Trauer

In der Psychologie der Trauer unterscheidet Kast (1990) verschiedene Phasen, die ein Trauernder durchlebt: zuerst kommt die „Schockphase“, d.h., der Betroffene will den Verlust nicht wahrhaben, dann folgt die Phase der „aufbrechenden Emotionen“, in der Wut, Schmerz und Traurigkeit an die Oberfläche kommen. Die dritte Phase ist gekennzeichnet durch die allmähliche Akzeptanz des Schicksalschlags, die irgendwann in die vierte Phase der Integration des Geschehenen ins eigene Leben führt, in der zunehmend wieder der Blick nach vorne in die Zukunft gerichtet wird. Mensch benötigten unterschiedlich viel Zeit zum Durchlaufen der einzelnen Phasen.

Prolongierte Trauer

Endgültig von Menschen Abschied zu nehmen, die man geliebt hat, tut weh, doch der Schmerz lässt bei den meisten Menschen mit der Zeit in seiner Intensität nach, doch bei manchen Trauernden geschieht dies jedoch nicht. Bei ihnen bleibt der Trennungsschmerz genauso intensiv wie am ersten Tag, und zwar über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Kurz nach dem Verlust eines geliebten Menschen ist es normal, an diesen zu denken und sich an schöne, gemeinsame Erlebnisse zu erinnern, doch prolongiert Trauernde hingegen können ihre Gedanken in Bezug auf den Verlust selbst nach Jahren nicht aktiv steuern, und selbst kleinste Details reichen aus, um unkontrollierte Gefühlsausbrüche wie Weinen oder Schreien hervorzurufen, seien es der Name, Bilder oder Orte, oft auch in einem völlig anderen Zusammenhang. Diese Trauernden können den Tod nicht akzeptieren und damit auch kein neues Leben beginnen, wobei der Weg in die Isolation häufig die Folge ist, denn soziale Kontakte werden gemieden. Besonders betroffen sind Menschen, die schon vor dem Verlust eine seelische Erkrankung hatten, wobei die Zurückgelassenen oft gegen Schuldgefühle ankämpfen. In einer Therapie kommt es daher darauf an, sich von diesen Schuldgefühlen zu lösen und sich zu verabschieden, aber gleichzeitig mit ihm verbunden zu bleiben.

Wittkowski & Scheuchenpflug (2016) untersuchten die Formen des Trauerns und die damit verbundenen Folgen für die Betroffenen, indem sie Menschen befragten, die meisten von ihnen verwitwet oder verwaiste Eltern, mit Hilfe eines Fragebogens (Würzburger Trauerinventar), in dem die Betroffenen ihre Beziehung zu den Verstorbenen, deren Todesart sowie ihr Erleben nach dem Verlust und verschiedene Aspekte des Trauerns beschrieben. Bei Menschen, die ein Kind oder ihren Ehegatten verloren hatten, war das Empfinden der Nähe zur verstorbenen Person besonders stark ausgeprägt, d. h., sie beschrieben sich als in der Trauerphase in ihrem Denken und Fühlen spürbar beeinträchtigt. Solche Empfindungen waren weniger stark ausgeformt, wenn ein Elternteil beziehungsweise ein Bruder oder eine Schwester gestorben waren. Im Hinblick auf die Todesart, äußerten Angehörige von Opfern einer Selbsttötung stärkere Schuldgefühle als Angehörige von Menschen, die durch Krankheit oder Unfall ums Leben gekommen waren. Keinen Einfluss auf die Intensität negativer Gedanken und Gefühle der Hinterbliebenen hatte hingegen, ob der Tod überraschend durch einen Unfall oder vorhersehbar aufgrund einer Krankheit eingetreten war. Offensichtlich unterscheidet sich die Art und Intensität des Verlusterlebens, je nachdem, in welcher Beziehung die verstorbene Person zum Hinterbliebenen stand und auf welche Art sie ums Leben kam. Diesen Umstand sollte man daher bei der Begleitung, Beratung und psychotherapeutische Behandlung Trauernder berücksichtigen, denn Menschen, deren Ehegatte oder Kind sich das Leben genommen haben, sind demnach besonders anfällig für die „Anhaltende Komplexe Trauerreaktion“, die ein Risikofaktor für die Ausbildung noch schwerwiegenderer psychischer und körperlicher Erkrankungen darstellt.

Siehe auch Verhaltenstherapie bei Trauerreaktion und Depression

Literatur
Kast, Verena (1990).Trauern. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses. Stuttgart: Kreuz.
http://www.news.de/gesundheit/855252357/trauerbewaeltigung-wenn-der-schmerz-nicht-mehr-verschwindet/1/ (11-12-14)
Wittkowski, J. & Scheuchenpflug, R. (2016). Trauern in Abhängigkeit vom Verwandtschaftsverhältnis zum Verstorbenen und zur Todesart [Abstract]. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 24 (3), 107–118.




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