Hochbegabung

Hochbegabung ist die Disposition für herausragende Leistungen und nicht die Hochleistung selber. Eine Hochbegabung setzt sich zusammen aus sehr guter Motivation, Kreativität und überdurchschnittlichen Fähigkeiten auf einem oder mehreren Gebieten. Sie kann nur unter bestimmten Umständen zu Höchstleistungen führen. Familie, Kindergärten, Schulen müssen Bedingungen schaffen, in denen besonders begabte Kinder und Jugendliche sich ihrer Begabung entsprechend entwickeln können.

Der Begriff der Hochbegabung ist nicht alleine auf Intelligenz zu beziehen, sondern kann in den verschiedensten Bereichen auftreten (Gardner 1991, Sternberg 1999). William Stern wies bereits im Jahr 1916 auf die Notwendigkeit der Begabtenförderung hin. Er leitete an der Hamburger Universität eine Forschungsgruppe zu diesem Thema. Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Bedarf für Begabtenförderung allgemein anerkannt und in einige Landesverfassungen aufgenommen. Das Gymnasium wurde für diesen Zweck als ausreichend beurteilt. Es gibt nicht die Hochbegabung und das hochbegabte Kind an sich, sondern jeder Hochbegabte ist einzigartig. Somit gibt es auch nicht den Königsweg zur Förderung von begabten Kindern/Schülern.

Nach Angaben der deutschen Gesellschaft für Hochbegabung sind 2 % bis 3 % aller Kinder weit überdurchschnittlich intellektuell befähigt und gelten somit als hochbegabt. Eine Normalverteilung der Intelligenz vorausgesetzt, entspricht dies einem Intelligenzquotienten von 130 oder mehr. Es hat sich daher eingebürgert, einen IQ von 130 als Grenzwert zur intellektuellen Hochbegabung anzusetzen. In der differentiellen Psychologie gelten Menschen als hochbegabt, deren Testergebnisse bei einem Intelligenztest mehr als zwei Standardabweichungen vom Mittelwert abweichen. Dies sind also Menschen, die ein IQ erreichen, der von höchstens 2,2% ihrer Mitmenschen erreicht oder übertroffen wird.

Welche Faktoren zum Auftreten einer Hochbegabung führen ist immer noch umstritten. Allgemein wird angenommen, dass es sich um die Kombination verschiedener günstiger Faktoren handelt. Auch wenn ein gesicherter Zusammenhang zwischen Intelligenz und genetischer Veranlagung besteht, spielt das soziale Umfeld, vor allem während der Kindheit, eine große Rolle bei der Intelligenzentwicklung. Es wird vermutet, dass es auch einen Zusammenhang mit dem Wachstumshormon IGF-1 gibt. Kinder von älteren Müttern haben häufig einen hohen Spiegel dieses Hormons und es konnte nachgewiesen werden, dass Kinder älterer Mütter (35 Jahre) tendenziell intelligenter sind. Prinzipiell handelt es sich bei Intelligenz um ein genetisch veranlagtes, also vererbbares Phänomen. Eine genetische Veranlagung bedeutet jedoch nicht zwingend, dass sich erhöhte Intelligenz oder eine Hochbegabung ausbildet.

Das Sprachumfeld spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Sie steht eng mit dem sozialen Status der Eltern im Zusammenhang. In einer Studie wurde ermittelt, dass Eltern aus der Mittel- und Oberschicht wesentlich häufiger und deutlich mehr mit ihren Kindern sprachen als solche aus der Unterschicht und zudem komplexere Sätze bildeten. Dies hat einen enormen Einfluss auf die Intelligenzentwicklung. Der IQ der benachteiligten Kinder lag bei durchschnittlich 79, während die sozial besser gestellten Kinder, mit denen viel geredet wurde, im Durchschnitt auf 117 kamen. Nicht zu unterschätzen ist die Rolle des elterlichen Erziehungsverhaltens.

