Klugheit

Alle Menschen sind klug – die einen vorher, die anderen nachher.
Voltaire

Der SCHOLASTISCHEN Bildung oder der Unterweisung bedarf der Mensch, um zur Erreichung aller seiner Zwecke geschickt zu werden. Sie gibt ihm einen Wert in Ansehung seiner selbst als Individuum. Durch die Bildung zur KLUGHEIT aber wird er zum Bürger gebildet, da bekommt er einen öffentlichen Wert. Da lernt er sowohl die bürgerliche Gesellschaft zu seiner Absicht lenken, als sich auch in die bürgerliche Gesellschaft schicken. Durch die MORALISCHE Bildung endlich bekommt er einen Wert in Ansehung des ganzen menschlichen Geschlechts.
Immanuel Kant (Über Pädagogik)

Klugheit aus dem Bauch

Mit immer raffinierteren Methoden versuchen Psychologen unser Unterbewußtsein zu ergründen. Thomas Hill und Pawel Lewicki von der amerikanischen University of Tulsa haben jetzt bei Experimenten herausgefunden, daß es unsere (Vor-)Urteilsbildung entscheidend beeinflussen kann und dabei mitunter „schlauer“ ist als unser Bewußtsein. Besonders deutlich zeigt dies ein Versuch, bei dem Probanden die Aufgabe hatten, nach Abschluß eines kurzen Trainings „intuitive“ Urteile über den Charakter von Personen abzugeben, deren Portrait ihnen jeweils präsentiert wurde. Zur Vorbereitung wählten Hill und Lewicki aus einer amerikanischen Tageszeitung neun Portraits von etwa gleichaltrigen und vom Gesichtsausdruck her ähnlichen Männern aus. Sie achteten dabei darauf, daß bei allen Köpfen der Abstand zwischen Kinn und Augen genauso groß war wie der zwischen Augen und dem im Bild sichtbaren oberstem Haar-Rand – nämlich jeweils zehn Längeneinheiten. Dies sind die Proportionen eines durchschnittlichen Gesichts. Von jedem dieser Portraits erzeugten die Psychologen nun mit Computerhilfe eine „gestauchte“ und eine „gelängte“ Variante: Nach dem „Stauchen“ entstanden „Kurzgesichter“ mit einem Längenverhältnis von neun zu elf. Nach dem „Strecken“ ergaben sich „Langgesichter“ mit einem Verhältnis von elf zu neun. Die Deformationen waren klein genug, daß sie nicht bewußt als solche wahrgenommen werden konnten. Auch waren alle Gesichtsvarianten mit jeweils insgesamt 20 Einheiten gleich lang. Mit diesem Bildmaterial führten Hill und Lewicki zunächst ein Training durch: Sie zeigten 22 Probanden jeweils zwei kurze, zwei normale und zwei lange Gesichter, die nach einem Zufallsverfahren aus dem Material ausgewählt waren, und behaupteten, die Bilder stellten College-Professoren dar. Während die Probanden die Portraits begutachteten, gaben die Forscher jeweils einen kurzen Kommentar zu der Persönlichkeit des „Professors“ ab, der angeblich von deren „Studenten“ stamme: Einige seien in der Bewertung der Studienleistungen großzügig, andere normal, andere streng. Die Zuordnung dieser Attribute erfolgte jedoch nicht wahllos. Hill und Lewicki unterteilten ihre Prüflinge vielmehr in zwei Gruppen: Den einen erzählten sie jeweils beim Betrachten der Kurzgesichter, diese seien streng, und attestierten jeweils den Langgesichtern Großzügigkeit. Den Probanden der anderen Gruppe erzählten sie genau das Gegenteil – nämlich daß die Langgesichter streng und die Kurzgesichter großzügig seien. Den Normalgesichtern sprachen sie in beiden Gruppen jeweils durchschnittlich faires Benotungsverhalten zu. Nach diesem Vortraining zeigten die beiden Psychologen ihren Prüflingen nun jeweils ein von diesen bislang noch nicht gesehenes Kurz-, Normal- und Langgesicht und baten sie, ihrer „Intuition“ folgend ein Urteil über den Charakter dieser Personen abzugeben. Der vermuteten „Benotungsfairness“ sollten sie dabei einen Wert zwischen „Eins“ (sehr unfair) und „Zehn“ (sehr fair) geben. Die Ergebnisse bestätigten Hills und Lewickis Vermutung aufs beste: Diejenigen Probanden, denen Kurzgesichter als großzügig vorgestellt worden waren, bewerteten das neue Kurzgesicht im Durchschnitt mit 7,1, das neue Langgesicht hingegen mit 3,4. Die Probanden der anderen Gruppe hingegen gaben dem neuen Kurzgesicht eine Durchschnittsnote von 5 ,3, dem Langgesicht hingegen von 7,0. Die neuen Normalgesichter erhielten in beiden Gruppen fast die gleiche Durchschnittsbewertung von 6,0. Als die Forscher die Teilnehmer im Anschluß fragten, worauf sie ihr Urteil gegründet hätten, sagten die meisten: „Ich habe einfach nur geraten.“ Sie ahnten nicht im geringsten, kommentiert Lewicki, „daß sie Regeln gelernt hatten“. Auch bei anderen Versuchen – etwa beim Verfolgen und Vorhersagen eines komplizierten Bewegungsmusters, das eine Figur auf einem Bildschirm beschrieb – konnten die Psychologen ihre These erhärten: Unser Unterbewußtsein ist in der Lage, Bewertungskriterien zu „erarbeiten“, die so komplex sein können, daß wir diese rational kaum zu verstehen vermögen.


Quelle: GEO 09/92 (S. 190)



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