Alexithymie

Alexithymie ist keine Krankheit im eigentlichen Sinn, sondern ein in der Bevölkerung bei etwa zehn Prozent anzutreffendes Persönlichkeitsmerkmal. Der Begriff Alexithymie wurde von Peter Sifneos in den 70er Jahren geprägt, als man bei Epileptikern nach der Lobotomie feststellte, dass sie danach emotional ratlos wirkten. Diese seltsame Gefühlskälte musste also organische Ursachen haben. Emotionsforscher bezeichnen dieses Phänomen als emotionales Analphabetentum oder Gefühlsblindheit, denn wenn solche Menschen über Gefühle reden, klingt das, als ob Blinde beschreiben, wie schön ein Sternenhimmel ist. Gefühlsblinde empfinden meist weder Trauer noch Freude, wobei für das Umfeld dieser Gleichmut meist schwer zu ertragen ist. Betroffene können etwa Gefühle von Hilflosigkeit und seelischem Schmerz nicht bei sich wahrnehmen, oder beschreiben ihre Empfindungen lediglich als schlecht drauf zu sein, manche verspüren überhaupt keine Gefühle, sondern erleben Missempfindungen oder seltener auch Schmerzen im Körper. Viele leiden unter Erschöpfungszuständen, einem chronischen Schmerzsyndrom, unter Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems oder im Magen-Darm-Bereich. Manche Betroffene sind phantasiearm und haben wenig bilderreiche Träume. Zum Bild der Alexithymie gehört ein nach außen gerichteter Denkstil, d. h., diese Menschen sind mehr auf das Faktische bezogen. Für Alexithyme ist Phantasie Schall und Rauch bzw. eher sinnloser Zeitvertreib, wobei sie auch eine negative Einstellung dazu zeigen und deshalb Phantasie innerlich abgelehnt wird.
Es gibt demnach Menschen, die mit Gefühlen gut umgehen können, und solche, die mit diesen weniger gut umgehen können, wobei nach deutschen Untersuchungen eher Männer als Frauen, eher Arme als Reiche und eher Geschiedene als Verheiratete dieses Merkmal zeigen. Alexithymie des Betroffenen hat dennoch negative Auswirkungen auf seine Umgebung, denn der Partner leidet darunter, dass er diesem nichts von seiner Freude und Trauer mitteilen kann und sich auch nicht in ihn einfühlen kann. Er hat einfach das Gefühl, seinen Partner nicht erreichen zu können, der Betroffene aber fühlt sich unverstanden und überfordert.
Von Alexithymie Betroffene sind meist gar nicht in der Lage, Emotionen bei sich oder anderen wahrzunehmen und angemessen zu reagieren. Im Alltag fallen Alexithyme in der Regel aber kaum auf, am ehesten noch wegen psychosomatischer Krankheiten, denn Gefühlsblinde stehen häufig unter diffuser Anspannung und Dauerstress, leiden an Kopfschmerzen, Bluthochdruck oder anderen Symptomen.
Man kann bei der Alexithymie zwischen verschiedenen Ausprägungen unterscheiden. Zum einen gibt es alexithyme Menschen, die keinerlei Probleme damit haben, zum anderen gibt es alexithyme Menschen, die unter verschiedenen, sowohl körperlichen als auch psychischen Krankheiten leiden. Dem folgend kann man zwei Forschungsrichtungen unterscheiden: Die eine widmet sich mit repräsentativen Studien der Verbreitung der Alexithymie in der Bevölkerung, während die andere sich mehr den Betroffenen widmet, die mit Krankheiten in Verbindung mit Alexithymie zu tun haben, wobei zu klären ist, inwieweit Alexithymie eine krankheitsvermittelnde Komponente haben könnte. Charakteristisch sind vor allem Krankheitsbildern der Psychosomatik, d. h., die Betroffenen klagen über körperliche Missempfindungen oder Beeinträchtigungen, wofür man aber auf der körperlichen Seite keine organischen Gründe finden kann. Dahinter steckt oft die Vorstellung, dass Emotionen immer auch auf körperlicher Ebene Ausdruck finden müssen, wie etwa ein erhöhter Herzschlag bei Angst. Solche körperlichen Reaktionen werden von alexithymen Menschen meist falsch interpretiert bzw. können sie nicht korrekt in das Spektrum möglicher Emotionen eingeordnet werden. Das Erlernen der Wahrnehmung und auch das Ausdrücken von Gefühlen ist in der menschlichen Entwicklung ein langer Weg, bei dem vieles äußerst individuell verlaufen kann. Jedem Menschen angeboren ist ein Repertoire mimischer Gesichtsausdrücke für die primären Gefühle wie Trauer, Freude oder Neugier, die mit einem jeweils spezifische Muster körpereigener Reaktionen, etwa der Ausschüttung von Adrenalin bei Angst, verbunden sind. Das ist etwas, was man schon bei Säuglingen beobachten kann, also noch bevor ein Kind rational denken und formulieren kann, muss es etwa lernen zu zeigen, dass es jetzt Angst hat. Ein Mensch, der sehr stark alexithyme Züge hat, konnte als Kind vielleicht nicht alle die notwendigen Entwicklungsschritte durchlaufen, wenn es Probleme in der Interaktion zwischen ihm und seiner Umgebung gab. In der klinischen Untersuchung wird meist nach einem Defizit gesucht, das durch genetische oder Umweltfaktoren oder frühe traumatische Einflüsse entstanden ist, aber auch, ob es einen möglichen Schutzfaktor darstellt, also dass dieser Mensch so viele negative Erfahrungen machen musste, sodass er sich vor intensiven, vor allem aber negativen Gefühlen unbewusst abschirmt.

