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Mehrsprachigkeit

Mehrsprachigkeit bezeichnet in der Pädagogik die Fähigkeit eines Menschen, mehrere Sprachen zu sprechen und sich in diesen ausdrücken zu können. Mehrsprachigkeit bedeutet für ein Individuum vor allem, dass mehrere Sprachen in verschiedenen Lebenszusammenhängen benützt werden, wobei die Sprachen nicht alle auf gleichem Niveau in allen sprachlichen Fertigkeiten wie Hören, Sprechen, Lesen bzw. Schreiben und in allen Lebensbereichen beherrscht werden müssen. Der Grad der Beherrschung differiert in der Regel je nach Funktion der Sprache und je nach Sphäre, in der eine Sprache genutzt wird. In der Regel verändern sich Sprachkompetenzen des Weiteren nach Lebenssituation, sodass sich damit zusammenhängend auch die Sprachverwendung ändert, weshalb Mehrsprachigkeit nicht als statisches Konstrukt betrachtet werden kann. Im Begriff der Mehrsprachigkeit sind daher auch Dialekte, Soziolekte, Schriftsprache, Umgangssprache und weitere Sprachenformen inkludiert.

Global betrachtet ist übrigens die Einsprachigkeit die Ausnahme und Mehrsprachigkeit die Regel, wobei zahlreiche Untersuchungen belegen, dass beim frühkindlichen Erwerb der Mehrsprachigkeit keinerlei spätere Defizite nachzuweisen sind. Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, können im frühen Alter Sprachen gut voneinander trennen und Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten der Sprachen im Vergleich zu monolingualen Kindern mühelos erkennen. Es existiert bis zu einem Alter von etwa sieben Jahren ein Zeitfenster, in dem Kinder eine Sprache auf muttersprachlichem Niveau erlernen können, sodass man mit dem Lernen einer zweiten Sprache bereits im Kindergartenalter beginnen sollte. Ist nämlich das prozedurale Wissen einer Sprache in der frühen Kindheit verankert worden, bleibt es ein Leben lang erhalten. Das Vokabular der Sprache hingegen stellt als deklaratives Wissen jedoch nur die Oberfläche der Sprachfähigkeit dar, und ist damit anfällig für die jeweiligs geltenden Lebensumstände und kann auch ganz verloren gehen, wenn es nicht immr wieder wiederholt wird. Die prozeduralen Automatismen der Grammatik können noch viele Jahre später gut reaktiviert werden, denn während der Wortschatz eines Menschen vom Input abhängig ist, sind es die grammatischen Regeln nicht. Das bedeutet aber auch, dass ohne permanentes Training eine bilinguale Erziehung wenig nützt.

Mehrsprachigkeit beeinflusst nach neueren Erkenntnissen vor allem das Gehirn positiv, denn wenn Kinder im Alltag mit mehreren Sprachen umgehen müssen, stellt das kein Problem für das kindliche Gehirn dar. Untersuchungen haben gezeigt, dass mehrsprachige Kinder sogar Vorteile haben, die weit über das größere Sprachvermögen hinausgehen, denn sie können sich meist besser konzentrieren und Konflikte lösen, indem sie sich besser in andere hineinversetzen können. Mehrsprachige müssen, wenn sie eine Sprache sprechen, die andere unterdrücken, also kontrollieren, denn alle Sprachen, die ein Mensch lernt, werden Teil eines einzigen Sprachsystems, und wird eine Sprache gesprochen, muss das Gehirn die anderen Sprachen simultan in den Hintergrund rücken. Um die jeweils konkurrierende Sprache in Schach zu halten, entwickelt das Gehirn von Mehrsprachigen früh eine ausreichende kognitive Kontrolle, indem in bestimmten Arealen des Gehirns, die für die Steuerung der Sprache verantwortlich sind, ab dem Kleinkindalter mehr graue Substanz angelegt wird, was diese Areale des Gehirns (Nucleus caudatus, Anteriore cinguläre Cortex) leistungsfähiger macht. Doch diese beiden Bereiche sind nicht eben nur Teil des Sprachsystems, sondern auch anderer wichtiger Systeme, etwa auch für die Aufmerksamkeit oder soziale Kompetenz zuständig.

