Subjektivität

Nachdem das menschliche Subjekt im Laufe der letzten 150 Jahre die berühmten Kränkungen durch Darwin und Freud erfahren hat, will ihm die jüngste neurowissenschaftliche Forschung den Todesstoß versetzen. Die erkenntnistheoretischen Grundaussagen der Postmoderne reklamieren unter Rekurs auf die Gehirnforschung die unhintergehbare Subjektivität aller Wahrnehmung und allen Wissens, was etwa bei Lyotard, Foucault und Derrida schließlich zur radikalen Infragestellung von Wahrheitssätzen und Definitionen führte. Wenn es erkenntnistheoretisch aber nicht mehr möglich ist, Wahrheit festzustellen sondern immer nur noch eine subjektive Auffassung von Wahrheit, geht Wahrheit z.B. als Unterscheidungskriterium für gerechtes oder ungerechtes Handeln verloren, und an ihre Stelle tritt das subjektive Urteil, das zwar von mehreren geteilt werden kann, dadurch aber keinen Verbindlichkeitscharakter mehr beanspruchen darf. Subjektivität muss unter diesen postmodernen Auspizien nach Ansicht vieler restituiert und reformuliert werden bzw. der heute vor allem in den Medien und in der Öffentlichkeit vielfach genommene Kurzschluss der unmittelbaren Identifikation von Subjekt und Gehirn korrigiert werden.

Subjektivität ist aber nicht allein im Gehirn zu lokalisieren, sondern bildet den Erlebensaspekt des gesamten Organismus in seinen Beziehungen zur natürlichen und sozialen Umwelt. Daher lässt sich das Gehirn auch nicht als Produzent des Geistes betrachten, vielmehr fungiert es als Vermittlungsorgan für die biologischen und sozialen Prozesse, in die der Mensch eingebunden. Der Mensch ist weder der Geist noch das Gehirn allein, sondern stets der ganze Mensch, der denkt, fühlt, handelt. Das menschliche Gehirn sieht, hört und weiß natürlich nichts und es kann auch nicht lesen oder schreiben, tanzen oder Klavier spielen, sondern es moduliert komplexe physiologische Prozesse. Bewusstsein ist auch keine Innenwelt, die sich ausschließlich mit Gehirnzuständen identifizieren lässt, sondern es entsteht nur in einem dynamischen Zusammenspiel von Gehirn, Organismus und Umwelt und überschreitet fortwährend die Grenzen des Gehirns ebenso wie die des Körpers. Philosophisch betrachtet ist Subjektivität das In-der-Welt-Sein eines verkörperten Wesens, bei dem nur durch ständige Interaktion mit dem eigenen Körper und der Umwelt die Ordnungsstrukturen des Bewusstseins entstehen und stabilisieren, genauso wie auch die neuronalen Strukturen des Gehirns in dieser Interaktion erst entsteht.

Subjektivität in der wissenschaftlichen Psychologie

Subjektivität spielt als Kategorie in der Psychologie und allen Human- bzw. Sozialwissenschaften eine wichtige Rolle, da diese davon ausgehen, dass es eine objektiv und unabhängig vom Subjekt existierende Wirklichkeit nicht gibt. Ein Teil der empirischen Forschung besteht darin, die über den Sinn konstituierte und strukturierte Wirklichkeit der Menschen in Erfahrung zu bringen bzw. zu rekonstruieren. Vor allem in einer naturwissenschaftlich orientierten Psychologie ist primär das Ziel, die vorhandene Subjektivität möglichst weit zu reduzieren, um gültige Aussagen über die Wirklichkeit treffen zu können. Es war allerdings schon von Anfang an klar, dass die in den Naturwissenschaften angestrebte Objektivität nicht immer möglich ist, sodass durch methodologischen Überlegungen das Phänomen der generellen Subjektivität des Menschlichen entsprechend seiner Bedeutung in allen wissenschaftlichen Erklärungen im Sinne von Theorien auch berücksichtigt werden muss.





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