Neurosoziologie

Es ist ja nicht so, als könne man Neuropublizisten, die aus fragwürdigen Forschungsergebnissen noch fragwürdigere Konsequenzen für den Reformbedarf von Schulen, Gerichten, Sendeanstalten und Internetdiensten ableiten, ungestraft aus den Augen lassen.
Dirk Baecker

Die Neurosoziologie ist eine noch weitgehend unscharf definierte Richtung der Soziologie, die auf ein Buch des Soziologen Dirk Baecker zurückgeht, der sich kritisch mit dem derzeit grassierenden Neuroboom auseinandersetzt, indem er die Forschungsergebnisse aus der Perspektive der Soziologie auf den Prüfstand stellt. Baecker versucht dabei, die Soziologie in einen Dialog mit der aktuellen Gehirnforschung zu bringen, und widmet sich ausführlich einer Dekonstruktion des Wissens um das Gehirn, um dann die soziale Funktion in der Entstehung des Gehirns wissenschaftlich zu untersuchen, wobei er davon ausgeht, dass die Entwicklung des Gehirns ohne die soziale Qualität nicht denkbar ist.

Daher liest Baecker die Erkenntnisse der Hirnforscher nicht als Neurowissenschaftler sondern als Soziologe, und folgert: „Das Gehirn verschwindet aus der Selbstwahrnehmung zugunsten einerseits eines Bewusstseins, dank dessen wir uns mit der Welt, mit unserem Körper, mit unserem Ich und unserem Selbst beschäftigen können, ohne je unseres Gehirns gewahr zu werden, und zugunsten andererseits einer wissenschaftlichen, medizinischen oder anderweitigen Beschäftigung mit dem Gehirn von außen, die zwar neuronale Aktivitäten und Umweltereignisse einander zuordnen kann, aber nie der Qualität einer Vorstellung gewahr wird.“ Und weiter: „Wir hätten unsere Gehirnrinde nicht mit ihrer besonderen Struktur, wenn wir nicht gezwungen wären, sozial zu leben. Man kann die rein biologische Beschreibung des Gehirns inklusive der Beschreibung nicht verstehen, wenn man nicht gleichzeitig davon ausgeht, dass der Mensch ein Säugetier ist, das in einem viel, viel höheren Ausmaß als alle anderen Säugetiere durch die soziale Verankerung seines Lebens organisch mitgeprägt ist.“

Baeckers Neurosoziologie beteiligt sich dabei nicht an der anatomischen, physiologischen, histologischen, neuronalen und biochemischen Beschreibung des Gehirns, sondern versucht eine Theorie des Gehirns, bei dem spezifisch soziale Faktoren mit berücksichtigt werden.




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