Concept Creep

Concept Creep, also schleichende Ausweitung eines Konzepts, bezeichnet nach Haslam (2016) die allmähliche Verbreiterung bisheriger psychologischer und soziologischer Definitionen von negativen und schmerzlichen Ereignissen auf ähnliche Phänomene, insbesondere wenn Begriffe wie Trauma und Missbrauch, mentale Störung und Bullying, Vorurteil und Sucht auch auf letztlich eher geringfügige Beeinträchtigungen ausgeweitet werden. Es kommt dadurch zu einer Einengung des Begriffs des Normalen und zu einer semantischen Inflation psychologischer Kategorien, die Folgen für die Gesellschaft haben kann. Wenn sich solche Konzepte ändern, hat das eine Rückwirkung auf Menschen, die diese Konzepte nutzen, um ihr eigenes Verhalten oder Empfinden einzuordnen, zu bewerten und auch zu verändern.

Nach Haslam kommt es zu zwei Arten der Ausweitung: bei der vertikalen Expansion wird eine Definition weniger stringent genutzt, wenn also eine Krankheit schon bei einer leichteren Symptomatik diagnostiziert wird als früher üblich, während eine horizontale Expansion die Ausweitung eines Phänomens auf neue Gebiete bezeichnet, wenn früher etwa nur Drogenabhängige als Süchtige galten, während heute auch von Spielsucht, Sexsucht oder Computersucht gesprochen wird.

Während früher eine Misshandlung vor allem eine Form der Körperverletzung war, wird heute der Begriff viel weiter gefasst, wenn etwa jemand emotional misshandelt, also z. B. beschimpft, eingeschüchtert, bedroht, abgelehnt, vereinnahmt oder mit emotionaler Kälte behandelt wird. Diese Ausweitung des Begriffs des Missbrauchs bringt ein deutlich höheres Maß an Subjektivität mit sich, denn objektiv betrachtet lässt sich ein konkretes Verhalten manchmal nur schwer als eindeutig positiv oder negativ einstufen.

In der Sozialpsychologie etwa kommt es dadurch zu einer starken Ausweitung des frpher eng gefassten Begriff des Vorurteil, etwa wenn es um Rassismus, Sexismus, Schwulenfeindlichkeit, Judenfeindlichkeit geht, also negative, vorurteilsbelastete, feindliche Haltungen gegenüber bestimmten Personengruppen.  Auch in Hinblick auf Täter ist nach Haslam diese Entwicklung problematisch, denn ihr Verhalten wird weniger toleriert, stärker verfolgt und bestraft, auch wenn dadurch jede spöttische Bemerkung und jeder Streich zu einem Verbrechen oder verletzendem und sozial schädlichem Verhalten erklärt wird. Dies führt zu Verunsicherung, Selbstzensur und einem Klima der Unterdrückung freier Meinungsäußerung (Stichwort political correctness), sodass viele Menschen mit Anschuldigungen leben müssen, die sie zu Recht für ungerechtfertigt halten. Dadurch werden einerseits immer mehr Menschen zu pathologisierten Opfern und andererseits manche zu kriminalisierten Tätern, während sich durch diese semantische Ausweitung von Begriffen vor allem jene missachtet fühlen, die tatsächlich ein schweres Trauma durchlitten haben, also Frauen nach Vergewaltigungen oder Veteranen, die Kriegserlebnisse verarbeiten müssen und oft keine ausreichende Hilfe bekommen.

Literatur
Haslam, N. (2016). Concept Creep: Psychology’s Expanding Concepts of Harm and Pathology. Psychological Inquiry, 27, 1-17.
Spahn, T. (2016). Die Inflation der Verletzlichkeit. Sind wir alle Opfer?
WWW: http://diekolumnisten.de/2016/08/30/die-inflation-der-verletzlichkeit-sind-wir-alle-opfer/ (16-09-02)



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