Es scheint auch sicher zu sein, dass die Ernährung einen Einfluss auf die Intelligenzentwicklung hat. Schon in der Schwangerschaft kann eine Mangelernährung der Mutter (Jod) die spätere Intelligenz des Kindes senken. Eine Studie von 1972 ermittelte eine Durchschnitt-IQ von 58 für Kinder, die während der ersten zwei Lebensjahre stark unterernährt waren. Dieser Einfluss lässt sich aber kompensieren, wenn die Kinder (Adoption) in ein besseres Umfeld kommen. Hochbegabte haben die gleichen emotionalen und sozialen Bedürfnisse wie andere Menschen. Sie durchlaufen als Kinder die gleichen Entwicklungsschritte wie Normalbegabte, allerdings im Vergleich die kognitiven und konzeptuellen deutlich schneller, was zu Missverständnissen und daher möglicherweise zu Problemen mit der sozialen Umgebung führen kann. Trotzdem haben Hochbegabte im Durchschnitt weniger soziale Problem als andere Menschen.

Die meisten hochbegabten Kinder sind anpassungsfähig und -willig, sie versuchen im Unterricht mitzuarbeiten und die Erwartungen der LehrerInnen zu erfüllen bzw. überzuerfüllen. Gelingt ihnen das, haben sie in der Regel gute Noten und sind bei den LehrerInnen beliebt. Allerdings sind weder Lehrplan noch Unterrichtsstil an die Bedürfnisse von Hochbegabten angepasst, da nur etwa drei Prozent aller Kinder hochbegabt sind und der Lernstoff aber in den Schulen so vermittelt werden muss, dass die Mehrheit der Kinder ihn verstehen, einüben, sich merken und anwenden kann. Deshalb ist für Hochbegabte das Lerntempo viel zu langsam, weshalb sie meist in Kreativität und Eigenständigkeit ausweichen, mit der LehrerInnen und auch die anderen Kinder oft nichts anfangen können. Dabei passen sich vor allem hochbegabte Mädchen an und halten sich brav an den Lehrplan, was ihnen eher ihm das Lob der Lehrerinnen einbringt, die anerkennt. Mädchen lernen in dieser Form der sozialen Anpassung, dass ihr Mehrwissen nicht gefragt ist und dass es eher darauf ankommt, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, um gelobt zu werden. Vor allem in höheren Klassen wird Hochbegabung von den Peers oft nicht als Plus- sondern als Minuspunkt gewertet, die daher, um einem Ausschluss aus der Gruppe zu entgehen, eher versteckt wird. Knaben verzichten verzichten eher auf das Lob für etwas, das sie ja nicht gelernt, sondern schon lange gewusst haben, und beschäftigen sich lieber mit anderen Dingen. Für sich definieren sie Schule als „uncool“ und „unnütz“, passen daher nicht mehr auf und stören im Unterricht. Sie machen keine Hausaufgaben und verpassen so auch das, was sie hätten lernen können, sollen und müssen. Durch diese oppositorische Arbeitshaltung fehlen ihnen die für Prüfungen notwendigen Informationen und Techniken, um gute Zensuren zu erreichen.

Aber nicht nur intellektuelle Rückzug ist eine Ursache für schlechtere Noten, sondern LehrerInnen fühlen sich von hochbegabten Kindern oft unter Druck gesetzt, da sie um ihre Autorität gegenüber der Klasse fürchten und theoretisch richtige aber nicht dem Lehrplan entsprechende Lösungen nicht anerkennen und als “Fehler” bewerten.

Hochbegabten Kinder machen häufig ähnlich viele Fehler wie weniger begabte, doch sind es meist andere Fehler, wobei viele auf Grund deren oberflächlichen Einstellung Flüchtigkeitsfehler sind. Versuchen Erwachsene, hochbegabte Kinder mit zusätzlichen Aufgaben zu versorgen, um ihrem erhöhten Lerninteresse entgegenzukommen, geraten diese unter Druck, was zu Konzentrationsstörungen führen kann.

