Wirtschaftspsychologie

Die Wirtschaftspsychologie (engl. economic psychology, behavioral economics) ist ein recht junger und interdisziplinärer Bereich der Wissenschaft Psychologie. Die Wirtschaftspsychologie ist dabei ein ökonomisch orientierter Teilbereich der Psychologie und auch ein eigenes Studienfach. Theoretisch formuliert bedeutet es, dass die Wirtschaftspsychologie sich mit den psychologischen Ausgangspunkten und Bedingungen der in der Ökonomie wichtigen Zusammenhänge und Prozesse beschäftigt. Als Teilgebiet der angewandten Psychologie überträgt die Wirtschaftspsychologie wissenschaftliche Erkenntnisse auf wirtschaftliche Fragestellungen. Dabei wird der Zusammenhang zwischen menschlichem Verhalten und ökonomischen Fragestellungen erforscht. Das Forschungsgebiet der Wirtschaftspsychologie beschäftigt sich vorwiegend mit dem subjektiven Erleben und dem Verhalten von Menschen im ökonomischen Umfeld sowie den sozialen Zusammenhängen.

Die Wirtschaftspsychologie befasst sich auch mit menschlichem Erleben und Verhalten in speziellen Bereichen der Wirtschaft, wobei das klassische Modell des homo oeconomicus häufig versagt, wenn Entscheidungen in komplexen Situationen getroffen werden müssen, denn im Haushalt, auf Märkten und im Staat folgt die Wirtschaft nicht allein den Regeln der Logik, sondern ist von den Merkmalen des Verhaltens der Handelnden bestimmt. Um den Eigensinn der wirtschaftenden Menschen sowie die Psycho-Logik von Märkten zu verstehen und darauf aufbauend verlässliche Prognosen zu erstellen, muss die Ökonomie die Erkenntnisse der Psychologie berücksichtigen. Dabei geht es etwa um Fehler bei der Sammlung und Verarbeitung entscheidungsrelevanter Informationen, um Schwierigkeiten im Umgang mit Wahrscheinlichkeiten, um Heuristiken sowie um Fehlermöglichkeiten bei der Erstellung von Prognosen und bei der Rückschau auf Entscheidungen, die in der Vergangenheit getroffen wurden.

Interessierte haben die Möglichkeit, das Fach als Schwerpunkt innerhalb eines Psychologiestudiums zu wählen, wobei auch viele private und öffentliche Hochschulen Wirtschaftspsychologie als eigenständigen Master oder Bachelor Studiengang anbieten. Auch ein Fernstudium der Wirtschaftspsychologie ist möglich. Die Regelstudienzeit beträgt für den Bachelor of Science sechs, für den Master vier Semester. Abschlüsse im Ausland sind beliebt, doch wenn jemand etwa nach dem Bachelor in den USA weiterstudieren möchte, um den Master zu machen, sollte frühzeitig abklären, welche Studienleistungen anerkannt werden.

Ein akademisches Studium der Wirtschaftspsychologie befähigt zum Einsatz im Personalwesen, im Marketing, in Coaching und Weiterbildung sowie in einer beratenden Tätigkeit im Unternehmen. Die Wirtschaftspsychologie ist ein breit gefächertes Feld und man kann sich bereits im Laufe des Studiums durch Praktika spezialisieren. Geeignet ist das Studium der Wirtschaftspsychologie auch zur Selbständigkeit als Coach oder Schulungsfachkraft, auch im Marketing-Bereich kann man sich mit der Wirtschaftspsychologie selbständig machen. Ein Studium der Wirtschaftspsychologie befähigt nach dem Erwerb von Zusatzqualifikationen auch zum Einstieg in Unternehmen aller Art in originär psychologischer Funktion. WirtschaftspsychologInnen sind etwa als Ansprechpersonen für die MitarbeiterInnen da und dienen als Vertrauenspersonen, an die man sich mit Problemen wenden kann, sei es privat oder beruflich. Das Studium der Wirtschaftspsychologie eignet sich für Studieninteressierte, die gute Menschenkenntnis und Interesse an ihren Mitmenschen besitzen, aber auch an der Wirtschaft interessiert sind und beide Bereiche miteinander kombinieren möchten.

