Priming

Kurzdefinition: Der Begriff Priming bezeichnet eine Art Grundierung des Denkens, ein sanfter Druck in eine bestimmte Richtung zu denken und zu handlen, den Menschen in der Regel nicht bewusst wahrnehmen.

Das klassische Experiment zu diesem Phänomen stammt von John Bargh: Die ProbandInnen mussten aus mehreren Wörtern Sätze bilden, wobei einige gehäuft Wörter wie „Falte“, „vergesslich“ und „Florida“ vorgelegt bekommen, wobei Florida als Rentnerparadies gilt. Nach dem angeblichen Ende des Versuchs benötigten die ProbandInnen für den knapp zehn Meter langen Weg vom Versuchsraum bis zum Fahrstuhl eine Sekunde länger als die Kontrollgruppe. Die Hypothese lautete: Sie gehen deshalb langsamer, weil sie an das Alter gedacht haben.

Priming (Bahnung)

ist die Beeinflussung der Verarbeitung eines Reizes dadurch, dass ein vorangegangener Reiz implizite Gedächtnisinhalte aktiviert hat. Der primende Reiz aktiviert Kontextinformationen, die top down bestimmen, wie schnell der nachfolgende Reiz verarbeitet wird, oder ob er korrekt erkannt wird, oder – bei uneindeutigen Reizen – auf welche Weise er interpretiert wird. Priming ist die Erklärung für die Erleichterung einer Reaktion auf einen Zielreiz (target) auf Grund der vorherigen Darbietung eines Bahnungsreizes (prime). Unter Priming versteht man daher allgemein mentale Verarbeitungsprozesse der passiven Aktivierung einer internalen Bereitschaft aufg Grund kurz zuvor oder simultan erlebter Erfahrungen.

Ein prime ist somit eine Art „Vorreiz“, der vor dem eigentlichen Reiz, auf den etwa in einem Experiment erst geantwortet werden soll, auftritt. Wenn ein Vorreiz einen Effekt auf die eigentliche Antwort hat (d.h., er kommt schneller, kommt langsamer, wird also in eine bestimmte Richtung beeinflusst), spricht man von einem priming-Effekt. Bei handlungsrelevanten Reizen geben Probanden oft schnellere Antworten als bei neutralen.
Beispiel: Der Hauptreiz könnte ein Signal sein, das links oder rechts vom Fixationspunkt erscheint. Wüsste man vorher, ob der Hauptreiz, auf den man reagieren soll, links oder rechts käme, wäre man schneller. Der prime könnte beispielsweise ein Pfeil sein, der (a) nach links, (b) nach rechts oder (c) in beide Richtungen zeigt. Der Hauptreiz käme in 8 von 10 Fällen auf der Seite, die der Vorreiz angezeigt hat. Dann werden ProbandInnen mit den Vorreizen aus (a) und (b) schneller sein, wenn der Hauptreiz tatsächlich auf der angezeigten Seite erscheint. In der Kontrollbedingung (c) mit dem handlungsirrelevanten Vorreiz entfällt natürlich ein solcher Effekt. Auch bei handlungsrelevanten primes, die so schwach sind, dass sie der bewussten Wahrnehmung nicht zugänglich sind, kann ein priming-Effekt auftreten.

Als semantisches Priming wird in der Psychologie der Effekt bezeichnet, dass z.B. die Verarbeitung eines Wortes die Verarbeitung eines zweiten nachfolgenden Wortes beeinflusst, wenn zwischen beiden Wörtern eine semantische Beziehung besteht. Menschen reagieren beispielsweise auf das Wort „Krankenschwester“ schneller, wenn sie vorher das Wort „Arzt“ verarbeitet haben. Die vorherige Darbietung eines Reizes (der Prime, z. B. „Arzt“) beeinflusst die Verarbeitungszeit eines Zielreizes (das Target, z. B. „Krankenschwester“). Man erklärt diesen Effekt damit, dass im Gedächtnis ein assoziatives Netzwerk besteht, in dem Wörter in Form von mentalen Repräsentationen gespeichert und organisiert sind. Dieser Vorreiz kann bewusst oder unbewusst sein, doch in jedem Fall verändert er die Reaktion auf den folgenden Reiz, indem es diese Reaktion schneller, affektiver oder intensiver macht.

Das Priming bewirkt auch, dass das menschliche Gehirn ungeheuer schnell arbeiten kann, denn insbesondere Seheindrücke sind oft so komplex, dass die dem Bewusstsein vorgeschaltete Verarbeitung des visuellen Reizes in der Regel etwa 300 Millisekunden in Anspruch nimmt. Nur wenn das Gehirn bereits im Voraus über Informationen verfügt, d.h., schon weiß, was es sehen wird, dann setzt auch das bewusste Erkennen früher ein. Auch Gehirnstrommessungen bestätigen dies nun, dass sich die Gehirnströme für die bewusste Wahrnehmung zeitlich verändern, je nachdem, ob eine Erwartung vorhanden ist oder nicht, wobei sich die Differenzen um 100 Millisekunden bewegen. Das menschliche Gehirn führt offenbar einen Verarbeitungsprozess nicht stereotyp und zeitlich festgelegt durch, sondern passt sich flexibel an, d.h., der Verarbeitungsprozess läuft schneller ab, wenn das Gehirn die eintreffende Sehinformation lediglich mit einer zuvor festgelegten Erwartung abgleichen muss. In vertrauten Situationen setzt die bewusste Wahrnehmung daher schneller ein, als wenn das Gehirn einen visuellen Reiz vollkommen neu bewerten muss, weil keinerlei Vorinformationen vorliegen (Melloni et al., 2011).

