Onychophagie

Als Onychophagie  bezeichnet man das krankhafte Fingernägelkauen bzw. Nägelbeißen, wobei die schweren Formen unter den Begriff des selbstverletzenden Verhaltens fallen, die leichteren, auf Nervosität beruhenden Formen zu den Verhaltensauffälligkeiten  gezählt werden, die auf weitere Störungen hinweisen können aber nicht müssen. Als Auslöser des Nägelkauens gelten im allgemeinen Stress, Nervosität, andere Verhaltensstörungen oder in manchen Fällen auch falsche Vorbilder.
Es gibt in der Regel für das Nägelkauen nicht bloß eine einzige Ursache, denn bei manchen Betroffenen ist es nicht nur ein Zeichen von Nervosität und Anspannung, sondern auch brüchige oder Spaltnägel können Teil des Ursachengeflechts sein und werden und werden aus diesem Grund abgekaut statt abgefeilt. Ein solches Verhalten kann sich dann verselbständigen, wobei es manchmal mit anderen psychischen Störungen oder Erkrankungen einhergeht.  Bei Kindern und Jugendlichen wird dieses Fehlverhalten relativ häufig beobachtet, wobei sich das in der Regel beim Erwachsenen dann nach und nach gibt.  Bei Kindern sollte man beim Nägelkauen wie bei anderen Verhaltensauffälligkeiten nicht überreagieren, denn in diesem Alter sind solche Verhaltensweisen normal, die aber bei übermäßiger Beachtung zu Verunsicherung und Verfestigung führen können. Vor allem wenn Kauen ein Stresssymptom ist und man den Stress mindert, legt sich das Kauen meist von selbst.

Für viele schwer Betroffene erscheint die Störung nicht gravierend genug, um Hilfe zu suchen. Vielen Betroffenen wird es als Charakterschwäche ausgelegt, Kinder werden als schlecht erzogen angesehen, wobei dabei immer unterschätzt wird, dass diese oft keine Kontrolle im Sinne einer differenzierten Wahrnehmung über dieses Verhalten haben, d. h., eine Willensanstrengung alleine reicht nicht, um mit dem Nägelkauen aufzuhören. Bei Erwachsenen vermutet man dann eher, dass sie noch weitaus gravierendere psychische Erkrankungen haben, was aber natürlich nicht zwangsläufig der Fall sein muss. Die meisten erwachsenen Betroffenen tun dies bereits seit der Kindheit, d. h., wenn die Ursachen in dieser Zeit liegen, so müssen diese in der Zeit der Entstehung dieser Angewohnheit gesucht und bearbeitet werden. Es können aber auch im Erwachsenenalter zusätzliche psychische Faktoren eine Rolle spielen, etwa Unsicherheit, Selbstzweifel, Angst vor Überforderung, Beziehungskrisen oder Kritik durch andere. Stehen keine aktuellen psychischen Ursachen im Vordergrund, handelt es sich bei Erwachsenen meist um eine vorwiegende störende Angewohnheit, die oft jahrelang besteht und wie viele andere lästige Angewohnheiten auch überwunden werden können, etwa mit Hilfe von Handschuhen, Nagelhärtern oder Antikauflüssigkeit, die diese oft unbewusste Angewohnheit blockieren. Haben jedoch psychische Ursachen zum Nägelkauen geführt und diese bestehen weiter fort, ist psychologische bzw. psychotherapeutische Hilfe angebracht. Verhaltenstherapeuten raten bei schweren Fällen zu einem zum Habit Reversal Training, einer erprobten verhaltentherapeutischen Methode, bei sich die Betroffenen erst einmal bewusst werden müssen, in welchen Situationen sie kauen. Dann versucht man in diesen Situationen Handlungsalternativen zu üben, die konträr zum Kauen stehen, etwa die Faust ballen oder sich auf die Hände zu setzen.

Die Entkopplungstherapie ist eine Variante des Habit Reversal Trainings, bei der statt eines konkurrierenden Verhaltens das Kauverhalten zunächst nachgeahmt aber final abgeändert wird: In der Situation, in der der Betroffene typischerweise kauen würde, macht er nicht etwas völlig anderes wie Fäusteballen oder sich auf die Hände zu setzen, sondern er führt die typische Handbewegung aus wie immer, jedoch am Ende der Bewegung steckt er aber nicht den Finger in den Mund, sondern ändert kurz davor die Richtung etwa zum Hals oder zum Bauch. Wichtig ist dabei eine ruckartige Bewegung am Ende, um sich selbst das Signal zu geben, dass man vom alten Verhaltensmuster abgewichen ist und es davon entkoppelt hat. In einer Studie wurde gezeigt, dass diese Form der Verhaltenstherapie etwa der Hälfte der Betroffenen geholfen hat.

Die Schritte des Habit Reversal Trainings beim Nägelkauen:

  • Durch Beobachtung herausfinden, wann man kaut und warum. Man sollte sich ins Bewusstsein rufen, in welchen Situationen man typischerweise Fingernägel kaut und die Beobachtungen notieren.
  • Ein Ersatzhandlung finden, denn sobald man wieder das Bedürfnis verspüren zu kauen, tut man etwas, das mit Nägeln und Kauen nichts zu tun hat, etwa mit den Händen eine Faust ballen, sich auf die Hände setzen oder einen Softball quetschen.
  • Man sollte auch eine Motivation aufbauen, indem man sich immer wieder die Gründe klarmacht, warum es lohnt, mit dem Nägelkauen aufzuhören.
  • Am Ende steht die Festigung des neuen Verhaltens, d. h., man geht in Gedanken mehrmals täglich die Situationen durch, in denen man Fingernägel kaut, und stellt sich dann vor, wie man stattdessen die Ersatzhandlung durchführen kann. Ein rein vorstellungsmäßiges Üben festigt dann weiter die neue Ersatzhandlung.

Quelle:
Interview von Jens Lubbadeh mit Steffen Moritz, Professor für klinische Neuropsychologe am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg. Spiegel online vom 18. März 2015.




Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:

You must be logged in to post a comment.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu

© Werner Stangl Linz 2017