sensible Perioden

Das Konzept der sensiblen Perioden, critical periods bzw. sensiblen Phasen stammt ursprünglich aus der Embryologie und bezeichnet dort Entwicklungsabschnitte, in denen bestimmte Organe ausgebildet werden. Treffen pathogene Einflüsse (z.B. Gift) auf einen Organismus, sind Schäden der in Entstehung begriffenen Organe zu erwarten. Konrad Lorenz formuliert den Begriff der Prägung als verhaltensmäßiges Analogon.
In der Entwicklungspsychologie werden sensible Perioden als jene Entwicklungsabschnitte definiert, in denen spezifische Erfahrungen maximale Wirkung haben (= Perioden höchster Plastizität). Sensible Phasen sind somit Zeitabschnitte, in denen spezifische Lernerfahrungen maximale Wirkung zeigen, wobei viele sensible Phasen durch Stadien der Hirnreifung bedingt sind. In einzelnen psychischen Funktionsbereichen scheint der frühkindliche Einfluss prägend für das gesamte weitere Leben zu sein, was sowohl für kognitive Funktionen als auch für emotionale und soziale Funktionen gilt. Ein empirischer Nachweis solcher Perioden setzt allerdings voraus,

  1. dass potentielle Einflussfaktoren gemessen werden können,
  2. dass diese Faktoren an unterschiedlichen vergleichbaren Untersuchungsgruppen in vergleichbarem Maß realisiert sind,
  3. dass ihre Wirkung objektiv erfaßt ist,
  4. dass Wirkungen langfristig beobachtet werden können, und
  5. dass Schwierigkeit oder Unwirksamkeit von Änderungsversuchen nachgewiesen wird.

Die empirische Basis für die Annahme sensibler Perioden ist in vielen Bereichen noch unsicher. Der Beginn einer sensiblen Periode wie ein Reifestand ist durch Erwerb von Erfahrungsvoraussetzungen zu erklären, es ist aber offen, warum nach ihrem Ende die gleiche Erfahrung weniger wirksam ist, wenn etwa ein Umlernen weniger leicht möglich ist. Allerdings weiß man inzwischen, dass in verschiedenen Arealen des Gehirns zu unterschiedlichen Zeiten ein Überschuss an synaptischen und dendritischen Verbindungen existiert, wobei eine Stimulierung durch die Umwelt mit darüber entscheidet, welche dieser Verbindungen erhalten bleiben und welche wieder abgebaut werden.

Sensible Phasen sind daher Zeitfenster in der kindlichen Entwicklung, in denen etwa sprachliche Kompetenzen scheinbar mühelos erworben werden. So lernen zwei- bis achtjährige Kinder im Durchschnitt jede zweite Stunde ein neues Wort, was etwa acht neuen Wörtern am Tag entspricht (Korte, 2011). Voraussetzung für diesen raschen Spracherwerb ist jedoch, dass die Umgebung die für die Entwicklung notwendigen Impulse anbietet, wobei es offenbar nicht ausreicht, eine Sprache nur zu hören. Entscheidend ist nach Ansicht von Experten vielmehr die Qualität der sprachlichen Interaktion, wobei der Spracherwerb in Zusammenhang mit den oben genannten Veränderungen der Gehirnarchitektur steht. In sensible Phasen wird  die Aufmerksamkeit scheinwerferartig auf einen Kompetenzbereich ausgerichtet, und bleibt während dieser gesamten Phase darauf fokussiert, sodass im Zusammenspiel mit den eingehenden  Reizen jene Strukturen geschaffen werden, die notwendig sind, um sprachliche Interaktionen zu meistern. Diese Aufmerksamkeitsfokussierung des Gehirns in solchen Phasen führt dazu, dass es Kindern leichter fällt, eine oder mehrere Sprachen zu erlernen als dann später als Erwachsener. Wenn innerhalb dieses Zeitraums überaus effektiv gelernt worden ist, festigt das Gehirn nach dem Stabilitätsprinzip nach diesen Phasen intensiven Auf- oder Umbaus das Angelegte in einer Konsolidierungsphase.

Literatur
Korte, M. (2011). Wie Kinder heute lernen. Was die Wissenschaft über das kindliche Gehirn weiß. München: Goldmann.

Siehe dazu das Arbeitsblatt zur Prägung.




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