Introvertiertheit – Introversion

Die Unterscheidung zwischen extravertierten und introvertierten Menschen geht auf den Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung zurück. Extrovertierte sind nach außen orientiert und kommen in einem aktiven sozialen Umfeld gut zurecht und verschwenden dabei nur wenig Energie, denn Extroviertierte laden ihre Energie im Kontakt mit anderen Menschen auf und verlieren eher Energie, wenn sie alleine sind. Introvertierte Menschen hingegen konzentrieren sich stark auf ihr Innenleben, was bedeutet, dass sie in sozialen Situationen eher die Rolle des passiven Beobachters übernemmen, sodass sie als ruhig und zurückhaltend angesehen werden. Introvertierte Menschen verbringen ihre Zeit lieber alleine in ruhigen Umgebungen, aber nicht deshalb, weil ihnen der Kontakt zu anderen nicht wichtig ist, sondern weil das Gehirn eines Introvertierten schnell überreizt wird, denn sie nehmen prozentuell mehr Informationen aus ihrer Umgebung  auf, als Extrovertierte, wodurch ihr Gehirn schneller ermüdet. Deshalb vermeiden die Introvertierten große Menschenansammlungen und suchen eher soziale Aktivitäten in kleinen Gruppen. Introversion ist keine psychische und auch keine körperliche Krankheit, sondern eher ein angeborenes oder erlerntes Verhaltensmuster bzw. Persönlichkeitsmerkmal. Das Gegensatzpaar Introversion – Extraversion beschreibt daher eine relativ stabile Persönlichkeitseigenschaft, wobei in der Vorstellung von Jung  die psychische Energie entweder nach außen (extravertiert) oder nach innen (introvertiert) gerichtet sein kann, daher sind für ihn auch Wahrnehmung, Intuition, Denken und Fühlen entweder extravertiert oder introvertiert. Für Jung bedeutete extravertiert aber zugleich auch bewusst und introvertiert unbewusst. Der Begriff „introvertiert“ steht somit dem Begriff „extravertiert“ entgegen, wobei C. G. Jung diese zwei Merkmale als wichtigste Faktoren in seine Persönlichkeitspsychologie eingeführt. Introvertierte Menschen beziehen ihre Energie aus sich selbst heraus und richten ihre Energien aber auch gern nach innen. Sie bevorzugen eine minimal-stimulierende Umwelt, weil sie eine niedrige Reizschwelle haben. Hirnphysiologisch geht das vermutlich darauf zurück, dass ihre Synapsen eine größere Sensibilität und Konnektivität aufweisen. Introvertierte Personen haben auch in Entspannungsphasen mehr Hirnaktivität und die Blutzirkulation in ihren Gehirnen ist komplexer, d. h., in den Köpfen von introvertierten Menschen passiert mehr, sie bekommen mehr von ihrer Umwelt mit und selbst bei geringer Stimulanz ist ihre neuronale Aktivität hoch. Sie verbrauchen daher bei entsprechender Stimulanz mehr Energie, sind schneller erschöpft und benötigen länger, alle Informationen zu verarbeitenm, was sich sozial  oft in Zurückgezogenheit und Schweigsamkeit äußert. Anders als extravertierte Menschen benötigen sie jedoch auch nicht so viele Reize, um glücklich und zufrieden zu sein, d.h., sie langweilen sich seltener und fühlen sich wniger einsam. Nach C. G. Jung haben introvertierten Menschen eine enorme Beobachtungsgabe, viel Empathie und Menschenkenntnis, sind auf Grund ihrer gedanklichen Sorgfalt auch verlässlich und das, was sie tun ist immer durchdacht, denken sehr assoziationsreich und wirken daher kreativ, können gut zuhören.

Der Psychologe Hans Jürgen Eysenk postulierte auch, dass Introvertierte weniger Reize von außen benötigen, damit ihr Gehirn ein Erregungsniveau erreicht, bei dem sie sich wohlfühlen. Mit Hilfe bildgebender Verfahren haben Gehirnforscher Eysenks These nun bestätigt, denn die Gehirne Introvertierter reagieren sehr sensibel auf bestimmte Reize, etwa auf fremde Gesichter. Bei Introvertierten zeigte der Mandelkern beim Betrachten von Porträts unbekannter Menschen eine höhere Aktivität als bei Extrovertierten, wobei der Mandelkern eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und Steuerung von Emotionen wie Angst einnimmt.

Die Kritik am zweidimensionalen Modell Hans Jürgen Eysencks richtet sich vor allem darauf, dass er Menschen auf zwei grundlegende Verhaltenseigenschaften reduziert: Introversion und Extraversion. Da Eysenck selber zu den Extrovertierten gezählt werden muss, hat er seine Eigenschaften (Extravertiert = offen, emotional intelligent) als eher positiv hervorgehoben, und da Introvertierte sich mehr Zeit zugestehen, um eine Sache vernünftig zu überdenken, hat er diese Persönlichkeit als unschlüssig, zögernd und auch als schüchtern bzw. emotional instabil eher negativ bewertet. Introvertiertheit hat aber nichts mit Schüchternheit zu tun, sondern ist eine angeboren biologische Energiedisposition, die nur bestimmt, ob jemand dazu neigt sich zurückhaltend zu verhalten als einfach blindlings loszustürmen. Es handelt sich also um zwei angeborene Formen der Lebensbewältigung, die durch Umwelt und Erziehung nur wenig beeinflusst werden können.

