psychosoziale Krise

Eine psychosoziale Krise ist der Verlust des seelischen Gleichgewichts, den ein Mensch verspürt, wenn er mit Ereignissen und Lebensumständen konfrontiert wird, die er im Augenblick nicht bewältigen kann, weil sie von der Art und vom Ausmaß her seine durch frühere Erfahrungen erworbenen Fähigkeiten und erprobten Hilfsmittel zur Erreichung wichtiger Lebensziele oder zur Bewältigung seiner Lebenssituation überfordert.
Krisen sind dabei Ereignisse, die sich im Leben jedes Menschen immer wieder einstellen. Man unterscheidet dabei drei Arten von Krisen: die traumatische Krise, ausgelöst durch plötzliche, meist unvorhergesehene Schicksalsschläge, wie z.B. Krankheit oder plötzliche Invalidität, Tod eines nahestehenden Menschen, Trennung, Entlassung,  die Veränderungskrise, die in jedem Lebenslauf durch seine natürliches Fortschreiten entsteht, also durch Heranwachsen, Verlassen des Elternhauses, Heirat, Geburt eines Kindes, Ablösung der Kinder, Klimakterium, Altern etc., und die Krise als Epiphänom systemischer Dysfunktion, also eine ohne vorhergehendes Trauma oder eine Veränderung, sondern dass eine soziale Situation in einem System eskaliert, sodass der Zusammenhalt existentiell in Frage gestellt wird. Bei manchen Lebensveränderungskrisen handelt es sich auch um Situationen, die von vielen Menschen als positiv eingestuft werden, wie z. B. Verlassen des Elternhauses, Heirat oder die Geburt eines Kindes. Oft ist der Anlass für die Krise der Umwelt und manchmal auch der betroffenen Person selbst nicht nachvollziehbar, wobei jeder Mensch Persönlichkeitsbereiche hat, die aufgrund seiner Entwicklung brüchig sind, sodass in diesen Bereichen dann leichter Krisen auftreten.

Ein Charakteristikum von Lebenskrisen ist der Verlust des inneren Gleichgewichts, denn die oder der Betroffene wird in ihrer/seiner momentanen Lebenssituation mit belastenden Ereignissen konfrontiert, die den bisherigen Umgang mit Problemen oder Zielen massiv in Frage stellen. Eine Überforderung durch Lebensumstände oder Ereignisse lässt ein Gefühl von Überforderung, Spannung und Bedrohung entstehen, sodass das psychosoziale Gleichgewicht gestört ist. Vor allem sieht man keine Handlungsmöglichkeit, sondern erlebt eine Einengung, Lähmung der gesamten Energie, fehlende Kraft zum Handeln, sodass subjektiv das Gefühl entsteht, dass es keinen gangbaren Weg mehr gibt. So werden vor allem die Herausforderungen des Alltags nicht mehr bewältigt und somit ist das Selbstwertgefühl stark beeinträchtigt. In der Regel begleitet Angst den Menschen in der Krise, wobei das Ausmaß der Angst immer auch ein Hinweis auf die Schwere der Krise darstellt. Je belastender eine Krise wird, desto größer der innere und äußerer Druck nach Veränderung bzw. der Wunsch nach Entspannung. Man kann vier Phasen einer Krise unterscheiden:

1. Phase: Das Grundproblem tritt auf, d. h., die Konfrontation mit dem problematischem Ereignis, bei dem die gewohnten Fähigkeiten und Mittel nicht ausreichen das Problem zu bewältigen, sodass eine Spannung entsteht, in der die oder der Betroffene versucht, mit intensiveren Anstrengungen das Problem in den Griff zu bekommen, wobei in der Regel auch seine Mitmenschen von ihm mehr beansprucht werden.

2. Phase: Erste Signale treten auf und Betroffene erleben, dass die Belastung nicht bewältigt werden kann, vor allen Versagensgefühle, Angst, Druck, Aggression, körperliche Symptome sind zu finden, der Selbstwert sinkt, die Spannung vermehrt sich, Gefühle, Wahrnehmungen verdichten und verengen sich, wobei zwar alles auf ein ungelöstes Problem hindeutet, jedoch aber damit nicht in Zusammenhang gebracht wird.

3. Phase: Bei der Kontrolle der Signale wird oft auch in selbstschädigender Weise versucht etwa durch Betäubung wie Alkohol oder Medikamente die Situation zu beherrschen. Manchmal kommt es zu einer körperlichen Erkrankung, der innere Druck führt zur Mobilisierung aller Bewältigungsmöglichkeiten, wobei manchmal sehr Ungewöhnliches oder Neues versucht wird, d. h., die eigene Situation wird bewusst als neu und anders eingeschätzt, wobei es in dieser Phase entweder zur Bewältigung der Krise kommt oder aber zum Rückzug aus der Situation bzw. zur Resignation. Hier ist die Gefahr der Chronifizierung und der sozialen Isolation besonders hoch.

4. Phase: Der Zusammenbruch tritt auf, wenn eine Bewältigung nicht gelingt und ein Rückzug nicht möglich ist. Dann ist die Krise akut geworden und es besteht in nicht wenigen Fällen die Gefahr eines Suizids als Lösungsversuch. Während der Mensch möglicherweise nach außen noch geordnet wirkt, ist er doch innerlich konfus, massiv angespannt, hat das Gefühl nicht mehr in Kontakt zu anderen treten zu können und leidet an seinem inneren Chaos. Neben der Ratlosigkeit tritt mit einer Neigung zum Verlust der Impulskontrolle oft auch Handlungslosigkeit und Erstarrung auf. Auch in dieser Phase kommt es wieder entweder zur Bewältigung oder zur Chronifizierung.

Wichtig: Eine Krise ist kein krankhafter Zustand, denn eine Kirse kann jeden Menschen in jeder Lebensphase treffen, nur kann dieser in der Zeit der Krise über längere Zeit nicht auf seine bewährten Problemlösungsstrategien zugreifen.

Literatur
Sonneck, G. (1991). Krisenintervention und Suizidverhütung. Wien: Fakultas-Universitätsverlag.
http://www.schulpsychologie.at/schuelerberatung/lehrgang/M5-krisenberatung_I.pdf  (11-10-21)




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