Tiefeninterview

Das Tiefeninterview oder Intensivinterview ist soeohl ein Instrument der Psychotherapie als auch der empirischen Sozialforschung wie der Marktforschung in Form eines non-direktiven, qualitativen persönlichen Gesprächs, das alle bedeutsamen Einstellungen und Meinungen der Befragten erfassen soll. Das Tiefeninterview zählt zu den intensivsten und ergiebigsten Befragungsarten, wobei je nach Fragestellung dieses eher tiefenpsychologisch oder eher themenzentriert ausgerichtet ist. Es wird in Tiefeninterviews vor allem versucht, Motive und Bedeutungsstrukturierungen zu ermitteln, die dem Betroffenen selbst oft nicht bewusst sind. Die implizite Annahme beim Tiefeninterview ist, dass Befragte oft über tiefere bzw. implizite Bewusstseinsinhalte verfügen, die ihr Handeln und Denken leiten, ohne dass sie diese impliziten Bewusstseinsinhalte artikulieren können. Dabei ist eine Orientierung am Befragten notwendig, um Alltagsnähe und damit Vertrautheit in der Interviewsituation zu erzeugen, was dem Befragten das Einlassen auf das Interview ermöglicht.

Tiefeninterviews nach den Regeln des entscheidungsorientierten Gesprächs beachten psychische Gesetzmäßigkeiten, wodurch Tiefeninterviews lebendiger, informativer und weniger belastend für alle Beteiligten werden. Die üblichen Fragen nach Verhaltensbegründungen (Warum? Wieso? Weshalb? Was sind die Gründe?) verlangen ein Nachdenken der Interviewten, entsprechend vorbereitet und wenig informativ sind die dann folgenden Aussagen. In einem effektiven Tiefeninterview nach den Regeln des entscheidungsorientierten Gesprächs hingegen lässt man die Interviewten berichten, was sie in leistungsdifferenzierenden Situationen erlebt und getan haben, und zwar so, dass man sich den Ablauf des Geschehens so vorstellen kann, als ob man eine Film sieht. Dadurch wird vermieden, vernünftig klingende Begründungen für sein Verhalten zu geben, denn menschliches Verhalten ist primär nicht vernünftig, sondern von Emotionen, Vorlieben und Abneigungen, Interessen und Belohnungen gesteuert. Vor allem in Eignungsinterviews ohne ausgefeilte Struktur werden meist suboptimale Informationen und fehlerhafte Interpretationen vermittelt.

Grundprinzipien sind dabei

  • Flexibilität: Das frei geführte, nicht-direktive Gespräch anhand eines offenen Leitfadens bzw. Themenkatalogs passt sich dem subjektiven Erleben des Befragten an. Der Interviewer ist nicht an bestimmte Fragen und der Respondent an vorgegebene Antwortschemata gebunden, wodurch zum einen der Befragte die inhaltlichen Schwerpunkte selbst setzen kann, zum anderen der Interviewer auch solche Themen eingehend verfolgen kann, die erst im Gesprächsverlauf auftauchen. Die Vorgabe des Interviews beschränkt sich lediglich auf ein Thema und einen Gesprächsleitfaden.
  • Emotionalität: Die angenehme, entspannte Gesprächsatmosphäre und die wertschätzende Haltung des Interviewers ermöglichen dem Befragten, eigene Emotionen wie auch unangenehme oder sozial unerwünschte Aspekte anzusprechen.
  • Erkenntnistiefe: Mit Hilfe projektiver oder assoziativer Fragetechniken bekommt der Interviewer Zugang auch zu schwer verbalisierbaren und nicht unmittelbar bewussten Einstellungen und Bedürfnissen des Befragten und kann diese gemeinsam mit ihm reflektieren. Die Gespräche werden ,eist auf Tonband aufgezeichnet, anschließend verschriftlicht und inhaltsanalytisch ausgewertet und interpretiert.

Literatur
Westhoff, K. (Hrsg.) (2009). Das Entscheidungsorientierte Gespräch (EOG) als Eignungsinterview. Pabst.
http://de.wikipedia.org/wiki/Tiefeninterview  (09-11-17)





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