Rollenspiel

Das Rollenspiel gilt als eine Methode zum Training sozialer Verhaltensweisen und ist in besonderer Weise geeignet, das eigene Rollenverhalten sowie das Verhalten anderer zu erforschen. Das Rollenspiel bietet etwa als Lernstrategie die Möglichkeit, Lernprozesse als Spielhandlungen zu gestalten und ausgewählte Konflikt- und Entscheidungssituationen des gesellschaftlichen Lebens zu simulieren. Das Spiel ist im Übrigen Grundbestandteil jeder Kultur und erfüllt für den Menschen befriedigende Funktionen, denn es ist aus der Freiheit geboren, verschafft Spannung, Freude und Glück und setzt einen anderen Wertmaßstab, als er sonst im Leben gilt. Es gibt zahlreiche Varianten des Rollenspiels:

  • Spontanes Rollenspiel: Entwickelt sich spontan aus bestimmten Situationen heraus. Beispiel: Spielende Kinder leiten sich selbst an und wechseln ohne Hemmung zwischen Spiel und Regieanweisung.
  • Szenische Kurzdarstellung: TrainerInnen greifen bewusst Ereignisse aus dem Alltag auf, die in Kurzszenen gespielt und so mit geringem Zeitaufwand zum Gegenstand sozialen Lernens gemacht werden.
  • Didaktisch angelegtes Rollenspiel: Die im Spiel dargestellten Konfliktfälle und Entscheidungssituationen werden eingebettet in einen systematischen Lernprozess. Wesentliche Elemente dieses Rollenspiels sind: Kritik, Variation, Rollentausch, Diskussion und Reflexion.
  • Soziodrama: Für Konflikte und Probleme, die innerhalb einer Gruppe auftreten, wird versucht, mittels dramatischen Durchlebens eine Lösung herbeizuführen.
  • Psychodrama: Differenziert ausgearbeitete Verfahrensweise zur Therapie psychisch gestörter Patienten, in dem psychische Probleme mit speziellen Verfahren des Rollenspiels behandelt werden. Diese Variante erfordert den psychotherapeutisch geschulten Trainer.

Bei der Durchführung von Rollenspiele werden häufig Fehler gemacht, die sich auf den Erfolg ungünstig auswirken können. Deshalb wird dringend empfohlen, dieses Trainingselement vor Beginn des eigentlichen Ernstfalls ausführlich zu erproben, wobei es vor allem wichtig ist, dass sich der zukünftige Trainer auch einmal selbst in die Rolle des Spielenden begibt. Durch diese Selbsterfahrung werden Fehler des Trainers sehr bewusst wahrgenommen und können schnell und effektiv korrigiert werden. Vor Beginn eines Rollenspiele sollten mit den Trainingsteilnehmern einige allgemeine Regeln besprochen und auch begründet werden. Es ist für den weiteren Verlauf wichtig, dass die Trainerin oder der Trainer auf die strikte Einhaltung dieser Regeln achtet. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass das Geschehen sich zu einer allgemeinen Belustigung oder zu einer negativen Erfahrung für die Rollenspieler entwickelt.

Rollenspiel im Unterricht

Das Rollenspiel ist eine Methode, Rollen zu erforschen und mit ihnen zu experimentieren. Der Rollenspieler hat grundsätzlich die Möglichkeit, Rollen zu ändern. Die Fähigkeit Rollen zu ändern, ist für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen von großer Bedeutung. Im Rollenspiel kann die Spielerin bzw. der Spieler sich selber oder andere Menschen spielen, sie/er kann sich somit selber erforschen, mit sich selber experimentieren oder sich selber ändern. Spielt man andere Personen, kann man deren Rolle erforschen, und, soweit man die Möglichkeit hat, im Gespräch mit diesen oder sofern sie Zuschauer sind, durch das Vorhalten eines Spiegels, zu deren Veränderung beitragen. Rollenspiel ist immer ein „als ob“-Spiel. Man spielt entweder „als ob“ man eine andere Person wäre, oder „als ob“ man in einer nicht existenten Situation wäre, oder „als ob“ die Situation Realität wäre, obwohl sie sich in der Vergangenheit ereignet hat oder auch sich erst in der Zukunft ereignen wird. Das „als ob“ kann sich auch auf einen nicht existenten Ort beziehen. Das Rollenspiel kann der Realität sehr nahe oder weit von ihr entfernt sein. Das Rollenspiel kann also große Anteile an Freiheit haben. Je mehr Freiheit beim Rollenspiel und somit wenig Zwang zum realitätsgetreuen Nachvollziehen besteht, umso mehr hat diese Lernform die Bezeichnung „Spiel“ verdient, und umso mehr ist diese Lernform eine kindgemäße Form. Daher soll beim Rollenspiel im Unterricht soll von dramatisierten Texten Abstand genommen werden und das soziale Lernen im Vordergrund stehen, es sei denn, der Text darf von den Rollenspielern frei bis zur Unkenntlichkeit verändert werden. Körperlicher Ausdruck, Geschicklichkeit, sprachliche Intensitäi, Sprachgewandtheit, Wahrnehmung und Bewegungsfähigkeit sind besonderen Anforderungen ausgesetzt.
Das Rollenspiel ist daher eine Möglichkeit sozialen Lernens, um neue Verhaltensweisen auszuprobieren, einzuüben oder zu festigen. Dabei können Lösungen zur Vertiefung von sozial erwünschtem Verhalten oder mit neuen Lösungen als didaktische Form in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit gespielt und geübt werden. Ein richtig eingesetztes Rollenspiel dient aber auch zur Konfliktdarstellung und -bewältigung. Wichtige Strukturmerkmale bei der Ausführung von Rollenspielen sind dabei

