Konfrontationstherapie

Die Konfrontationstherapie (manchmal auch als Reizüberflutung, Konfrontationstraining oder Expositionstherapie bezeichnet) gehört zu den klassischen Methoden der Verhaltenstherapie und kommt vor allem bei der Behandlung von Angststörungen zum Einsatz. Ziel der Konfrontationstherapie ist es, dass sich der Klient gezielt mit jenen Situationen auseinandersetzt, in denen er Angst erlebt, wobei er in diesen Situationen lernen soll, dass die Angst auch mitunter vergeht, wenn er sie zulässt. Es wird also die bisherige Vermeidung aufgegeben und und der Klient begibt sich ganz bewusst und kontrolliert in die Situationen, vor denen er Angst hat. Nach Schätzungen können etwa achtzig Prozent der Agoraphobiker und der Klienten mit sozialer Phobie durch die Konfrontationstherapie zu einer Besserung gelangen.

Man setzt beim Konfrontationsverfahren KlientInnen angstauslösenden Situationen aus, um durch eine wiederholte Konfrontation eine dauerhafte Reduktion der Angst zu erzielen. Bei diesem Verfahren sind vor allem zwei Mechanismen von Bedeutung: Die Habituation und die Realitätsprüfung. Unter Habituation versteht man die Gewöhnung an  Ängste, die durch ein Ausharren in der gefürchteten Situation erreicht werden kann. Indem der Patient sich seiner Angst in Übungssituationen für eine längere Zeit aussetzt, lassen körperliche Symptome wie zum Beispiel Herzklopfen oder Zittern nach einer Weile automatisch nach. Um dies zu erreichen, muss jedoch gewährleistet sein, dass sich der Betroffene wirklich hinreichend lang einer Situation aussetzt, denn erst dadurch wird eine Habituation möglich. Es gibt jedoch auch Situationen, bei denen ein längeres Verbleiben nicht möglich ist (zum Beispiel jemandem vorgestellt zu werden oder jemanden anzusprechen). Bei diesen Situationen kann eine Habituation dadurch erreicht werden, dass die häufige Konfrontation durch die Herbeiführung einer solchen Situation wiederholt wird. Bei der Realitätsprüfung werden die Befürchtungen des Patienten mit dem verglichen, was in der Realität tatsächlich eintritt. Fürchtet der Betroffene zum Beispiel, dass er sich blamiert, wenn er auf einer Party jemanden anspricht, weil er sofort in Schweiß ausbricht und zu stottern beginnt, so verläuft in Wirklichkeit vielleicht nur der Gesprächsanfang ‘etwas schleppend. Häufig wird der Angesprochene dankbar sein, dass überhaupt jemand die Initiative ergreift, und das Gespräch gern fortsetzen. Der Angesprochene wird den Betroffenen in vielen Fällen als nicht weiter auffällig betrachten. Konfrontationsübungen erscheinen in unterschiedlichen Formen. Sie können sowohl in der Vorstellung (in sensu) als auch in der Realität (in vivo) stattfinden. Einige KlientInnen leiden vor allem unter Leistungssituationen, während andere die Bewältigung innerer Reize als besonders schwierig empfinden. So kann auch die Konfrontation in der Realität oder in der Vorstellung stattfinden. Bei Konfrontationsübungen kann die Belastung langsam gesteigert werden, das heißt, der Patient wird mit immer schwierigeren Situationen konfrontiert. Die graduelle (abgestufte) Konfrontation bietet den Vorteil, dass der Patient die Möglichkeit  hat, sich zuerst mit weniger bedrohlich empfundenen Situationen auseinanderzusetzen, diese erfolgreich ‘zu bewältigen und sich so auf schwierige Situationen vorzubereiten. Beim massierten Vorgehen, dem so genannten Floodingverfahren (Reizüberflutung), wird der Betroffene direkt mit einer schwierigen Situation konfrontiert. Zwar kann die Angst vor Beginn einer solchen Behandlung stark ansteigen, aber in vielen Fällen ist diese Therapieart letztendlich schonender, da nicht immer neue, noch schwierigere Situationen zu bewältigen sind. Nach Überstehen der ersten Sitzungen sind bereits die schwierigsten Probleme aufgegriffen worden, so dass die Angst vor der Fortsetzung der Behandlung deutlich geringer ist, da keine weiteren großen Schwierigkeiten zu erwarten sind. Damit die Konfrontationsübungen den gewünschten Effekt zeigen, ist eine gezielte Vorbereitung auf diese Behandlungsform notwendig. Der Klient muss umfassend über das Konfrontationsverfahren und seine Wirkungsweise informiert werden, damit er den Sinn erkennt und seine Mitarbeit sichergestellt ist. Dem sozialen Phobiker muss verdeutlicht werden, dass seine Angst durch diese Behandlungsart zwar kurzfristig deutlich ansteigen kann, mittel- und langfristig aber zu einer Besserung des Krankheitsbildes führt. Schließlich kann im Rahmen der Konfrontation eine systematische Desensibilisierung durchgeführt werden. Die Besonderheit dieser Behandlungsform besteht darin, dass die Konfrontation zunächst nur in der Vorstellung erfolgt und erst im Anschluss daran in der Realität. Außerdem wird die Konfrontation sofort abgebrochen, wenn beim Patienten Ängste auftreten. Der Betroffene wird aufgefordert, in diesem Fall die zuvor erlernten Entspannungstechniken anzuwenden. Dadurch, dass er den aufkeimenden Angstgefühlen mit Entspannungstechniken begegnet, soll die Angst dauerhaft reduziert werden. Zwar gilt die Konfrontation in der Realität inzwischen als effektiver, aber manchmal kann sie zu gefährlich sein, so dass eine Konfrontation in sensu zu bevorzugen ist. Andere Situationen sind vom Therapeuten nicht hinreichend regulierbar, um zum gewünschten Erfolg zu führen. Auch bei Leistungssituationen wie zum Beispiel Prüfungen ist die Konfrontation nur bedingt geeignet. Hier haben sich Entspannungstechniken, kognitive Interventionen und die systematische Desensibilisierung bewährt (Mayer, o.J.).

