funktionaler Analphabetismus

Als funktionaler Analphabetismus oder Illettrismus wird die Unfähigkeit bezeichnet, die Schrift im Alltag so zu gebrauchen, wie es im sozialen Kontext als selbstverständlich angesehen wird. Funktionale Analphabeten sind demnach Menschen, die zwar Buchstaben erkennen und durchaus in der Lage sind, ihren Namen und ein paar Wörter zu schreiben, die jedoch den Sinn eines längeren Textes entweder gar nicht verstehen oder nicht schnell und mühelos genug verstehen, um praktischen Nutzen davon zu haben. Auch in vielen Industrieländern gibt es sogenannte funktionale Analphabeten, obwohl diese den Besuch eines allgemein zugänglichen Bildungssystems vorweisen können, die dort mehr oder minder mangelhaft erlernten Fähigkeiten aber zwischenzeitlich wieder teilweise oder vollständig verlernt haben. Funktionaler Analphabetismus bedeutet letztlich die Unterschreitung der gesellschaftlichen Mindestanforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache, deren Erfüllung Voraussetzung ist zur sozial kontrollierten Teilnahme an schriftlicher Kommunikation in allen Arbeits- und Lebensbereichen.

Positiv formuliert: Ein funktionaler Alphabet hingegen ist nach der Definition der UNESCO ein Mensch, die sich an all den zielgerichteten Aktivitäten seiner Gruppe und Gemeinschaft, bei denen Lesen, Schreiben und Rechnen erforderlich sind, und ebenso an der weiteren Nutzung dieser Kulturtechniken für seine eigene Entwicklung und die seiner Gemeinschaft beteiligen kann.

Analphabetismus ist letztlich auch ein relativer Begriff, denn ob ein Mensch als Analphabet gilt, hängt nicht allein von seinen individuellen Lese- und Schreibkenntnissen ab, sondern es muss immer auch berücksichtigt werden, welcher Grad an Schriftsprachbeherrschung innerhalb der konkreten Gemeinschaft, in der dieser Mensch lebt, erwartet wird. Der Begriff des funktionalen Analphabetismus trägt also der Relation zwischen dem vorhanden und dem notwendigen bzw. erwarteten Grad von Schriftsprachbeherrschung in einem historisch-gesellschaftlichen Bezug Rechnung, wobei innerhalb der Industriestaaten mit ihren hohen Anforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache auch diejenigen Menschen als funktionale Analphabeten angesehen werden müssen, die über begrenzte Lese- und Schreibkenntnisse verfügen (Hubertus 1991).

Funktionaler Analphabetismus führt dazu, dass Menschen, die nicht genügend Lese- und Schreibkenntnisse haben, nur wenig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen oder einen qualifizierten Beruf ausüben können. Bei den Betroffenen ist die Scham und der Leidensdruck groß, denn sie können einfache Wörter, Sätze oder Texte nicht oder kaum lesen und nur schlecht schreiben. Die Ursachen liegen dabei in einem komplexen Zusammenspiel von individuellen, familiären, schulischen und gesellschaftlichen Faktoren, etwa hohe Fehlzeiten in der Schule, aber auch Negativerfahrungen im Elternhaus und in der Schule sowie Vernachlässigung oder psychische Belastungssituationen können Leistungsprobleme und als Folge davon Schwierigkeiten im Schriftsprachenerwerb hervorrufen. Zusätzlich kommen auch neurobiologische Faktoren hinzu, denn bei funktionalen Analphabeten sind Nervenzellen, die für die auditive Wahrnehmung zuständig sind, schlechter ausgebildet sind als bei Erwachsenen mit normalen Lesefähigkeiten, wobei vor allem die Graphem-Phonem-Zuordnung, also die Übersetzung von Lauten in Schriftzeichen, gestört ist.

Quellen und Literatur
Hubertus, P. (1991). Alphabetisierung und Analphabetismus. Eine Bibliographie. Bremen: Schreibwerkstatt für neue Leser und Schreiber e.V.
https://de.wikipedia.org/wiki/Analphabetismus (11-02-21)
http://arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/lesenlernen-reduziert-gehirnareale-zur-gesichtserkennung/ (15-02-09)
http://www.uni-bamberg.de/kommunikation/news/artikel/alphaplus_job/ (15-08-18)




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