Übrigens: Nach Daniel Kahneman gelten die widersprüchlichen Ergebnisse der Priming-Forschung als Paradebeispiel für die oft geäußerten Zweifel an der Integrität psychologischer Forschung, weshalb er eine Art Replikations-Karussell vorschlägt, dass ehrere Forschungseinrichtungen je eine Studie auswählen sollten, die dann eins der anderen zu replizieren versucht. Siehe dazu den Florida-Effekt.

Priming in der Werbung

Ein Versuch mit Besuchern eines englischen Supermarkts (North et al., 1999): Im Weinregal des Supermarkts befanden sich zwei Weinsorten (deutscher bzw. franz. Wein), die hinsichtlich Preis und Süße identisch waren. Über zwei Wochen wurde abwechselnd am Weinregal französische Musik (Akkordeon) oder deutsche Volksmusik (Blasinstrumente) gespielt. Wenn deutsche Musik gespielt wurde, wurde deutscher Wein bevorzugt, wenn französische Musik gespielt wurde, wurde eher französischer Wein gekauft, wobei nur wenige angaben, durch die Musik in ihrer Entscheidung beeinflusst worden zu sein.

Priming beim Erlernen von Gewalt

Wenn ein Mensch eine gewalthaltige Szene sieht, wirkt sich die Aktivierung der Knotenpunkte auf benachbarte Knoten aus und aktiviert sie zumindest schwach. Wenn daher Knotenpunkte aktiviert werden, die mit aggressivem Verhalten assoziiert sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer aggressiven Reaktion kommt. Sind zusätzlich noch andere Reize vorhanden sind, die den entsprechenden Knoten aktivieren, nimmt die Wahrscheinlichkeit weiter zu. So kann man zeigen, dass ein Mensch, den man zuvor beleidigt hat, sich mit höherer Wahrscheinlichkeit gegen den Beleidiger auf aggressive Weise zur Wehr setzt, wenn sich irgendwo in ihrem Blickfeld eine Schusswaffe befindet. Der Anbahnungseffekt durch den Anblick der Schusswaffe, kombiniert mit dem Effekt der Aktivierung des Knotens für aggressives Verhalten aufgrund der Beleidigung, führt dazu, dass der kritische Schwellenwert der Aktivierung überschritten wird und es zu einer aggressiven Reaktion kommen kann. Auf ähnliche Weise bahnt Mediengewalt die Aktivierung verschiedenster mit Aggression assoziierter Knoten an, sodass beim Hinzukommen weiterer Auslöser wie z.B. eine Provokation es zu aggressivem Verhalten kommen kann (Krahé, 2012).

Literatur

Bargh, J. A., Chen, M., & Burrows, L. (1996). Automaticity of social behavior: Direct effects of trait construct and stereotype priming on action. Journal of Personality and Social Psychology, 71, 230-244.
Bargh, J. A., & Chartrand, T. L. (1999). The unbearable automaticity of being. American Psychologist, 54, 462-479.
Bargh, J. A., & Ferguson, M. L. (2000). Beyond behaviorism: On the automaticity of higher mental processes. Psychological Bulletin, 126, 925-945.
Cheesman, J. & Merikle, P. M. (1984). Priming with and without awareness. Perception and Psychophysics, 36, 387-395.
Hell, Wolfgang (2010). Der Sechste Sinn und die unbewusste Wahrnehmung.
WWW: http://www.gwup.org/component/content/article/999-von-schafen-und-ziegen (10-09-26)
Krahé, B. (2012). Report of the Media Violence Commission. Aggressive Behavior, 38, 335–341.
Melloni, Lucia, Schwiedrzik, Caspar M., Müller, Notger, Rodriguez, Eugenio & Singer, Wolf (2011). Expectations change the signatures and timing of electrophysiological correlates of perceptual awareness. The Journal of Neuroscience, 31, 1386-1396.
North, A.C., Hargreaves, D.J., & McKendrick, J. (1999). The Influence of In-Store music on wine selections. Journal of Applied Psychology, 84, 271-276.
Stangl, Werner (2009). Inhaltsabhängige Gedächtnisformen. [werner.stangl]s arbeitsblätter.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEDAECHTNIS/ModelleInhalt.shtml (09-07-28)
Stangl, Werner (2009). Unterschwellige Wahrnehmung. Psychologie-News. Neues aus der Psychologie.
WWW: http://psychologie-news.stangl.eu/337/unterschwellige-wahrnehmung (10-09-26)>
http://de.wikipedia.org/wiki/Priming_(Psychologie) (10-05-03)



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  1. One Response to “Priming”

  2. Guten Tag,
    mein Name ist Marius Iseli, ich studiere an der Uni Bern und schreibe einen wissenschaftlichen Artikel über Priming. Dabei bin ich auf Ihren Definition von semantischem Priming gestossen und wollte nachfragen, ob sie mir den Autor dieses Artikels angeben können, damit ich ihn im Literaturverzeichnis berücksichtigen kann?
    Mit freundlichen Grüssen,
    Marius Iseli

    By Marius Iseli on Jan 4, 2013

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