False Memory Syndrome

Erstaunlich leicht gelingt es, Menschen falsche Erinnerungen einzupflanzen, oft sogar an Straftaten, die sie nie begangen haben. Erinnern ist ein sozialer Prozess und beinahe jedes Gespräch über die Vergangenheit verändert die Erinnerung. Warum ist das so?

Das „false memory syndrome“ bezeichnet Pseudoerinnerungen, meist traumatologisch bedingte Erinnerungsverzerrungen. Je häufiger sich Menschen an etwas Vergangenes erinnern, desto mehr verändern sie unbewusst auch die Erinnerung. Bei jedem Erinnern wird die vorhandene Information über das Vergangene nämlich überschrieben, wobei sich unweigerlich Fehler einschleichen. Meist schmücken Menschen in der Erinnerung ein Erlebnis besonders aus und fügen unbewusst ein Detail hinzu, das sich so gar nicht ereignet hat, das aber in dieses Geschehen und somit in die Erinnerung „hineinpasst“. Allmählich sind diese Menschen dann der festen Überzeugung, es tatsächlich so und nicht anders erlebt zu haben. Das Einspeichern der falschen Erinnerungen ist ein zeitlich eng begrenztes Phänomen und kann sowohl als Folge einer Suggestion oder Hypnose als auch spontan unter Stress oder bei Erschöpfungszuständen auftreten kann. Der Begriff ist damit abgrenzbar gegen pathologische Wahnvorstellungen, wie sie als Symptom einiger psychischer Störungen auftreten können.
Jeder vierte Erwachsene hat bei einer amerikanischen Studie falsche „Erinnerungen“ aus seiner Kindheit erfunden. Je schlechter das Gedächtnis ist, desto größer ist auch das Risiko, sich vergangene „Erlebnisse“ einzubilden. Falsche Erinnerungen sind somit für den, der sie hat, nicht unbedingt „falsch“.
Eine wichtige Rolle in der psychologischen Diagnostik spielt das False-Memory-Syndrom in der Suggestion „falscher Erinnerungen“ an sexuellen Missbrauch oder andere Traumata. In den USA aber auch in Europa spielen falsche Erinnerungen in Prozessen um Kindesmissbrauch eine große Rolle. Manche Autoren behaupteten auch, dass einige Berichte der KZ-Überlebenden auf das „False Memory Syndrome“ zurückzuführen sind.
Loftus (1999) rief in einem ihrer Experimente an Hand gefälschter Fotos bei etwa fünfzig Prozent der Probanden eine Erinnerung an eine vermeintliche Ballonfahrt wach, die diese in der Kindheit erlebt haben sollten. Falsche Erinnerungen können jeden treffen, denn das menschliche Gedächtnis ist kein Archiv unverfälschter Dokumente. Manche Erinnerungen an die eigene Kindheit sind übrigens schlicht Quellenverwechslungen, d. h., Ereignisse, an die man sich erinnert, führen zu der Annahme, man hätte Dinge erlebt, die aber nur irgendwann von irgendjemandem erzählt wurden. Erinnerungen werden auch rückwirkend oft verzerrt, etwa durch neue Informationen oder Kommentare von anderen. Stellt man sich Situationen nur intensiv genug vor, dann können sie Teil der persönlichen Erinnerung werden, wobei genügt, dass man nur davon gehört oder gelesen hat. Zahlreiche Experimente haben gezeigt, dass auch Erinnerung bildsam und fehlbar ist, denn Erinnerungsinhalte werden nicht einfach aus einem Speicher abgerufen, sondern immer wieder neu (re)konstruiert.
loftus-results2In einer weiteren Studie von Loftus & Palmer (1974) wurden Probanden Videos von Autounfällen gezeigt und danach in Gruppen unterteilt, wobei allen die gleiche Frage aber mit unterschiedlicher Formulierung gestellt wurde. «Was glaubst du, wie hoch war die Geschwindigkeit des Autos?», wobei bei der Erwähnung der Kollision bei einer Gruppe das Verb «zusammenstossen» und bei der zweiten Gruppe «zerschmettern» verwendet wurde. Eine Kontrollgruppe wurde gar nicht nach der Geschwindigkeit gefragt. Einige Wochen später wurden die Probanden erneut zum Videoclip befragt, wobei die Frage lautete: «Hast du Scherben gesehen?». Probanden der zweiten Gruppe beantworteten die Frage nach den Scherben häufiger mit Ja, weil sie das Zeitwort mit Scherben in Verbindung brachten, wobei im Clip keine Scherben zu sehen gewesen waren. Auch dieses Experiment deutet darauf hin, dass das Gehirn «falsche Erinnerungen» produziert, indem neue Elemente aus der Fragestellung zur alten Erinnerung hinzugefügt werden.