Messen kann man Alexithymie etwa mit der Toronto-Alexithymie-Skala, wobei den Testpersonen Fragebögen mit zwanzig Aussagen vorgelegt werden, wie etwa: »Ich finde es schwierig zu beschreiben, was ich für andere Menschen empfinde.« oder mit dem Leas-Test, bei dem die ProbandInnen mit Alltagssituationen wie der folgenden konfrontiert werden: »Sie fahren über eine Brücke und sehen jemanden außerhalb des Schutzgitters stehen. Er schaut ins Wasser. Wie würden Sie sich fühlen, wie würde sich diese Person fühlen?« Die Testperson darf frei antworten. Bewertet wird anhand eines Katalogs von Auswertungsbeispielen. Für eine niedrige Stufe stünde: »Ich wäre irritiert. Was der andere empfindet, weiß ich nicht.« Für eine hohe dagegen: »Ich wäre ziemlich erschrocken und würde überlegen, was ich für die Person am Gitter tun kann. Sie ist hoffnungslos und verängstigt.« Die meisten großen repräsentativen Studien stammen aus Skandinavien, bei denen mit der Toronto-Alexithymie-Skala Alexithymie erhoben wurde. Die Mittelwerte aus den Ergebnissen zeigen, dass mehr Männer, aber auch mehr Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status, Menschen mit geringer Bildung und ältere Menschen betroffen sind.
Auch an manchen Formen von Geschenken kann man Menschen mit Alexithymie erkennen, etwa wenn diese immer wieder gemeinsame Aktivitäten schenken wie Theater- oder Konzertbesuche, aber auch Urlaube. Sie manifestieren damit das an ihre eigene Gefühllosigkeit angepasste Denken, sich die Zeit für Zuwendung erkaufen zu müssen. Die Auswahl von Geschenken erfordert üblicherweise ein sich Hineinversetzen in die Gefühlswelt des anderen, wozu Alexithyme ebenfalls nicht fähig sind.
Als eine Ursache vermutet man, dass sie als Kind nie gelernt haben, Gefühle zu zeigen, oder dass sie  es wegen eines traumatischen Erlebnisses wieder verlernt haben. Beim Erkennen und Zuordnen der eigenen Gefühle spielt vermutlich daher auch der Lerneffekt in der frühen Kindheit eine entscheidende Rolle, wobei dieser Lerneffekt in erster Linie durch die Interaktion der Kinder mit den wichtigsten sozialen Kontaktpersonen, also Eltern und Großeltern, bewirkt wird. Über die Betreuer in Kinderkrippen, Kindergärten oder Schulhorten kann vermutlich dieser Lerneffekt im Umgang mit den eigenen Emotionen nicht so effektiv wie bei der unmittelbaren Betreuung durch Eltern und Großeltern gefördert werden.
Bei alexithymen Menschen gibt es nach neuesten Untersuchungen Hinweise auf einen reduzierten Informationstransfer zwischen beiden Gehirnhälften, denn während die rechte hauptsächlich emotionale Erfahrungen verarbeitet, ist die linke Gehirnhälfte auf sprachliche Verarbeitung spezialisiert. Ein Teil des Stirnhirns spielt dabei eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Gefühlen und steuert, wie diese ausgedrückt werden. Bei Alexithymen ist dieses Aktivierungsmuster verändert, wenn sie etwas fühlen. Man nimmt daher an, dass bei den Betroffenen Emotionen zwar grundlegend verarbeitet, jedoch oft nicht bewusst werden.