Klassische Positionen für Psychologen in Unternehmen

Als Recruiter ist ein Psychologe dafür verantwortlich, für offene Stellen einen passenden Bewerber zu finden, zum einen über die gezielte Direktansprache wie durch Abwerben bei anderen Unternehmen oder auch über das Erstellen und Veröffentlichen von Stellenausschreibungen. Dabei muss ein Psychologe die Kompetenzen und Eigenschaften, die die BewerberInnen mitbringen sollten, zusammenstellen und ausformulieren. Danach muss ein Recruiter meist auch die Auswahl der Kandidaten aus den eingegangenen Bewerbungen durchführen, wobei etwa die Durchführung eines Assessment Center oder die Beobachtung bei Probearbeitstagen zu seinem Aufgabenbereich gehört. Der Psychologe als Human Resource Manager, Personalmanager oder Personalreferent ist für mehrere Belange rund um das Personalwesen zuständig, wie z.B. die Einstellung, Weiterentwicklung und Betreuung der Beschäftigten. Dabei begleitet der Psychologe etwa Entwicklungsmaßnahmen für MitarbeiterInnen und evaluiert diese. Seine Tätigkeiten decken sich dabei weitgehend mit dem eines Recruiters, wobei er meist auch für die Abwicklung von Kündigungen zuständig ist. Ein Psychologe als Personalentwickler ist für die Weiterbildung und -entwicklung der MitarbeiterInnen eines Unternehmens verantwortlich, indem er Personalentwicklungsmaßnahmen plant, Beratungen für MitarbeiterInnen anbietet, deren Qualifizierungsbedarf individuell ermittelt und die entsprechenden Angebote recherchiert bzw. auch organisiert oder durchführt. Personalberater oder Personalvermittler arbeiten schließlich oft unabhängig von einem Unternehmen, die ihre Personalauswahl outsourcen. Der Aufgabenbereich eines Psychologen oder einer Psychologin hängt natürlich auch von der Größe eines Unternehmens ab.

Wildwuchs bei „Wirtschaftspsychologen“ nach Bologna

Vor der Bologna-Reform musste jemand, der Wirtschaftspsychologe werden wollte, Psychologie studieren, konnte sich im zweiten Studienabschnitt für den Schwerpunkt Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie entscheiden und schloss mit einem Diplom ab. Heute herrscht Wildwuchs, denn die neuen Master-Studiengänge schießen wie Pilze aus dem Boden, also oft Master-Studiengänge, die keinen Bachelor in Psychologie voraussetzen. Kenntnisse der Entwicklungs-, Persönlichkeits- und Sozialpsychologie, der biologischen Psychologie und Psychodiagnostik sowie der psychologischen Methodenlehre inklusive umfassendem Statistik-Wissen sind die Voraussetzung dafür, sich überhaupt fundiert mit einem anwendungsorientierten Fach wie Wirtschaftspsychologie beschäftigen zu können, denn wer ohne diese Grundlagenkenntnisse psychologisch tätig ist, gleicht einem Mediziner, der nur den Namen eines Medikaments kennt, aber nicht weiß, wie es zusammengesetzt ist und wirkt. Für Unternehmen besteht die Gefahr, viel Geld für Scharlatanerie oder unwissenschaftliche Verfahren etwa zur Personalauswahl auszugeben. Beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), der die beruflichen Interessen der Psychologen aus allen Tätigkeitsbereichen vertritt, beobachtet man die Entwicklung mit Sorge, denn der Wildwuchs führt sehr schnell zu Unklarheit und Unsicherheit für Kunden und Verbraucher, denn was man in einem ein- oder zweijährigen Master lernt, entspricht nicht den Kompetenzen, die man mit dem Titel Wirtschaftspsychologe verbindet. Zwar gibt es keine eindeutige Definition von Wirtschaftspsychologie, doch nach dem Verständnis der DEutschen Gesellschaft für Psychologie ist sie nur ein Teilgebiet der Arbeits- und Organisationspsychologie, das sich mit der Untersuchung von psychologischen Prozessen in der Wirtschaft befasst. Dazu gehört zum Beispiel die Konsumenten- oder die Börsenpsychologie. Die Themen Personalauswahl, Personalführung oder Motivation der Mitarbeiter fallen dagegen nicht darunter. Während Schwerpunkte an den Universitäten daher oft Arbeits- und Organisationspsychologie heißen, nutzen viele Fachhochschulen den Begriff der Wirtschaftspsychologie. Die Studiengänge haben oft einen hohen Anteil wirtschaftswissenschaftlicher Inhalte und setzen häufig keinen Bachelor in Psychologie voraus. Durch die Bezeichnung Psychologe besteht auch die Verwechslungsgefahr mit dem akademischen Grad des Diplom-Psychologen oder des Master of Science, sodass die Führung der Berufsbezeichnung Psychologe als Missbrauch eines akademischen Grades strafbar ist, denn alles, was für die Berufsbezeichnung Psychologe gilt, ist auch für den Wirtschaftspsychologen gültig (Schwertfeger, 2014).