Sobald sich eine Erinnerung auf das eigene Leben bezieht, wird sie subjektiv, d. h., das Gedächtnis ist bei Erinnerungen an die eigene Vergangenheit weniger an der exakten Reproduktion des Vergangenen interessiert als an dessen Nützlichkeit für die Gegenwart. Eine große Anzahl an Erinnerungsfehlern kommt also daher, dass das menschliche Gedächtnis nicht vorrangig dazu da ist, die Vergangenheit aufzubewahren, sondern dazu, die Zukunft vorzubereiten. Studien an Menschen, deren Hippocampus, die Gedächtniszentrale des Gehirns, zeigen außer ihren Gedächtnisproblemen noch ein weiteres Handicap: Sie können keine Prognosen für die Zukunft abgeben. Allerdings sind die Vorhersagen meist genauso verzerrt wie Erinnerungen, denn Menschen setzen, wenn es um die Vorhersage ihrer Zukunft geht, häufig eine rosarote Brille auf. So etwa überschätzen viele Menschen ihre Zukunftschancen und Erfolge, ihre Kompetenzen und Fähigkeiten, ihre spätere berufliche Position und das Einkommen, die Dauer ihrer Ehe und auch die ihres Lebens. Gleichzeitig unterschätzen Menschen aber ihre Risiken, also die Möglichkeit der Arbeitslosigkeit, Autounfälle und Erkrankungen, denn das kommt in Zukunftsphantasien eher selten vor, außer bei den Katastrophentheoretikern, die für die Zukunft stets die schlimmsten Befürchtungen hegen. Ein Prozentsatz von etwa zwanzig Prozent der Menschen färbt die Zukunft nicht schön, diese sind dabei entweder leicht depressiv, dann werden sie zu Realisten, oder depressiv im klinischen Sinne, dann werden sie zu Pessimisten. Hinzu kommt, dass die optimistische Verzerrung auch äußerst veränderungsresistent ist, denn die optimistischen Annahmen – in der Psychologie als optimism bias bezeichnet – bestehen auch wider besseres Wissen und entgegen allen Erfahrungen weiter. Bei den meisten Menschen funktioniert die optimistische Verzerrung so zuverlässig und intuitiv, dass sie selbst nichts davon bemerken, sodass nur wenige, die sich für absolute Realisten oder Pessimisten halten, es tatsächlich auch sind. Übrigens kann der optism bias Menschen auch leichtsinnig machen. Übrigens überschätzen schon Kleinkinder alles, was zukünftig Freude machen könnte, und auch noch Sechzigjährige blicken überaus optimistisch in die Zukunft, wobei je älter die Menschen werden, desto stärker wird auch die Verzerrung. Diese optimistische Verzerrung ist nach Ansicht von Experten angeboren, denn man findet sie in allen Kulturen der Welt.

Bei Ereignissen wie Terrorangriffen oder Amokläufen werden meist Hunderte Menschen innerhalb von Sekunden zu Zeugen, wobei es bei einigen fast zwangsläufig zu einem Fehlinformationseffekt kommt, d. h., Menschen lassen sich dazu verleiten, zu glauben, sie hätten den Täter oder die Waffe gesehen, wenn eine diesbezügliche Nachricht verbreitet wird. Ähnliche Effekte lassen sich beobachten, wenn man die Erwartungshaltung von Zeugen prüft, denn häufig wollen Menschen etwa einen schwarzgekleideten Mann mit Bart gesehen haben, wenn sie sich grundsätzlich vor einer islamistischen Terrorattacke fürchten. Solche Stresssituationen können dazu führen, dass Menschen ihre Wahrnehmungen im Nachhinein falsch interpretieren, sodass aus einer zugeschlagenen Autotür ein Schussgeräusch wird, aus einem Instrumentenkoffer eine Maschinenpistole, aus einem schnell vorbeifahrende Auto das Fluchtfahrzeug des Täters oder der Täter.

Das „Innocence Project“ in den USA widmet sich der Aufgabe, Unschuldige, die für ein Verbrechen verurteilt worden waren, zu rehabilitieren. Insgesamt wurden bisher 337 Menschen befreit, die zu Unrecht im Gefängnis gesessen waren, denn DNA Tests hatten zweifelsfrei belegt, dass sie unschuldig waren und die Tat von einem anderen begangen worden war. Fehlerhafte Erinnerungen von Zeugen spielten in mindestens 75 Prozent dieser Fälle eine Rolle.