1. Definition
Die zwei gegensätzlichen Persönlichkeitstypen Introversion und Extraversion wurden vom bekannten Tiefenpsychologe C. G. Jung in die Persönlichkeitspsychologie eingeführt, wobei sie sich durch die differenzierende „Einstellung zum Objekt“ unterscheiden.
Der introvertierte (von lat. intra »innerhalb« und vertere »wenden«) Persönlichkeitstyp verhält sich „abstrahierend“
(d. h. „sich abhebend“) zum Objekt. Er bringt den Gegenständen seiner Umwelt und Mitwelt kaum Interesse gegenüber und bewältigt sein Dasein, indem er sich abgrenzt, sich entzieht, sich verteidigt und oft verschlossen, scheu und schwer zu durchschauen ist.
Im Gegensatz dazu steht der extravertierte (von lat. extra »außerhalb«,  vertere »wenden«) Persönlichkeitstyp, welcher am Objekt orientiert ist und sich durch eine nach außen gewandte Haltung gegenüber der Umwelt und Mitwelt auszeichnet (vgl. Herrmann, 1991, S.254 f).

2. Definition
„Bevor Jung die Termini schuf, hatte William James die Aufmerksamkeit auf den Unterschied zwischen
„tough-minded“ und „tender-minded“ (zähen und zarten) Menschen gelenkt – also zwischen solchen, die sich nach außen wenden und solchen, die sich nach innen wenden. Der Extravertierte, sagt Jung, wird beherrscht, durch die Außenwelt und die soziale Realität; der Introvertierte nähert sich der Welt in subjektiver Weise – ihm ist die Relevanz für sich selbst wichtig“ (Allport, 1970, S. 419).

3. Definition
Introvertierte Persönlichkeiten sind durch ein „nach innen gerichtetes“ Verhalten gekennzeichnet, wobei diese Personen bei extremer Ausprägung wenig kontaktfreudig, schüchtern und gehemmt sein können (vgl. Clauß, 1976, S. 262).

4. Definition
Ein verschlossener, zurückgezogener Mensch, dessen psychische Energie vorwiegend auf die eigene Innenwelt gerichtet ist, sieht auch meist die Welt unter subjektiven Gesichtspunkten und wendet sich dieser nicht vorbehaltlos zu. Jedoch wird Introversion als Persönlichkeitsmerkmal auch häufig mit der Ausbildung von angstneurotischen und depressiven Symptomen in Verbindung gebracht (vgl. ohne Autor, 1995, S. 202).

5. Definition
E. Neumann bezeichnet diese typische Einstellung, die sich durch Konzentration des Interesses auf die innerseelischen Vorgänge auszeichnet, als eine Möglichkeit der realen Erfahrung der Ich-Selbst-Natur (vgl. Kurt & Sury, 1967, S. 117).

6. Definition
Der introvertierte Einstellungstyp stellt eine komplexe Grunddimension in den Faktorentheorien der Persönlichkeit dar, wobei die persönliche Energie auf die Innenwelt gerichtet und das Denken, Fühlen und Handeln durch die Innenwelt determiniert ist. Auch in den faktorenanalytischen Systemen von Eysenck, Cattell und Guilford stellt die Dimension der Introversion (bzw. Extraversion) ein vielfach gesichertes Konstrukt dar. Während Eysencks Introversions- (bzw. Extraversions-) Faktor einen Faktor auf dem Typenniveau darstellt, hat Cattell mit Fragebogendaten 4-5 Primärfaktoren der Extraversion bzw. der Introversion identifizieren können (vgl. Dorsch, 1976, S. 27).

7. Definition
Unter Introversion verstehen wir Eigenschaften und Verhaltensmuster wie etwa, dass introvertierte Menschen zurückhaltend und ausgeglichen sind und sich mit sich alleine beschäftigen. Sie arbeiten gerne alleine oder in kleinen Gruppen und handeln überlegt und konzentriert. Abwechslung und Störungen erleben sie als unangenehm. Bevor sie etwas sagen, überlegen sie lange. Auf andere wirken sie eher reserviert. Introvertiert sein heißt nicht, dass man soziale Ängste hat oder schüchtern ist, wobei natürlich soziale Ängste dazu führen können, dass Menschen den Eindruck erwecken, sie seien introvertiert.

Literatur
Allport, G. W. (1970). Gestalt und Wachstum in der Persönlichkeit. Meisenheim/Glan: Verlag Anton Hain KG.
Clauß, G. (1976). Wörterbuch der Psychologie. Köln: Pahl Rugenstein Verlag.
Dorsch, F. (1976). Psychologisches Wörterbuch. 9. Auflage. Bern: Verlag Hans Huber.
Herrmann, T. (1991). Lehrbuch der empirischen Persönlichkeitsforschung. 6. Auflage. Göttingen: Verlag für Psychologie.
Kurt & Sury (1967). Wörterbuch der Psychologie und ihrer Grenzgebiete. Basel: Schwabe & Co.
Ohne Autor (1995). Introversion (S.202). Bertelsmann Lexikon der Psychologie. Gütersloh: Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH.
http://www.lebenshilfe-abc.de/introversion-extraversion.html (11-12-12)




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