Nach Ansicht von Experten ist die Vorstellung eines perfekt ausbalancierten Bilingualismus ist eine Illusion, denn perfekt beherrscht ein Mensch immer nur eine Sprache, während die anderen in verschiedenen Abstufungen schwächer sind. Das liegt laut Studien etwa an unterschiedlichen Lernbedingungen und dem meist ungleich starken Trainingseffekt im Alltag. Bilingual aufwachsende Kinder besitzen in den einzelnen Sprachen in der Regel einen kleineren Wortschatz als monolinguale, denn die tägliche Aufnahmekapazität im Gehirn ist mit Blick auf das Vokabular einfach begrenzt.

Sprachwechsel in natürlichen Situationen weniger aufwändig als bisher angenommen

Blanco-Elorrieta & Pylkkänen (2017) haben  experimentell festgestellt, dass ein Sprachwechsel beim Gespräch mit einer anderen zweisprachigen Person, nicht mehr exekutive Kontrolle erfordert, als wenn man weiterhin die gleiche Sprache spricht. Für einen zweisprachigen Menschen erfordert jede Äußerung eine Wahl der zu verwendenden Sprache, wobei die Umstände die Gehirnaktivität zweisprachiger Sprecher beeinflussen, wenn sie Sprachwechsel vornehmen. Die Ergebnisse machen deutlich, dass, obwohl wir zwischen Sprachen wechseln können, in denen wir fließend sind, unser Gehirn unterschiedlich reagiert, je nachdem, was solche Veränderungen fördert. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass die Sprachauswahl in der alltäglichen Interaktion auf der Grundlage sozialer Hinweise oder des einfachen Zugangs zu bestimmten Vokabeln in einer Sprache im Vergleich zu einer anderen bestimmt wird. Diese Unterscheidung ermöglicht es, dass das Gehirn beim Sprachenwechsel in einer natürlicheren Umgebung nicht so hart arbeiten muss. Darüber hinaus erforderten Sprachwechsel in einer künstlichen Umgebung im Hörmodus eine hohe Aktivität der exekutiven Kontrollbereiche des Gehirns, beim Hören eines natürlichen Gesprächs erfolgte jedoch ein Sprachwechsel, der nur die auditorischen Cortices betraf. Der neuronale Aufwand für den Sprachwechsel waren während eines Gesprächs viel geringer, wenn die Sprecher sich für eine Sprache entschieden haben, als bei einer klassischen experimentellen Aufgabe, bei der die Sprachwahl durch künstliche Hinweise bestimmt wird. Diese Studie zeigt also, dass die Rolle der Exekutivkontrolle bei der Sprachumschaltung viel kleiner sein dürfte als bisher angenommen. Dies ist wichtig für Theorien über den „zweisprachigen Vorteil“, die davon ausgehen, dass zweisprachige Menschen eine bessere Führungskontrolle haben, weil sie häufig die Sprache wechseln. Die Ergebnisse von Blanco-Elorrieta & Pylkkänen (2017) deuten aber darauf hin, dass dieser Vorteil nur für jene Zweisprachige entsteht, die sie ihre Sprachen nach externen Vorgaben kontrollieren müssen (z.B. auf Grund der Person, mit der sie sprechen) und nicht aufgrund der Lebenserfahrungen in einer zweisprachigen Gemeinschaft, in der der Wechsel völlig freigestellt ist.


Siehe dazu im Detail
Mehrsprachigkeit zwischen Bildungschance und Bildungsrisiko (16-05-21)
Mehrsprachigkeit: Chance oder Hürde beim Schriftspracherwerb? (16-05-21)
Mehrsprachigkeit verändert das Gehirn (16-05-21)
Leseverständnis, Familiensprache und Freizeitsprache (16-05-21)

Literatur

Blanco-Elorrieta, E. & Pylkkänen, L. (2017). Bilingual language switching in the lab vs. in the wild: The spatio-temporal dynamics of adaptive language control. The Journal of Neuroscience, doi10.1523/JNEUROSCI.0553-17.2017.
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=74438 (18-02-20)



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