Modelllernen

Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen,
sie machen uns sowieso alles nach.
Karl Valentin

Die schwierigste Aufgabe, die Kinder heute lernen müssen,
ist gutes Benehmen, ohne es bei irgendjemandem zu sehen.
Fred Astaire

Bekanntlich lernen Kinder durch Nachahmen und Beobachten vor allem der Eltern, denn dadurch eignen sich Menschen jenes Verhaltensrepertoire an, auf das sie später vor allem auch in Belastungsssituationen automatisch zurückgreifen können. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass sich auf diese Weise zahlreiche komplexe Verhaltensmuster übernehmen lassen, von dem das Kind bereits gesehen hat, dass sie funktionieren, was nicht nur Lernzeit spart sondern später auch von Vorteil sein kann, wenn man in einer kritischen Situation nicht erst ausprobieren muss, wie man am besten reagiert. Die Theorie des Lernens am Modell beruht darauf, dass viele Tiere und die Menschen durch Abschauen bei anderen lernen und das Gesehene in einfachen oder komplexen kognitiven Prozessen verarbeiten, wobei sie ein kognitives Konzept als Modell eigenen Verhaltens erstellen.

Die Lerntheorien des Kognitivismus beziehen dabei Kognitionen und Emotionen mit ein. Eine kognitive Theorie ist beispielsweise die des Lernens durch Einsicht (kognitives Lernen). Die Bedeutung von Kognition zeigt sich in der sozial-kognitiven Theorie Albert Banduras: Die Erwartung der eigenen Selbstwirksamkeit (Self-Efficacy) ist hier ein zentraler Einfluss auf das Verhalten – ein anderer ist hier die aktuelle Gefühlslage. Lernen am Modell, Imitationslernen und Identifikationslernen sind Formen des sozialen Lernens. Beim Lernen am Modell liegt die Attraktivität bei dem Erfolg der beobachteten Handlung. Beim Imitationslernen liegt die Attraktivität in der beobachteten Handlung. Beim Identifikationslernen liegt die Attraktivität in der beobachteten Person.

Das Video zum Modelllernen – Bobo Doll


[Quelle: http://www.youtube.com/Pr0OTCVtHbU]

1. Definition
„Das Lernen am Modell ist eine Form des sozialen Lernens, welches auch als Immitationslernen, Beobachtungslernen, Modelllernen oder Nachahmungslernen bezeichnet wird. Hierbei werden Verhaltensformen, die bei anderen gesehen werden, in das eigene Verhalten übernommen. Der Lernende ist der Beobachter, die beobachtete Person das Modell. Das Lernen am Modell ist eine der urtümlichsten Lernformen des Menschen“ (Schröder, 2001, S.224).
2. Definition
„Modelllernen dient primär der kognitiven Informationsverarbeitung und –speicherung, sodass es als Vorläufer der Handlungstheorien angesehen werden kann (Edelmann zit. nach Pluge, 2000). Bandura (1965) definiert es als Fähigkeit des Menschen, kognitive Fertigkeiten in Form von Wissen und Verhaltensweisen durch Beobachtung eines Vorbildes (Modells) zu erwerben oder zu verändern, wobei das Modell entweder real (z.B. als Person) oder symbolisch (z.B. als Text) gegeben sein kann“ (Pluge, 2009, S.12).
3. Definition
„Mit dem Lernen am Modell haben Menschen die Möglichkeit, schnell komplexe Verhaltensweisen durch soziale Kontakte zu übernehmen (z.B. Kleidung, Bewegung, Mimik, Gestik, sprachlicher Ausdruck, Rollenverhalten etc.). Dabei ist es wichtig, sich deutlich zu machen, dass Modelllernen häufig implizit (qua unbewusst) stattfindet“ (Wagner & Hinz & Rausch & Becker, 2009, S.34).
4. Definition
Viele Verhaltensweisen und physiologischen Veränderungen werden nicht durch die direkte Erfahrung von klassischen und operanten Konditionierungsprozessen gelernt, sondern können auch durch Modelllernen bzw. Lernen durch Beobachtung erworben werden. Modelllernen ist bedeutsam für das Entstehen und emotionale Erleben von Krankheiten, z.B. wurde bei somatischen Störungen nachgewiesen, dass Familienmitglieder chronisch krank waren und somit ein Modell für den Umgang mit Erkrankungen abgaben (vgl. Ehlert, 2003, S.98).
5. Definition
„Bei Tier und Mensch sind Tendenzen zu beobachten, durch Nachahmung oder Beobachtung des Verhaltens anderer in einer bestimmten Situation von diesem Verhalten zu lernen und ähnliches […] Verhalten zu zeigen. Insbesondere Menschen können auch durch Beobachtung eines Modells […] nicht nur neue Reaktionen oder Verhaltensweisen lernen, sondern auch ihre alten modifizieren oder verstärken. Dabei ist es ohne Belang, ob der Betreffende sein neues Modellverhalten bereits in der Situation zeigt oder danach“ (Kron, 2009, S.189).