Hochbegabung zeigt sich in drei Merkmalen: überdurchschnittliche Fähigkeiten, Kreativität, und hohe Motivation. Einige Merkmale, die bei hochbegabten Kindern auftreten, sind unter anderen:

  • hohes Detailwissen in einzelnen Bereichen
  • schnelles Merken von Fakten
  • vielfältige Interessen
  • rasches Erfassen von Ursache-Wirkungs-Beziehungen
  • Bevorzugung des unabhängigen Arbeitens
  • ungewöhnlich großer Wortschatz, erfassen leicht Sprachfeinheiten
  • ungewöhnlicher Sinn für Humor
  • kritisches Denken, unabhängiges Bewerten
  • Streben nach Perfektion verbunden mit hoher Selbstkritik
  • sensibler als andere, auch mit irrationalen Ängsten
  • finden für Probleme eigene, kreative Lösungen
  • intrinsisch motiviert
  • gelangweilt von Routineaufgaben
  • wollen
  • ausgeprägter Gerechtigkeitssinn
  • großes Interesse an Erwachsenenthemen wie Umwelt, Politik, Religion und abstrakten Themen wie Gerechtigkeit, Gut-Böse, Tod
  • Verhaltensauffälligkeiten kombiniert mit einem oder mehreren der anderen Merkmale

Hochbegabte Kinder können in der Schule und im sozialen Umgang Probleme entwickeln, wenn ihre intellektuellen Bedürfnisse lange Zeit nicht wahrgenommen oder akzeptiert wurden und die Kinder deshalb ihre Fähigkeiten nicht entfalten konnten.

Im Kindergarten fällt das Kind auf,

  • weil es sich langweilt
  • weil es manche Spiele “doof” findet und deshalb stört, um wahrgenommen zu werden
  • weil es sich für Dinge interessiert, für die es andere für “zu jung” halten
  • weil es sich in die Gruppe nicht einbringen kann und damit häufig zum Außenseiter wird.

In der Schule fällt das Kind auf,

  • weil es sich ständig unterfordert fühlt
  • weil es als Streber oder Besserwisser gilt und unbeliebt ist
  • weil es sich als Clown der Klasse aufführt, damit die Mitschüler es akzeptieren und die Lehrer es wahrnehmen
  • weil es sich von Lehrern und Mitschülern nicht verstanden und nicht akzeptiert fühlt
  • weil es trotz bekannter Intelligenz “unerklärlich” schwache Leistungen zeigt.

In seiner Umgebung fällt das Kind auf,

  • weil es an den üblichen “altersgemäßen” Freizeitaktivitäten keinen Gefallen findet
  • weil es perfektionistisch und sich selbst und Anderen gegenüber sehr kritisch ist
  • weil es anstelle körperlicher die geistig-verbale Auseinandersetzung bevorzugt
  • weil es sehr sensibel für zwischenmenschliche Wechselwirkungen ist
  • weil es intellektuell zwar seinem Alter um Jahre voraus ist, gefühlsmäßig aber meist seinem Alter entsprechend reagiert
  • weil es sich von der Umwelt isoliert fühlt.

Beratung bei (vermuteter) Hochbegabung – Was sind die Anlässe und wie hängen sie mit Geschlecht, Ausbildungsstufe und Hochbegabung zusammen?