Ein extremer und erfolgreicher Fall von Konfrontationstherapie war jener eines Psychologen bei einem Mann, der körperlich in optimaler Verfassung war, sich aber nicht mehr bewegte. Das lag daran, dass der Mann sechs schwere Unfälle in brennenden Autos überlebt hatte und sich offenbar in einem Zustand panischer Angst befand. Schließlich hatte der Psychologe seinen Klienten in sein altes Auto gesetzt und war mit Vollgas durch die Stadt gefahren und setzte das Auto noch in Brand, sodass der Mann auch den Rauchgeruch mitbekam.

Eine empathische Konfrontation bedeutet für TherapeutInnen, gleichzeitig mitfühlend und konfrontativ auf ihre KlientInnen einzugehen, wobei diese Art der Kommunikation zu den zentralen Techniken im Rahmen der Schematherapiegehört. Sie kann angewendet werden, wenn sich ein Betroffener in einem maladaptiven Bewältigungsmodus befindet und sich dadurch Schwierigkeiten für die weitere Behandlung ergeben.

Nach Ansicht von Rudolf Sponsel (1998) ist die Konfrontationstherapie ein uraltes psychologisches Heilmittelwissen der Alltags-Kulturgeschichte, denn schon Plutarch wusste um die psychologische Heilkraft des Sich-Stellens, Sich-Überwindens und Aushaltens. „Johann Wolfgang von Goethe beschreibt seine persönliche Erfindung und Heilung seiner Höhenphobie durch die Konfrontationstherapie 1777 schließlich sehr eindrucksvoll. Aber auch Freud wuste schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts um den Wert der Konfrontationstherapie, wie ein Bericht von einer persönlichen Supervision Sandor Ferenczis bei Freud eindrucksvoll belegt.“

Generalisierung eines Konfrontationstraining

Spinnen und andere Insekten lösen bei vielen Menschen Ekel oder gar Angst aus, wobei es häufig zu einer Furchtgeneralisierung kommt, d. h., wer Angst vor Spinnen hat, fürchtet sich oft auch vor anderen Tieren wie Ratten, Schlangen oder Schaben. In einer Studie (Preusser, Margraf & Zlomuzica, 2017) konnte gezeigt werden, dass eine erfolgreiche Therapie einer spezifischen Phobie sich auch positiv auf andere Ängste auswirken kann. Dabei wurden Phobiker, die sowohl Angst vor Spinnen als auch vor Schaben hatten, nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt, wobei eine Gruppe sofort ein Konfrontationstraining mit Spinnen absolvierte, musste die zweite Gruppe noch warten. Es zeigte sich, dass die Phobiker der ersten Gruppe nicht nur weniger Angst und Ekel vor Spinnen berichteten, sondern auch weniger Ängste vor Schaben zeigten. Diese Angstreduktion war dabei ebenso auf der Verhaltens- als auch der physiologischer Ebene (Stressreaktionen wie Herzklopfen) nachweisbar. Offenbar kann eine Konfrontationsbehandlung bei spezifischer Angst auch im Umgang mit anderen ähnlich angstauslösenden Reizen und Objekten wirksam sein.


1.    Definition
Darunter wird verstanden, dass eine wiederholte Konfrontation mit der angstauslösenden Situation, Gegebenheit oder auch dem Gegenstand, die diese Angstzustände auslösen, stattfindet (vgl. Wenninger, 2001, S. 375).