Amüsantes zum Modelllernen

Die Werbeagentur BBDO Berlin hat übrigens für einen Kleinwagen den  Spot „Kids“ gestaltet, der das Phänomen des Nachahmungslernens von Kindern auf amüsante Weise illustriert:


[Quelle: http://www.youtube.com/iaZ5TRyOJTw]

Praktische Beispiele zum Modelllernen

  • Ein Meister packt kräftig in der Werkstatt zu und ist sehr fleißig. Seine Auszubildenden eifern ihm nach, da er gute Arbeit bei ihnen anerkennt. Er wirkt als Modell, weil er beliebt ist, als Meister eine gewisse Macht hat und das Übernehmen des Verhaltens „fleißig arbeiten“ verstärkt. Wenn der Meister jedoch von der Geschäftsleitung ständig kritisiert würde, würden sich die Jugendlichen ihn nicht ohne weiteres zum Modell nehmen, da er selbst dann für sein Verhalten nicht verstärkt werden würde.
  • Die Hausfrau füllt die Gläser mit Orangensaft aus einer Karaffe. Ihr kleiner Sohn schaut ihr dabei zu und versucht am nächsten Tag selbst die Gläser zu füllen …
  • Ein Schüler erlebt es fast täglich mit, wie sein älterer Bruder JMitschüler durch Brutalität einschüchtert. Offensichtlich respektieren die Mitschüler ihn dafür (sei es nur aus Angst). Da auch der Schüler respektiert werden möchte und in der Schulcafeteria nicht lange anstehen möchte, versucht er das Verhalten seines Bruders nachzuahmen.
  • Ein Vater zeigt seiner Tochter, wir sie ein Raumschiff malen kann. Sie versucht das Beobachtete sofort zu Papier zu bringen.
  • einem Kind wird erklärt und gezeigt, wie es mit Messer und Gabel umgehen kann: „… und dann nimmst Du die Gabel so in die Hand und führst sie zum Mund. Sieh mal, wie ich das mache!“

Literatur
Ehlert, U. (2003). Verhaltensmedizin. Berlin: Verlag Springer.
Kron, F.W. (2009). Grundwissen Pädagogik 7. Auflage. München: Verlag Reinhardt.
Pluge, M. (2009). Sozial-kognitive Lerntheorie in der Wirtschaft- modelllernen als Mittel zur Effizienzsteigerung im Unternehmen. Norderstedt: Grin Verlag.
Schröder, H. (2001). Didaktisches Wörterbuch 3. Auflage. München: Verlag Oldenbourg.
Wagner, R.F. & Hinz, A. & Rausch, A. & Becker, B. (2009). Modul Pädagogische Psychologie. Regensburg: Verlag Klinkhardt.
https://www.uni-due.de/edit/lp/kognitiv/bandura.htm (11-08-21)




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  1. One Response to “Modelllernen”

  2. Wie laufen Ansteckung und Ausbreitung bei Gewalt ab? Statt Mikroorganismen wie HIV-Viren oder Tuberkulose-Bakterien sind es Gewaltakte, die als Erreger wirken (…). Wenn jemand Gewalt beobachtet oder zum Opfer wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Person selbst gewalttätig wird und so das gewalttätige Verhalten an andere weitergibt, was zu immer mehr und mehr Gewaltakten führt. In einem Artikel beschreibt der Wissenschaftler (Gary Slutkin; W.S.) einige der Übertragungsmechanismen, die dahinterstehen: das Lernen am Modell, wie vom Psychologen Albert Bandura beschrieben; der Erwerb von Scripts im Sinne von vorgegebenen Reaktionsmustern, die in bestimmten Situationen abgerufen werden; sozialer Druck durch Peers und die Angst, nicht dazu zu gehören; eine durch Traumata ausgelöste Fehlregulierung des limbischen Systems, die zu feindseligen Überreaktionen auf reale oder vermeintliche Angriffe führen kann. Natürlich wird nicht jeder, der Gewalt erlebt, selbst zum Gewalttäter, aber wenn Faktoren wie Armut, Drogen oder Isolation dazukommen, kann sich Gewalt leicht ausbreiten.
    Quelle: http://blog.psychologie-heute.de/ansteckende-gewalt-und-was-man-dagegen-tun-kann/ (17-03-23)

    By Psychologie Heute on Mrz 24, 2017

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