In der Studie von Preckel & Eckelmann (2008) wurde die allgemeine Hochbegabung untersucht, wobei als hochbegabt Kinder mit einem minimalen IQ von 125 bezeichnet wurden (vgl. Preckel & Eckelmann, 2008, S. 18). Die Untersuchung wurde zwischen Januar 1999 und Juni 2005 durchgeführt. Dabei wurde von verschiedenste Quellen Gebrauch gemacht: Für demografische Daten wurden die Informationen aus Fragebögen verwendet. Die Informationen über Beratungsanlässe wurden aus schriftlichen Unterlagen, Telefonkontakten, dem Fragebogen und dem Beratungsgespräch selbst entnommen. Es wurden 13 Kategorien von Beratungsanlässen entworfen, welche von der Hochbegabungsdiagnostik bis zu klassischen Themen der Erziehungsberatung reichen. „Intelligenzstrukturtests“ wurden durchgeführt, deren Ergebnisse zeigten, dass 33 % der 440 Befragten hochbegabt sind. Über die Hälfte der Mütter und auch der Väter der getesteten Kinder haben einen akademischen Abschluss und ca. 10 % der Mütter und auch der Väter haben einen Doktortitel (vgl. Preckel & Eckelmann, 2008, S. 19f).
Es stellte sich zwar heraus, dass es zwischen gewissen Anlässen, wie Verhaltensproblemen und Fragen zur Erziehungsberatung, tatsächlich Zusammenhänge bestehen, doch diese sind so gering, dass man von keinen zusammenhängenden Gruppen von Anlässen sprechen kann (vgl. Preckel & Eckelmann, 2008, S. 21ff). In der Beratungsstelle zum Bereich Hochbegabung war die Hochbegabtendiagnose der am öftesten vorkommende Anlass, gefolgt von Fördermöglichkeiten und schulischen Unterforderungen. An vierter Stelle befinden sich klassische Themen aus der Erziehungsberatung (vgl. Preckel & Eckelmann, 2008, S. 20). Bei Beratungsstellen welche sich nicht auf Hochbegabung, sondern auf Schul- und Erziehungsberatung, spezialisieren, zählten Beziehungsprobleme innerhalb der Familie, soziale Probleme und Entwicklungsauffälligkeiten zu den häufigeren Anlässen (vgl. Preckel & Eckelmann, 2008, S. 23). Bei Jungen sind öfters als bei Mädchen Verhaltensprobleme oder Erziehungs- und Konzentrationsstörungen Anlass für die Beratung sind, während Eltern von Mädchen eher Beratung über frühzeitige Einschulung oder Fördermaßnahmen in Anspruch nehmen (vgl. Preckel & Eckelmann, 2008, S. 23f). Im Vorschulalter spielen Themen wie vorzeitige Einschulung eine Rolle . In der Grundschule treten vor allem Unterforderung und Langeweile als Anlass auf, wobei bei Schülern im Sekundarstufenbereich eher Leistungs- und Konzentrationsstörungen oder Motivationsproblemea uftreten(vgl. Preckel & Eckelmann, 2008, S. 21). Eltern von Hochbegabten lassen sich vor allem aus den Anlässen wie Motivationsprobleme beraten und Beratungsanlässe wie Leistungsprobleme oder Erziehungsfragen eher von Eltern mit nicht hochbegabten Kindern vorkommen (vgl. Preckel & Eckelmann, 2008, S. 24), auch sind mehr Jungen innerhalb der Beratung als Mädchen hochbegabt.
Mitarbeiter der begabungspsychologischen Beratungsstelle sollten nicht nur über spezifisches Wissen bezüglich Hochbegabter verfügen, sondern auch über Grundlagen der pädagogischen Beratung (vgl. Preckel & Eckelmann, 2008, S. 24). Da Hochbegabte oft aufgrund von Anlässen wie Motivationsstörungen Beratung aufsuchen, sollten sich die Berater auch mit dem Thema Motivationsförderung beschäftigen, um hochbegabte Kinder bestmöglich fördern zu können (vgl. Preckel & Eckelmann, 2008, S. 25).

Quellen:
http://www.pressemeldungen.at/97184/hochbegabte-menschen-gesucht-fur-ein-buch-projekt/ (09-09-09)
http://www.dghk.de/index.html (08-09-04)
Preckel, F. & Eckelmann, C. (2008). Beratung bei (vermuteter) Hochbegabung: Was sind die Anlässe und wie hängen sie mit Geschlecht, Ausbildungsstufe und Hochbegabung zusammen? Psychologie in Erziehung und Unterricht, 55, 16-26.

Siehe auch: Intelligenz und Hochbegabung

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