  • Spielen eines Konfliktes mit Konfliktlösung, einer komplexen Geschichte, eines eigenen Alltagserlebnisses oder einer kurzen etwa durch ein Bild illustrierten Situationsvorgabe.
  • Gespräch über Spielverlauf und Konfliktlösungen.
  • Teilweise wiederholtes Spielen – Kinder als Zuschauer und Spieler müssen idealerweise ihre Rollen tauschen, um als Spieler Verhalten einzuüben und als Zuschauer Verhaltensmöglichkeiten kennenzulernen und Konflikte aus einer anderen Position zu sehen.
  • Die Verzahnung der Konflikte mit dem Alltag und der Erlebniswelt der Kinder erleichtert es ihnen, erwünschtes Verhalten besser auf den Alltag übertragen zu können.

Die Rollenspiele können auch in kurze Szenen übergehen, die die Kinder selber erfinden, um verschiedene Interaktionssituationen kennenzulernen und mit verschiedenen Auswegen aus verfahrenen Situationen zu experimentieren. In der Grundschule eignen sich Rollenspiele im Sinne von Prävention etwa im Deutsch- oder Sachunterricht, aber auch bei Konflikten spontan zur Konfliktregelung. Sie dienen dem gezielten Ausprobieren und Verbessern sozialer Fertigkeiten und ermöglichen aggressiven Kindern eine angemessene Äußerung und Darstellung ihrer Bedürfnisse.
Besondere Formen des Rollenspiels sind das Stegreifspiel, bei dem die SpielerInnen keine Textvorlage haben, sondern in einer kurzen Besprechung wird festgelegt: Wer? Wie alt? Welcher Beruf? Welche Eigenschaften? Welche Absicht? Dann geht das Spiel aus dem Stegreif ohne Probe los.
Bei der Improvisation wird ohne Besprechung und Probe aufgrund eines Impulses, etwa durch Gegenstände, durch eine Melodie, durch ein Gedicht oder ein Sprichwort gespielt.

Rollenspiel im Arbeits-, Berufs- und Wirtschaftsleben

Durch das Rollenspiel können ausgewählte Konflikt- und Entscheidungssituationen aus dem Arbeits-, Berufs- und Wirtschaftsleben simuliert und durch die Möglichkeit der Gestaltung von Lernprozessen als Spielhandlungen durchgeführt werden. Die dabei simulierten Situationen sollen einerseits mit diesen vertraut machen und andererseits die Konfliktbewältigung der Teilnehmer fördern. Ein besonderer Aspekt an dieser Methode liegt sicherlich in der Möglichkeit des Rollentauschs, so dass die Situationsanalyse und das Konfliktmanagement auch aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden können. Methodisch wird der Einsatz von Rollenspielen durch drei Phasen geprägt. Zuerst werden die Spieler in der Motivationsphase mit der Situation und der Rolle vertraut gemacht, bevor sie in der Aktionsphase das eigentliche Rollenspiel durchführen. Abschließend wird in der Reflexionsphase das Erlebte reflektiert und generalisiert. Hinsichtlich der methodischen Varianten ist das didaktisch angelegte Rollenspiel hervorzuheben.

Literatur und Quellen zu Rollenspielen

Hartung, J. (1977). Verhaltensänderung durch Rollenspiel. Düsseldorf: Schwann.
Kaiser, F./ Kaminski, H. (1999). Methodik des Ökonomie-Unterrichts: Grundlagen eines handlungsorientierten Lernkonzepts. Bad Heilbrunn.
Kochan, B. (1977). Rollenspiel als Methode sprachlichen und sozialen Lernens. Kronberg: Scriptor.
Krappmann, L. (1977). Lernen durch Rollenspiel. In B. Kochan (Hrsg.), Rollenspiel als Methode sprachlichen und sozialen Lernens (S. 173–192). Kronberg: Scriptor.
Petermann, U. & Petermann, F. (1997). Grundlagen kinderverhaltenstherapeutischer Methoden. In F. Petermann (Hrsg.), Kinderverhaltenstherapie: Grundlagen und Anwendungen (S. 22–58). Hohengehren: Schneider.
Schwäbisch, L. & Siems, M. (1974). Anleitung zum sozialen Lernen für Paare, Gruppen und Erzieher. Hamburg: Rowohlt.
Vopel, Klaus (1978). Interaktionsspiele 1-6. Hamburg: Iskopress.
Vopel, Klaus (1978). Handbuch für Gruppenleiter: Zur Theorie und Praxis der Interaktionsspiele. Hamburg: Iskopress.
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/Kooperationsspiel.shtml (02-11-17)

Literatur
Hinsch, Rüdiger & Ueberschär, Beate (o.J.). Gewalt in der Schule. Ein Trainingsprogramm für Lehrer und Lehramtsstudenten. Arbeitsberichte des Instituts für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung an der Universität Potsdam. Band 13.
Stangl, W. (1998). Zur Durchführung von Rollenspielen.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/Kooperationsspiel.shtml (98-11-17)




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