Fragen zur Selbst-Diagnose von Alexithymie

  • Bekommst du öfter den Vorwurf, gefühllos zu sein?
  • Fühlst du dich oft ungerecht beschuldigt, andere nicht verstehen zu können?
  • Hast du Schwierigkeiten, Gefühle auszudrücken?
  • Leidest du unter unerklärlichen körperlichen Beschwerden?
  • Ziehst du dich immer mehr von anderen Menschen zurück?
  • Tust du dich schwer damit, Gefühle bei dir wahrzunehmen?
  • Hattest du ein traumatisches Erlebnis, nach dem du dich stark verändert hast?

Wenn man mehrere Fragen mit Ja beantwortet hat, könnte dies ein Hinweis auf Alexithymie sein. Vielleicht hat man aber auch nur Angst, Gefühle zu zeigen. In jedem Fall sollte man in einem Beratungsgespräch bei einem Psychotherapeuten abklären lassen, woher diese emotionalen Schwierigkeiten kommen.

Anatomische Ursachen der Alexithymie?

Möglicherweise liegt eine der Ursachen für Alexithymie in der Anatomie des Gehirns, denn bei Frauen, die unter einem schwachen Sexualtrieb leiden, ist die Menge der grauen Substanz in einigen Bereichen des zerebralen Cortex verringert. Diese Gehirnareale werden unter anderem der Wahrnehmung körperlicher Reaktionen und dem emotionalen Bewusstsein zugeordnet. Im Gegensatz dazu ist die Menge der weißen Substanz, die sich hauptsächlich aus Nervenbahnen zusammensetzt, in anderen Teilen des Gehirns bei dieser Gruppe von Frauen größer, etwa in der Amygdala, die für die Erkennung biologisch relevanter Reize von großer Bedeutung ist. Die Menge der grauen Substanz korreliert nach neueren Studien in den genannten Gehirnregionen mit der Stärke des Sexualtriebs und der Erregbarkeit, während die Unterschiede bei der Orgasmusfähigkeit hauptsächlich eine negative Korrelation mit der Menge der weißen Substanz aufweisen.

Quellen & Literatur

Stangl, W. (1999). Alexithymie, Gefühlsblindheit. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/EMOTION/Alexithymie.shtml (99-11-14)
http://www.zeit.de/zeit-wissen/2006/02/Gefuehllose (10-10-17)http://www.lebenshilfe-abc.de/alexithymie.html (11-12-12)




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