Mark L. Howe (2011) hat in einer Studie zu falschen Erinnerungen die These aufgestellt, dass diese in der Evolution durchaus sinnvoll waren und sie es manchmal bis heute sind, unter anderem in Hinblick auf unser psychisches Wohlergehen, aber auch beim Lösen von Problemen. Da für die Vorfahren ein gutes Gedächtnis entscheidend für das Überleben war, z.B. bei der Nahrungssuche oder bei der Flucht vor Feinden, sollten Erinnerungen natürlich möglichst genau sein. Sah man Spuren eines Feindes, wird man das nächste Mal auf der Hut sein, doch erinnert man sich an Spuren, die vielleicht gar nicht vorhanden waren, verhält man sich unter Umständen noch vorsichtiger, wodurch ein zusätzlicher Schutz entsteht. Falsche Erinnerungen führen bei Menschen auch zu einer höheren Selbsteinschätzung und damit oft zu größerem Selbstvertrauen und verstärken so den persönlichen Erfolg, denn wenn die eigene Kindheit in der Erinnerung freudvoller erscheint, als sie es tatsächlich war, kann das Beziehungen im Erwachsenenalter begünstigen. Falsche und richtige Erinnerungen können also sowohl positive als auch negative Effekte haben, denn eine Erinnerung muss nach Howes Meinung keineswegs allein deshalb schlecht sein, nur weil sie falsch ist.

Untersuchungen (Paz-Alonso et al., 2013) beweisen übrigens, dass Erwachsene für falsche Erinnerungen weitaus anfälliger als Kinder sind. Man hatte bei Kindern und Erwachsenen untersucht, wie effizient der Abgleich zwischen Wortnennung und Worterkennung im Gehirn funktioniert, wobei sich zeigte, dass dieser Abgleich bei Erwachsenen auf Grund ihrer Erfahrung schneller abläuft, dass es aber auch mehr falsche Erinnerungen bei Erwachsenen gibt, denn je besser im Sinne von schneller das menschliche Gedächtnis arbeitet, desto mehr Fehler macht es. Wenn erwachsene Menschen sich an ein vergangenes Ereignis erinnern, tun sie das in der Regel mit Worten, denn das Gehirn sendet diese Informationen in das Zentrum für Sprachverarbeitung und in das Gedächtniszentrum, den Hippocampus. Gibt es dort eine Übereinstimmung zwischen den gehörten und den gespeicherten Wörtern, glauben Menschen spontan sich zu erinnern. Wird etwa ein Zeuge vor Gericht gefragt wird, ob die Ampel bei einem Unfall auf Rot stand, dann wird die Anfrage nach einer roten Ampel an den Hippocampus gestellt und die Antwort abgewartet. Dieser schnelle Abgleich hat seine Tücken, denn zu jedem Wort gehört ein Sinneseindruck, und der Abruf des Wortes führt dazu, dass zwangsläufig das Bild automatisch mit auftaucht, wobei das Gehirn nicht immer zuverlässig unterscheidenkann, ob diese rote Ampel wirklich zu einer Erinnerung gehört oder nur durch die Nennung des Wortes erscheint.

Buchtipp: Julia Shaw zeigt in ihrem Buch „Das trügerische Gedächtnis“ anhand zahlreicher Fallbeispiele aus Alltag und Forschung, wie fragil und unzuverlässig das menschliche Erinnerungsvermögen ist, wobei vor allem im Bereich frühkindlicher Erfahrungen bemerkenswert ist, wie weit Wahrnehmung und Realität auseinanderklaffen können. Vor allem die „synaptische Bereinigung“ sorgt dafür, dass das Gehirn mit wachsender Größe optimiert wird und nicht mehr benötigte Information verloren gehen. Shaw räumt in ihrem Buch mit Mythen wie den von der Hypnose als Verstärkungshilfe für das Erinnerungsvermögen oder der landläufigen Vorstellung des fotografischen Gedächtnisses auf, und zeigt, dass sogar Erinnerungen erzeugt werden können, die es nie gegeben hat.
Zitat: „Wir alle“ sind anfällig für die gleichen Arten von Erinnerungstäuschungen und überschätzen die Sicherheit unserer Erinnerungen. Und wir müssen anerkennen, dass allzu große Selbstgewissheit in Bezug auf unsere Erinnerungen nicht angebracht ist. Für mich ist diese Selbstgewissheit vielmehr oft ein Warnsignal. Achtung, diese Person ist sich vielleicht nicht ausreichend über ihre Wahrnehmungsverzerrungen im Klaren. Achtung, diese Person weiß vielleicht nichts von Erinnerungstäuschungen und Erinnerungsschwächen (S. 180).

Literatur

http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEDAECHTNIS/VergessenForschung.shtml (09-09-07)
Howe, M. L. (2011). The adaptive nature of memory and its illusions. Current Directions in Psychological Science, 20, 312-315.
Loftus, E. F. (1999). Lost in the Mall: Misrepresentations and Misunderstandings. Ethics and Behavior, 9 (1), 51-60.
Loftus, E. F., & Palmer, J. C. (1974). Reconstruction of auto-mobile destruction: An example of the interaction between language and memory. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 13, 585-589.
Paz-Alonso, Pedro M., Gallego, Pamela & Ghetti, Simona (2013). Age Differences in Hippocampus-Cortex Connectivity during True and False Memory Retrieval. Journal of the International Neuropsychological Society, 19, 1031-41.
Sharot, T. (2012).  The optimism bias.
WWW: https://www.ted.com/talks/tali_sharot_the_optimism_bias/transcript (12-12-14)




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