Worauf man beim Studium der Wirtschaftspsychologie achten sollte

Die Wirtschaftspsychologie bildet auch eine Schnittstelle zwischen der Psychologie und der Betriebswirtschaftslehre, d. h., sie ist sehr vielseitig, da sie sich mit dem Verhalten von Menschen auf Märkten und in Organisationen beschäftigt. Dazu gehört aber auch die Frage, wie MitarbeiterInnen gefördert und motiviert werden können, um eine bessere Leistung zu erbringen und gleichzeitig persönlich sich weiterzuentwickeln. Auch die Optimierung von Arbeitsabläufen oder komplexen Entwicklungsprozessen einer Organisation fallen unter die Aufgabenbereiche eines Wirtschaftspsychologen. Besonders im Bereich des Marketing sind Wirtschaftspsychologen gefragt, wobei besonders viele Social-Media-Experten aus der Psychologie kommen. Nicht zuletzt untersuchen Wirtschaftspsychologen, wie Werbung auf potenzielle Kunden wirkt und verbessert werden kann. Ein Studium dieser Fachrichtung bietet also AbsolventInnen abwechslungsreiche und kreative Arbeitsmöglichkeiten. Wirtschaftspsychologen sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt, wobei vor allem die Karriereaussichten in der Personalarbeit, in den Medien oder in Meinungsforschungsinstituten als sehr gut gelten. Wesentlich ist, dass man eine sehr praxisorientierte Berufsqualifikation im Schnittpunkt von Mensch und Wirtschaft erhält und psychologische und wirtschaftswissenschaftliche Kenntnisse und Methoden vermittelt bekommt, um dann in der Praxis unternehmerische Zielsetzungen realisieren und optimieren zu können. Daher ist es wichtig, nicht Psychologie plus Wirtschaft zu studieren, sondern Psychologie in der Wirtschaft. Schwerpunkte der Ausbildung sind in einem fortgeschrittenen Stadium Moderation, Kommunikation, Coaching und Führungstraining, wobei man diese an praktischen Fragestellungen der Wirtschaftspsychologie in einem Unternehmen erarbeiten muss und in einer intensiven methodischen Ausbildung das Handwerkszeug wie Testentwicklung, psychologische Methoden sowie Befragungs- und Interviewtechniken erlernt.

Literatur
Schwertfeger, B. (2014). Abschlüsse mit Tücken. Die Welt vom 13. September.




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