Alexithymie
Alexithymie ist keine Krankheit im eigentlichen Sinn, sondern ein in der Bevölkerung bei etwa zehn Prozent anzutreffendes Persönlichkeitsmerkmal. Der Begriff Alexithymie wurde von Peter Sifneos in den 70er Jahren geprägt, als man bei Epileptikern nach der Lobotomie feststellte, dass sie danach emotional ratlos wirkten. Diese seltsame Gefühlskälte musste also organische Ursachen haben. Emotionsforscher bezeichnen dieses Phänomen als emotionales Analphabetentum oder Gefühlsblindheit, denn wenn solche Menschen über Gefühle reden, klingt das, als ob Blinde beschreiben, wie schön ein Sternenhimmel ist. Gefühlsblinde empfinden meist weder Trauer noch Freude, wobei für das Umfeld dieser Gleichmut meist schwer zu ertragen ist.
Es gibt demnach Menschen, die mit Gefühlen gut umgehen können, und solche, die mit diesen weniger gut umgehen können, wobei nach deutschen Untersuchungen eher Männer als Frauen, eher Arme als Reiche und eher Geschiedene als Verheiratete dieses Merkmal zeigen.
Von Alexithymie Betroffene sind meist gar nicht in der Lage, Emotionen bei sich oder anderen wahrzunehmen und angemessen zu reagieren. Im Alltag fallen Alexithyme in der Regel aber kaum auf, am ehesten noch wegen psychosomatischer Krankheiten, denn Gefühlsblinde stehen häufig unter diffuser Anspannung und Dauerstress, leiden an Kopfschmerzen, Bluthochdruck oder anderen Symptomen.
Messen kann man Alexithymie etwa mit der Toronto-Alexithymie-Skala, wobei den Testpersonen Fragebögen mit zwanzig Aussagen vorgelegt werden, wie etwa: »Ich finde es schwierig zu beschreiben, was ich für andere Menschen empfinde.« oder mit dem Leas-Test, bei dem die ProbandInnen mit Alltagssituationen wie der folgenden konfrontiert werden: »Sie fahren über eine Brücke und sehen jemanden außerhalb des Schutzgitters stehen. Er schaut ins Wasser. Wie würden Sie sich fühlen, wie würde sich diese Person fühlen?« Die Testperson darf frei antworten. Bewertet wird anhand eines Katalogs von Auswertungsbeispielen. Für eine niedrige Stufe stünde: »Ich wäre irritiert. Was der andere empfindet, weiß ich nicht.« Für eine hohe dagegen: »Ich wäre ziemlich erschrocken und würde überlegen, was ich für die Person am Gitter tun kann. Sie ist hoffnungslos und verängstigt.«
Auch an manchen Formen von Geschenken kann man Menschen mit Alexithymie erkennen, etwa wenn diese immer wieder gemeinsame Aktivitäten schenken wie Theater- oder Konzertbesuche, aber auch Urlaube. Sie manifestieren damit das an ihre eigene Gefühllosigkeit angepasste Denken, sich die Zeit für Zuwendung erkaufen zu müssen. Die Auswahl von Geschenken erfordert üblicherweise ein sich Hineinversetzen in die Gefühlswelt des anderen, wozu Alexithyme ebenfalls nicht fähig sind.
Als eine Ursache vermutet man, dass sie als Kind nie gelernt haben, Gefühle zu zeigen, oder dass sie es wegen eines traumatischen Erlebnisses wieder verlernt haben.
Bei alexithymen Menschen gibt es nach neuesten Untersuchungen Hinweise auf einen reduzierten Informationstransfer zwischen beiden Gehirnhälften, denn während die rechte hauptsächlich emotionale Erfahrungen verarbeitet, ist die linke Gehirnhälfte auf sprachliche Verarbeitung spezialisiert. Ein Teil des Stirnhirns spielt dabei eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Gefühlen und steuert, wie diese ausgedrückt werden. Bei Alexithymen ist dieses Aktivierungsmuster verändert, wenn sie etwas fühlen. Man nimmt daher an, dass bei den Betroffenen Emotionen zwar grundlegend verarbeitet, jedoch oft nicht bewusst werden.
Quelle: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2006/02/Gefuehllose (10-10-17)

