kollektives Gedächtnis

Der Begriff des kollektiven Gedächtnisses, unter dem Anschauungen zu geschichtlichen Vorgängen und Fakten manchmal zusammengefasst werden, ist kein psychologischer Begriff, denn dazu ist er viel zu unscharf gefasst. Zwar ist allgemein anerkannt, dass die Vergangenheit von Menschen deren Gegenwart prägt, aber die retrospektive Deutung geschieht stets vor dem Hintergrund aktuellen Wissens. Persönliches Erleben ist somit immer subjektiv geprägt, sodass bei der Verwendung des Begriffs eines kollektiven Gedächtnisses stets nach dem jeweiligen Spannungsfeld zwischen individueller Erfahrung und zeitgeschichtlich geprägtem Umfeld zu fragen ist, wobei im Einzelfall stets beides zusammenwirkt und die Vorstellung von der Vergangenheit prägt. Das gilt in besonderem Maß auch für diejenigen, die einen Zeitabschnitt nicht selbst erlebt haben. Allerdings weiß man aus der Psychologie, dass eine Identifikation mit Ereignissen Menschen in ähnlicher Weise prägen kann wie das unmittelbar Erlebte, wobei Menschen zwar zur gleichen Zeit Ähnliches erfahren haben, aber doch ganz verschieden erlebt haben können.

Das kollektive Gedächtnis ist ein insofern ein wichtiges Phänomen, um soziales Verhalten zu verstehen, denn es verdeutlicht, wie sich etwa Mitglieder einer sozialen Gruppe gemeinsam an ein Ereignis ihrer Vergangenheit erinnern. Heute spielen vor allem die Medien eine zentrale Rolle in der Formung des kollektiven Gedächtnisses, wobei der Wandel zu Onlinemedien und vor allem sozialen Medien diesen Mechanismus verändern dürfte, denn heutzutage erhält man oft Neuigkeiten durch Facebook-Freunde oder über Twitter.

Der Begriff kollektives Gedächtnis aus philosophischer und soziologischer Sicht bezeichnet hingegen ganz allgemein die gemeinsame Gedächtnisleistung einer Gruppe von Menschen, d. h., so wie jedes Individuum situativ zu einem individuellen Gedächtnis fähig ist, besitzt eine Gruppe von Menschen eine gemeinsames Gedächtnis. Dieses kollektive Gedächtnis bildet die Basis für gruppenspezifisches Verhalten zwischen ihren Angehörigen, da es dem Einzelnen ermöglicht, Gemeinsamkeiten vorzustellen. Das kollektive Gedächtnis nimmt mit Blick auf die kulturelle Vergangenheit Bezug auf die gegenwärtigen sozialen und kulturellen Verhältnisse, wirkt individuell auf eine Gruppe von Menschen und tradiert gemeinsames Wissen. Beim kollektiven Gedächtnis kann man zwischen dem kommunikativen Gedächtnis und dem kulturellen Gedächtnis unterscheiden, wobei das kommunikative Gedächtnis mündlich weitergegebene Erfahrungen und Traditionen über einen Zeitraum von etwa drei Generationen nach dem Zeitpunkt des Geschehens liefert, also an Menschen gebunden ist, weil es von der Weitererzählung lebt. Im Gegensatz dazu steht das kulturelle Gedächtnis, welches nicht an Personen gebunden ist, denn hierbei werden Erinnerungen niedergeschrieben und für die Nachwelt etwa in Bibliotheken konserviert, auch über die dritte Generation nach dem Ereignis hinaus.
Das Konzept des kollektiven Gedächtnisses geht auf den französischen Philosophen und Soziologen Maurice Halbwachs zurück.

Literatur
Halbwachs, M. (1939). La mémoire collective. Paris: Presses Universitaires de France.
Halbwachs, M. (1967). Das kollektive Gedächtnis. Stuttgart: Enke.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektives_Ged%C3%A4chtnis (14-12-12)





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