Psychoneuroimmunologie

Die Psychoneuroimmunologie erforscht, wo die Schnittstellen von Gehirn und Immunsystem liegen, und wie etwa Stress den Körper beeinflusst, baut somit auch eine Brücke zwischen Labormedizin und Psychologie. In der entsprechenden Forschung ist es deshalb von großer Bedeutung, den Menschen in seiner individuellen Ganzheit zu betrachten, also nicht nur Laborwerte zu berücksichtigen sondern auch psychologische Aspekte des Lebens wie soziale Beziehungen, Gefühle und Gedanken, denn auch bei jeder körperlichen Erkrankung spielt die Psyche eine mehr oder minder wichtige Rolle. Die Psychoneuroimmunologie bzw. Psychoimmunologie beschäftigt sich daher mit der längst gesicherten Erkenntnis, dass sich Nerven-, Hormon- und Immunsystem wechselseitig beeinflussen, aber auch die Psyche und das soziale Umfeld ihrerseits Einfluss auf das menschliche Immunsystem haben. Die Vielfalt all diesen verschiedenen Interaktionen formt ein komplexes Netzwerk, das entscheidend auf die Immunaktivität einwirkt.

Der amerikanische Psychologe Robert Ader hatte experimentell nachgewiesen, dass das Immunsystem mit dem zentralen Nervensystem zusammenarbeitet und sogar  lernen kann. Übrigens wurden schon von Louis Pasteur psychoneuroimmunologische Wechselwirkungen vermutet, als er feststellte, dass Hühner unter Stressbelastung eine höhere Infektionsanfälligkeit besitzen.

Die Psychoneuroimmunologie konzentriert sich derzeit vor allem auf die Rolle des Immunsystems bei der Entstehung psychischer Krankheiten und versucht, zahlreiche älteren Ansätze miteinander zu verbinden. Ursprünglich wurden das Gehirn und das Immunsystem als zwei getrennte Systeme betrachtet, denn man ging davon aus, dass das Gehirn vor Immunprozessen geschützt arbeitet und wenig mit dem Immunsystem zu tun hat. Heute wiß man, dass es einerseits direkte Nervenverbindungen vom Gehirn zu Organen des Immunsystems wie der Milz andererseits Immunzellen auch in das Gehirn ein, wobei lokale Immunzellen dort vielfältige Aufgaben wie etwa die Beseitigung defekter Nervenzellverbindungen. Auch gibt es mittlerweise Indizien für die Beteiligung des Immunsystems an Abläufen im Gehirn, denn bei einigen psychischen Erkrankungen sind Immunparameter der Betroffenen charakteristisch verändert. So führt etwa die Behandlung mit Immunbotenstoffen wie Interferon alpha, das gegen Hepatitis C eingesetzt wird, bei 20 bis 30 Prozent der Betroffenen zu Depressionen.

Aktuell konzentriert man sich auch auf Mikrogliazellen, wobei diese immunkompetenten Zellen, die zu den Fresszellen gehören, im Gehirn normalerweise die Aufgabe haben, synaptische Verbindungen zu reparieren, defekte Verbindungen zu beseitigen und das Wachstum neuer Nervenzellen anzuregen. Darüber hinaus erfüllen sie verschiedene, teils noch nicht genau bekannte Stoffwechselaufgaben. Bei einer Bedrohung werden die Mikrogliazellen allerdings aktiviert und in einen zerstörerischen Zustand versetzt, in dem sie aktiv einen Entzündungsprozess bewirken und Botenstoffe ausschütten, die Nervenzellen schaden. Bei Schizophreniepatienten etwa ist die Anzahl der Mikrogliazellen im Gehirn verglichen mit gesunden Menschen deutlich erhöht, sodass hier die Zellen zu einem Abbau von synaptischen Nervenzellverbindungen führen, und so die graue Substanz bei Schizophreniebetroffenen verringern.

Die Aktivierung der Mikrogliazellen kann auch über das periphere Immunsystem erfolgen, also außerhalb des Gehirns, wobei hier der Stress einen wichtiger Faktor darstellt, der das Immunsystem beeinflusst. Fest steht auch, dass Mikrogliazellen eine Art Gewöhnungseffekt zeigen, d. h., je öfter sie durch Stress aktiviert werden, desto eher neigen sie dazu, in diesem Zustand zu bleiben, wodurch die Mikrogliazellen für das Gehirn gefährlich werden.

Bisher nahm man übrigens an, dass es keine direkte Verbindung zwischen dem Gehirn und dem Lymphsystem gibt, doch haben Forscher der University of Virginia (Louveau et al., 2015) nach eigenen Angaben solche bei Mäusen gefunden. Den Ergebnissen nach ist das Gehirn wie jedes andere Körpergewebe mit dem peripheren Immunsystem verbunden und zwar via Lymphbahnen, die allerdings so klein und gut versteckt liegen, dass sie schwer zu finden sind, wobei sie einem großen Blutgefäß bis zu den Nebenhöhlen folgen. Das nun entdeckte Lymphnetzwerk hat viele Ähnlichkeiten zum peripheren Lymphsystem, ist aber weniger komplex und besteht aus engeren Gefäßen. Man vermutet nun auch, dass auch in gesunden Gehirnen Immunzellen präsent sind, was bisher stark bezweifelt wurde, und dass sich bei Alzheimer deshalb die typischen großen Proteinklumpen im Gehirn ansammeln, weil diese Gefäße, die sich mit dem Alter verändern, diese Verklumpungen nicht mehr abtransportieren können.

Zahlreiche körperliche Erkrankungen sind vermutlich durch Psychotherapie heilbar, denn es gibt eine Verbindung zwischen dem Nervensystem, dem Gehirn und dem Hormon- und Immunsystem. Die menschlichen Nerven- und Immunzellen sind direkt und über Botenstoffe miteinander verbunden, und zwar wechselseitig, sodass man ich über die Psyche, also Gehirn und Nerven, das Geschehen im Körper verändern kann. Was man fühlt oder denkt, wird über eine veränderte Nervenaktivität in Hormone und Immunologie übersetzt, denn wenn man eine Entzündung im Körper durchmacht, beeinflusst diese immunologische Aktivität das Gehirn und die Psyche, man fühlt sich z. B. elend und hat oft trübe Gedanken. Einige Erkrankungen wie Neurodermitis, Bluthochdruck, Asthma oder eine Schilddrüsenüberfunktion gelten inzwischen offiziell als psychosomatisch, d. h., als Ursache werden seelische Konflikte angenommen.

Quelle
Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie

Literatur
Louveau, Antoine, Smirnov, Igor, Keyes, Timothy J., Eccles, Jacob D., Rouhani, Sherin J., Peske, J. David, Derecki, Noel C., Castle, David, Mandell, James W., Lee, Kevin S., Harris, Tajie H. & Kipnis, Jonathan (2015). Structural and functional features of central nervous system lymphatic vessels. Nature, doi.org/10.1038/nature14432.





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