Formationserziehung

Die Formationserziehung war ein Merkmal der nationalsozialistischen Erziehungsideologie, bei der Typenprägung und Unterdrückung individueller Besonderheiten statt Entwicklung und Förderung von persönlichen Fähigkeiten und sozialer Kompetenz im Mittelpunkt standen. Ihre spezielle Ausprägung fand sie in der Hitler-Jugend und im Bund Deutscher Mädchen. Die Voraussetzungen dafür wurden im Rahmen spezifischer Übungen, Rituale und Erlebnisformen geschaffen, wobei etwa das Marschieren in der Kolonne  der Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit diente und bedingungslose Unterordnung unter einen Führerbefehl sowie Einordnung in das Kollektiv förderte. Massenveranstaltungen, verbunden mit sakralen Elementen begünstigten ein rauschhaftes Aufgehen in der nationalsozialistischen Bewegung, durch Appelle und Gelöbnisse sollte eine ständige Bereitschaft zum Dienst an der Bewegung bekundet werden. Formationserziehung nutzte die Ansprechbarkeit von Jugendlichen für ein gefühlsbezogenes Denken, moralischen Rigorismus, Freude an körperliche Betätigung, am Leben in der Natur und mit Gleichaltrigen aus, wie sie von der mittelständische Jugendbewegung in Deutschland zuvor kultiviert worden war.

Bevorzugter Ort der Formationserziehung war das Lager, das Elemente des Militärs und der Jugendbewegung aufnahm und sie im nationalsozialistischen Sinn umformte. Die weltanschauliche Schulung spielte etwa im Vergleich zur Schule eine zentrale Rolle und erfolgte im Rahmen festgelegter Schulungspläne mit eigenem Schulungsmaterial.

Die Hitler-Jugend galt dabei als effektivste Formationserziehung und entscheidende Sozialisationsinstanz  neben Familie und Schule und war bedeutsamer Bestandteil der Herrschaftssicherung. Die Jugend war untergliedert in das Deutsche Jungvolk (männliche Jugend von 10-14), die Hitler-Jugend (männliche Jugend von 14-18), den Jungmädelbund (weibliche Jugend von 10-14) und den Bund Deutscher Mädel (weibliche Jugend von 14-18).

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde auch die ursprünglich arbeitsmarktpolitische Maßnahme des Landjahres bzw. der Landhilfe fortgeführt, wobei als Landhelfer Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren nach freiwilliger Meldung in bäuerliche Familienbetriebe vermittelt wurden. Die Jugendlichen wurden in angemieteten Gemeinschaftsunterkünften wie ehemaligen Gutshäusern, Klöstern oder Wirtshäusern untergebracht. Im Lager waren meist sechzig Jugendliche zusammengefasst, wobei an drei bis vier Werktagen der Vormittag dem Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft vorbehalten war und in der Erntezeit mitunter auch ganztägig gearbeitet wurde. Der Erziehungsplan des Landjahrs umfasste für die männlichen Jugendlichen vormilitärische Ertüchtigung, Leichtathletik, Schwimmen, Boxen usw., für die Mädchen Gymnastik, Leichtathletik, Schwimmen, Spiel und Tanz. Als praktische und vorberufliche Erziehung werden für die Jungen Werkarbeit, Arbeit im Lager, im Garten und beim Bauern aufgeführt, für die Mädchen Küchenarbeit, Hausarbeit, Wäschepflege, Nähen und Flicken, Gartenarbeit, Hilfe im Dorfkindergarten und beim Bauern. Abgeschirmt vom Elternhaus und Kirche waren die Jugendlichen einer Lagererziehung mit Diensten, Appellen, Ordnungsübungen, Geländespielen und Feiern mit nationalsozialistisch geprägtem Liedgut ausgesetzt.

Die Attraktivität der Formationserziehung bei Jugendlichen hatte verschieden Gründe, wobei es vielfach das einzige Angebot dieser Art darstellte und auch für breite Schichten zugänglich war. Der Aufenthalt im Lager befreite kurzzeitig von Alltagszwängen, wobei Massenaufmärsche und Feiern den Jugendlichen mit ihrem Bedürfnis nach Gemeinschaft entgegenkam und Appelle und Gelöbnisse die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung forderten. Zusätzlich ermöglichte der Aufstieg in der Führer-Gefolgschafts-Hierarchie einen stetigen Gewinn an Anerkennung und Prestige.

Literatur
Fricke-Finkelnburg, R. (Hrsg.) (1989). Nationalsozialismus und Schule. Opladen.
Scholtz, H. (1985). Erziehung und Unterricht unterm Hakenkreuz. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.




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