Inselrinde

Die Inselrinde bzw. Insula gilt als primärer interozeptiver Cortex, also die für die Erstverarbeitung von Signalen aus der Körperwahrnehmung zuständige Hirnregion. So wie es ein primäres Areal für das Sehen im Hinterhauptslappen und für das Hören im Schläfenlappen gibt, so ist die Insula das primäre Areal für die Aufnahme von Körpergefühlen wie Temperatur, Schmerz, Juckreiz, Hunger, Muskelspannung, Berührungen und Signalen aus den Eingeweiden. Diese bilden auch die Basis für komplexe Gefühle, und sind wichtig für Intuition und Entscheidungsfindung, wie schon der gängige Ausdruck vom Bauchgefühl andeutet. Prozesse in der Inselrinde sind aber nicht nur an der Interozeption beteiligt, sondern auch die Grundlage für die unmittelbare Wahrnehmung der Gefühle. Die vordere Inselrinde integriert umfassend alle dem Organismus zur Verfügung stehenden Informationen eines gegebenen Moments. Das erzeugt das Ich-Erleben und ist eng verknüpft mit dem Zeitbewusstsein. Auch der Herzschlag dürfte beim Abschätzen von Zeitdauern eine wichtige Rolle spielen, wobei die Genauigkeit der Herzschlagwahrnehmung mit neuronalen Aktivitäten in der Insula korreliert. In der Insula entsteht also eine umfassende Repräsentation des Jetzt-Zustands des Organismus,d en man als globalen emotionalen Moment bezeichnen könnte, also das gefühlte Ich eines Menschen.

In der Insula laufen auch alle Informationen über den Zustand des Körpers ein, wie etwa das Gefühl für Kälte, Hunger, der Herzschlag, aber auch, wie man auf einem Stuhl sitzt oder ob der Fuss gerade einschläft. In der Insula werden diese Signale mit Informationen aus der Umwelt zusammengebracht, sodass ein Gefühl für den Körper in Raum und Zeit entsteht. Man vermutet daher, dass dieser kontinuierliche Eingang von Signalen aus dem Körper auch ein Gefühl für die Zeit vermitteln könnte. Nach dem Insula-Modell sind also die Körpersignale die Impulse oder die Messeinheit für die Zeitwahrnehmung, denn die Insula ist bei der Zeitwahrnehmung aktiv, wie in Versuchen gezeigt wurde: Bei Probanden, die Zeitintervalle von 9 und 18 Sekunden schätzen sollten, stieg die Aktivität in der Insula über die gesamte Zeitdauer an und brach jäh ab, wenn das Ende erreicht war. Vermutlich werden dort die eingehenden Signale irgendwie summiert und bei Erreichen eines bestimmten Wertes gestoppt. Deshalb könnten zwei Mechanismen die subjektive Zeitwahrnehmung beeinflussen: die Aufmerksamkeit und der Erregungszustand des Körpers. Beide verändern die Zahl der registrierten Impulse und können somit die Uhr langsamer oder schneller laufen lassen. Je weniger man abgelenkt ist, desto eher achtet man auf seinen Körper, und desto mehr Signale gehen ein und umgekehrt. Bei Emotionen wie Angst oder Freude werden dagegen Hormone ausgeschüttet, die über das vegetative Nervensystem den Erregungszustand des Körpers verändern und so die Impulsrate verändern. Besonders eindrücklich ist dies in einer Schrecksekunde, wenn der Eindruck entsteht, dass alles wie in Zeitlupe abläuft. Starke negative wie positive Emotionen führen bekanntlich zu einer subjektiven Zeitdehnung. In Schrecksekunden tritt also eine Art Zeitlupeneffekt ein, bei dem sich Abläufe in der Außenwelt scheinbar verlangsamen. Das ist durch das stark erhöhte Erregungsniveau des Körpers in einer Fight-or-flight-Situation bedingt, wodurch physiologische und mentale Vorgänge vergleichsweise schneller ablaufen, d. h., der ganze Organismus ist auf eine möglichst rasche Überlebensreaktion ausgerichtet.

Bei einer Achtsamkeitsmeditation, bei der man sich über den Atem ganz auf das Hier bzw. die Körperpräsenz und das Jetzt bzw. die zeitliche Präsenz konzentriert, verlangsamt sich auch das Erleben des subjektiven Zeitverlaufs. Menschen mit langjähriger Erfahrung in Achtsamkeitsmeditation weisen zudem in der Inselrinde mehr graue Substanz auf, in der die Nervenzellkörper liegen, was sich als neuronales Korrelat eines intensivierten Körper- und Selbsterlebens bei erfahrenen Meditierenden interpretieren lässt. Erste Studien zur Zeitwahrnehmung bestätigen auch die Berichte von Meditationsanfängern, dass die Zeit während der Meditation subjektiv langsamer abläuft, denn so überschätzten darin ungeübte Studenten vorgegebene kurze Zeitdauern schon nach einer zehnminütigen Sitzung mit Fokus auf dem Atem im Vergleich zu entsprechenden Intervallen vor der Meditation.

Literatur
Wittmann, M. (2014). Wie entsteht unser Gefühl für die Zeit?
WWW: http://www.spektrum.de/news/wie-entsteht-unser-gefuehl-fuer-die-zeit/1309744 (14-09-29)
Stangl, W. (2008). Gehirn, Gefühle und Emotionen.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEHIRN/GehirnEmotion.shtml (08-08-02)
http://www.spektrum.de/news/wie-unser-gefuehl-fuer-die-zeit-entsteht/1309744 (14-09-29)




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