Risikoforschung

Die psychologische Risikoforschung untersucht, wie Menschen mit Unsicherheit und Risiken umgehen, und wie sie mit begrenztem Wissen und in begrenzter Zeit Entscheidungen treffen. In solchen Situationen entstehen bei vielen Menschen zum Teil irrationale Ängste und es fällt ihnen schwer fällt, mit Risiken umzugehen und mit Wahrscheinlichkeiten zu arbeiten. Menschen werden täglich mit Risiken und Bedrohungen konfrontiert, und die Risikoforschung untersucht daher auch, wie sich Menschen in Risikosituationen bzw. in Situationen der Ungewissheit verhalten. Sie versucht aber auch jene Faktoren zu finden, die helfen, Risiken besser einzuschätzen und kompetent mit ihnen umzugehen und mit ihnen zu leben.

Mata et al. (2016) haben in den Daten des „World Values Survey“, einer internationalen Erhebung, die Wertevorstellungen und Anschauungen von Menschen aus der ganzen Welt zusammenführt, die Neigung, im Alltag Risiken einzugehen, erhoben. Es zeigte sich, dass mit dem Alter die Bereitschaft, ein körperliches, soziales, rechtliches oder finanzielles Risiko einzugehen, ab nimmt. In Deutschland, Russland oder den USA zeigen Männer im Durchschnitt eine deutlich höhere Risikobereitschaft auf als Frauen, doch gibt es auch Länder, in denen sich die Risikobereitschaft im Alter nicht verändert und zugleich weniger Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen, etwa in Nigeria, Mali und Pakistan. Man verglich die Lebensumstände wie wirtschaftliche und soziale Armut, die Mordrate, das Pro-Kopf-Einkommen oder auch die Einkommensungleichheit, wobei sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Situation in einem Land und der Risikobereitschaft der dort lebenden Menschen zeigt: In Ländern mit großer Armut und schwierigen Lebensumständen ist die Neigung, Risiken einzugehen, auch im Alter unverändert hoch. Man erklärt das damit, dass die Menschen in Ländern mit knappen Ressourcen stärker miteinander konkurrieren als Menschen in reichen und sozial orientierten Ländern, was für Männer wie Frauen gleichermaßen gilt und die geringeren Geschlechterunterschiede erklärt.

Zur Messung der Risikobereitschaft eines Menschen werden entweder Fragebögen oder Experimente eingesetzt. Untersuchungen (Josef et al., 2016; Mata et al., 2016) zeigen, dass es zwischen diesen beiden Methoden nur wenig Übereinstimmung gibt. Die als objektiv betrachteten Verhaltenstests im Labor lieferten dabei eher uneinheitliche Ergebnisse, während die verschiedenen Fragebögen zu recht vergleichbaren Resultaten kommen, die noch dazu über viele Monate stabil bleiben. Risikobereitschaft dürfte eine relativ stabile Persönlichkeitseigenschaft sein, d. h., es gibt einen eher allgemeinen Risikofaktor, der das Risikoverhalten in allen möglichen Situationen erklärt, und gleichzeitig gibt es auch spezifische Faktoren, die erklären, warum man sich in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich risikobereit verhält. Der allgemeine Risikobereitschaftsfaktor hängt dabei nur schwach mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen wie Ängstlichkeit oder Offenheit zusammen.

Je nach Lebensbereich sind Menschen bekanntlich manchmal risikoscheuer und manchmal risikofreudiger, doch ist die Grundeinstellung zu Risiken nach neueren Untersuchungen ein ähnlich stabiles Merkmal wie der Intelligenzquotient. Zwar gingen bisher viele davon aus, dass es eine generelle Risikodisposition gibt, doch nun hat man den Nachweis dafür mit einer deutlich größeren Anzahl von Probanden und Messmethoden erbracht als frühere Studien (Frey et al., 2017; Pedroni et al., 2017). In einem Langzeitversuch konnte gezeigt werden, dass es einen übergreifenden Faktor der Risikobereitschaft gibt, der einen großen Teil des individuellen Verhaltens erklärt, wobei es zusätzlich je nach Situation Schwankungen gibt. Außerdem entdeckte man eine Schwachstelle von Verhaltenstests, die von vielen Verhaltensökonomen und Psychologen als zuverlässiger betrachtet werden als Selbstauskünfte, denn bei solchen Tests geht es etwa darum, durch risikofreudige Spieleinsätze einen finanziellen Gewinn zu maximieren, oder sich mit einem kleineren Gewinn zu begnügen, den man aber mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit erhält. Die neue Studie mit vielen verschiedenen Tests hat aber gezeigt, dass man je nach Versuchsaufbau zu völlig gegensätzlichen Ergebnissen kommen kann, d. h., der gleiche Mensch wird je nach Test als risikoscheu oder als risikofreudig eingestuft, während die Selbstauskunft zum Verhalten im Alltag und zu theoretischen Szenarien ein wesentlich konsistenteres Bild liefert.

Literatur

Frey, R., Pedroni, A., Mata, R., Rieskamp, J., & Hertwig, R. (2017). Risk preference shares the psychometric structure of major psychological traits. Science Advances, 3. doi:10.1126/sciadv.1701381.
Josef, A. K., Richter, D., Samanez-Larkin, G. R., Wagner, G. G., Hertwig, R., & Mata, R. (2016). Stability and change in risk-taking propensity across the adult lifespan. Journal of Personality and Social Psychology, doi:10.1037/pspp0000090.
Mata, R., Josef, A. K., & Hertwig, R. (2016). Propensity for risk taking across the life span and around the globe. Psychological Science, 27, 231-243
Mata, R., Josef, A.K. & Hertwig, R. (2016). Risk taking across the life span and around the globe. Psychological Science, 1–13.>
Pedroni, A., Frey, R., Bruhin, A., Dutilh, G., Hertwig, R., & Rieskamp, J. (2017). The risk elicitation puzzle. Nature Human Behaviour, doi:10.1038/s41562-017-0219-x.





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