2.    Definition
“Bei dieser verhaltenstherapeutischen Vergehensweise wird der Patient in irgendeiner Form mit dem angstauslösendem Reiz konfrontiert (meist in vivo), und ein Vermeiden der Angststituation wird unterbunden, bis die Angstreaktion u.a. Aufgrund von Prozessen der Habituation nachlässt. Wenn die Konfrontation massiert erfolgt, wird dies auch als Reizüberflutung (Flooding) bezeichnet, gestufte Exposition in sensu als systematische Desensibilisierung, gestufte Konfrontation in vivo als Habituationstraining. Die Begriffe werden allerdings oft etwas unterschiedlich verwendet. Wichtig ist, Vermeidungsstrategien, auch kognitive, zu unterbinden, weil dadurch die Angst aufrechterhalten wurde. K. wird auch bei der Behandlung von Zwängen eingesetzt, wobei besonders wichtig ist, die üblichen Zwangsbehandlungen zu verhindern, Patienten machen die Erfahrung, dass jemand (der Therapeut) bereit ist, sich ganz konkret mit in die problematische Situation zu begeben und zum Standhalten zu ermutigen, dass die erwarteten Konsequenzen ausbleiben, dass die Angst nicht wie befürchtet ins Bodenlose geht und dass sie über Bewältigungsfähigkeiten verfügen. Angstkonfrontation wird heutzutage üblicherweise mit Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie verbunden. Information der Patienten sowie Arbeit an der Motivation und der therapeutischen Beziehung sind sehr wichtig. Trotz gut belegter Wirksamkeit wird Angstkonfrontation in vivo, auch wenn sie indiziert wäre, oft nicht durchgeführt, weil Therapeuten den organisatorischen Aufwand scheuen, weil sie selber nicht frei von Ängsten sind oder weil Krankenkassen die oft notwendigen längeren »Sitzungen« nicht bezahlen.
Erfolgt die Reizkonfrontation massier und »insensu«, spricht man von Überflutungstherapie: Die Angststimuli werden nur in der Vorstellung dargeboten, jedoch in voller Intensität und z.T. Ins Unrealistische gesteigert” (Häcker/Stapf, 2004, S. 500).

3.    Definition
Konfrontationstherapie: das → Flooding
Flooding [engl. zu to flood »überschwemmen«, »strömen«], Konfrontationstherapie, Expositionstherapie: “Methode der Verhaltenstherapie zur Behandlung von Ängsten. Der Patient wird dabei solange dem Angst machenden Reiz ausgesetzt, bis sich seine Angst langsam legt. Auf diese Art lernt der oder die Betroffene, dass die Angst mit der Zeit schwindet und dass das befürchtete Ereignis nicht eintritt. Eine Person mit Höhenangst begibt sich dabei z.B. in Begleitung eines Therapeuten auf einen hohen Turm, beugt sich vielleicht sogar über die Brüstung. Mit der Zeit wird er oder sie registrieren, dass er nicht hinunterfällt und dass die Angst schwindet. Das Flooding hat hohe Therapieerfolge zu verzeichnen. Kritiker halten dem jedoch entgegen, dass keine ursächliche Behandlung stattfindet, da die Gründe für die Angst nicht ausgesprochen werden, und dass es psychisch wie körperlich sehr belastend ist, sich den eigenen Änsten so ungeschützt auszusetzen” (Bliesner et. al, 2001, S. 166f).

4.    Definition
Es handelt sich hierbei um eine Therapieform, bei denen Klienten lernen sollten, so lange ihren Ängsten, die auch in Begleitung von Zwängen oder psychosomatischen Beschwerden auftreten können, ausgesetzt zu sein, bis diese sich an diesen Angstzustand gewöhnt haben oder bis sie sich allein verliert (vgl. Goerke, 2003, S. 195f).


Literatur
Bliesener, T., Duglosch, G., Gstalter, H., Kalb, P., Pritzel, M., Rothenburg, C., Schmidbauer, W., Sigusch V., Spieß, E. & Wenninger, G. (2001). Der Brockhaus Psychologie. Fühlen, Denken und Verhalten verstehen. Mannheim:  Verlag F.A. Brockhaus.
Goerke, B. (2003). Patient und Psyche. Eschborn: Govi-Verlag Pharmazeutischer Verlag GmbH.
Häcker, H. & Stapf, K. (2004). Dorsch Psychologisches Wörterbuch. Bern: Verlag Hans-Huber.
Preusser, F., Margraf, J. & Zlomuzica, A. (2017). Generalization of Extinguished Fear to Untreated Fear Stimuli after Exposure. Neuropsychopharmacology, doi: 10.1038/npp.2017.119.
Sponsel, Rudolf (1998). Die wahre Geschichte der Konfrontationstherapie.  Erlangen.
WWW: http://www.sgipt.org/gesch/ghm_konf.htm (10-11-21)
Wenninger, G. (2001). Lexikon der Psychologie Band 2 (F bis L). Berlin: Spektrum, Akademischer Verlag.
Mayer, K. C. (o.J.). Der verhaltenstherapeutische Ansatz.
WWW: http://www.neuro24.de/verhaltens_therapie.htm (10-11-21)





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  1. 2 Responses to “Konfrontationstherapie”

  2. also an den krankenkassen hat es glaub ich noch nie gelegen bei so einer diagnose. es werden sowieso bis zu 2 sitzungen pro woche gezahlt. ich befürchte, es liegt eher an den therapeuten, die glauben, dass man alles mit reden erreichen kann.

    By katrin on Jul 19, 2012

  3. Konfrontationstherapie hat eher weniger mit Reden zu tun als mit der psychologischen Begleitung, sich den Angstauslösern zu stellen, wobei natürlich auch geredet wird, was aber sicherlich nicht das zentrale Element darstellt.

    By Admin on Jul 19, 2012

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