend für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung ist, dass sich das Vertrauen stärker entwickelt.
Die Bedeutung des “Urvertrauens” im Leben eines Kindes geht übrigens auf Forschungen des amerikanischen Psychologen Harry Harlow zurück, der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Intelligenz und Sozialverhalten von Rhesusaffen studierte. Harlow machte seine Studien in einer Zeit, in der Forschung über die Bedeutung von Liebe und Beziehungen in einer Wissenschaft und somit auch nicht in der Psychologie etwas zu suchen hatten. Sie galten vor allem auf Grund des herrschenden Behviorismus nichts, da Beziehungen und andere emotionale Regungen des Menschen als etwas betrachtet wurden, das der noch jungen wissenschaftlichen Psychologie nur einen Ruf der Unseriosität einbringen würde. Als der experimentelle arbeitende Psychologe Harlow einen Lehrstuhl annimmt, dominiert gerade die Lehrmeinung von John B. Watson und seiner Anhänger, die Mutterliebe als gefährliches Instrument einstuften. Nach der hohen Säuglingssterblichkeit, die man zuvor in Kinderheimen beobachtet hatte, setzte sich das Prinzip höchster und damit auch emotionaler Sterilität in der Wissenschaft durch, denn wer Kinder bemutterte, schwächte sie. Harlow war jedoch überzeugt, die messbare Komponente der Mutter-Kind-Liebe gefunden zu haben: den Grad an körperlicher Berührung, der einem Primatenkind zugestanden wurde. Er zog eine Schlussfolgerung, die weit über die experimentellen Befunde hinausreichte: Auch der Mann sei von Natur aus mit allen körperlichen Attributen ausgestattet, ein Kind aufzuziehen. Stillende Mütter würden zu Hause nicht mehr gebraucht, sie könnten stattdessen getrost zur Arbeit gehen. Später zeigte sich jedoch , dass die auf Frotteehandtücher fixierten Tiere schwere Verhaltensstörungen entwickelten.
Das Urvertrauen ist auch die 1. Stufe in Eriksons Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung (1. Lebensjahr) und steht dem Urmisstrauen gegenüber: Das Gefühl des Ur-Vertrauens bezeichnet Erikson als ein „Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens“ , d.h., das Kind ist angewiesen auf die Verlässlichkeit der Bezugspersonen. Werden dem Kind Forderungen nach körperlicher Nähe, Sicherheit, Geborgenheit, Nahrung etc. verweigert, entwickelt es Bedrohungsgefühle und Ängste, da eine weitgehende Erfüllung dieser Bedürfnisse lebenswichtig ist. Zum Anderen verinnerlicht es das Gefühl, seine Umwelt nicht beeinflussen zu können und ihr hilflos ausgeliefert zu sein. Hier entsteht die Gefahr der Etablierung eines Ur-Misstrauens. Es können infantile Ängste des „Leergelassenseins“ und „Verlassenwerdens“ entstehen.
Quelle
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/EntwicklungErikson.shtml (09-02-02)
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/ERZIEHUNG/Bindung.shtml (09-02-02)


2 Responses to “Urvertrauen”
Kann man eigentlich als Erwachsener Urvertrauen entwickeln, es nachholen? Im Internet gibt es kaum brauchbare Informationen dazu. Erikson bestätigt die Theorie, Claessens dementiert sie.
By tob on Aug 27, 2011
Rein definitorisch betrachtet ist das Urvertrauen an die ersten Lebensmonate bzw. das erste Lebensjahr geknüpft, sodass später höchstens eine Kompensation möglich ist. Auch Claessens geht davon aus, dass frühe Defizite in diesem Bereich kaum aufgeholt werden können. Erikson und Claessens unterscheiden sich m. E. nur hinsichtlich der Erklärung.
By admin on Aug 27, 2011