Langeweile

Wie herrlich ist es, nichts zu tun und dann vom Nichtstun auszuruhn.
Heinrich Zille

Langeweile (Fadesse, Ennui) ist psychologisch betrachtet ein Zustand, der entsteht, wenn Menschen ihre Aufmerksamkeit nicht auf etwas richten können, sodass der aktuelle Zustand als unbefriedigend erlebt wird und der Wunsch nach einer befriedigender Tätigkeit entsteht. Übrigens hat schon 1885 Francis Galton einen Bericht mit dem Titel The Measure of Fidget veröffentlicht, und darin seine Beobachtungen zum Verhalten eines unruhigen Publikums bei einer wissenschaftlichen Konferenz dargestellt.

Im Gegensatz zur Muße, die Menschen willkommen ist, wird Langeweile als erzwungen und unlustvoll erlebt. Langeweile lässt sich als biochemischer Prozess im Gehirn erklären, denn wenn jemand monotone Tätigkeiten verrichten muss, wird das Belohnungszentrum im Gehirn nur wenig aktiviert. Ist dies über einen längeren Zeitraum der Fall, entsteht Dopaminmangel, wodurch eine höhere Anfälligkeit für psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angstzustände, Aggressionen oder Suchterkrankungen gegeben ist. Langeweile lässt aber auch die Widerstandskraft gegen widrige Umstände sinken, also die Resilienz. Studien zeigen auch, dass neben Depression und Angstgefühlen Langeweile einer der häufigsten Auslöser für Essattacken ist (Ganley, 1989). Menschen, die zu Langeweile neigen, fahren übrigens in Fahrsimulatoren mit höherer Geschwindigkeit als andere Teilnehmer, außerdem haben sie dabei eine längere Reaktionszeit bei unerwarteten Gefahren und überquen häufiger als andere die Mittellinie der Fahrstrecke. Vor allem Jugendliche neigen mit etwa fünfzig Prozent höherer Wahrscheinlichkeit zum Rauchen, Trinken oder illegalen Drogenkonsum als andere Jugendliche. Auch vermutet man, dass bei Jugendlichen auch Schwankungen bei Schulleistungen auch auf Langeweile zurückzuführen sind.

Ein besonderes Problem bei der Untersuchung von Langeweile stellt für die Psychologie die Schwierigkeit dar, in experimentellen Situationen Langeweile zu erzeugen. Meist wird Langeweile mithilfe von Fragebögen retrospektiv erfasst, etwa mit dem von Farmer & Sundberg (1986) entwickelten Boredom Proneness Scale, die das erste systematische Instrumente zum Messen von Langeweile darstellte, wobei die darin versammtelten Statements aus Interviews und Umfragen über Gefühle von Menschen mit Langeweile stammten. Der errechnete Gesamtscore gilt dabei als Maß dafür, inwieweit der Proband bzw. die Probandin zur Langeweile neigt. Da mit diesem wie anderen Fragebögen lediglich Selbstaussagen und damit  subjektive Ansichten erfasst werden, was abrt eher einem Persönlichkeitsmerkmal entspricht und wenig über die Intensität des Gefühls der Langeweile in einer konkreten Situation, also die situationsbedingte Langeweile (state boredom) aussagt.

Götz & Frenzel (2006) unterscheiden vier Formen der Langeweile:

  • Die indifferente Langeweile zeigt geringe Aktivation, schwach negatives Erleben, Desinteresse, Amotivation und innere Leere. Sie hat Ähnlichkeit mit Entspannungszuständen.
  • Die kallibrierende Langeweile öffnet für Neues, z.B. durch ein Abschweifen der Gedanken zu anderen Themen.
  • Die zielsuchende Langeweile geht mit Rastlosigkeit und einem Suchen nach Handlungsalternativen, Beschäftigungsdrang sowie höherer Aktivation und einer stärker negativ ausgeprägten Valenz einher.
  • Die reaktante Langeweile ist ebenfalls durch eine hohe Aktivation gekennzeichnet und durch teils stark negatives Erleben bis hin zu Ärger, Aggression und Hilflosigkeit.

Langeweile definiert sich also nicht allein durch das Fehlen äußerer Reize, sondern vielmehr dann, wenn Menschen sich auf Reize der Umgebung nicht mehr konzentrieren können oder wollen. So kann schon das Fehlen von Hintergrundgeräuschen langweilen und einen Stresszustand erzeugen. Untersuchungen zeigen auch, dass Langeweile anfällig für Aggression, Depressionen, Angst, Alkoholmissbrauch und Süchte machen kann. Vermeiden kann man Langeweile durch eine gezielte Steuerung der Aufmerksamkeit, etwa indem man unspektakuläre Ereignisse konzentriert betrachtet, wie Atmen, Essen oder Menschen in seiner Umgebung. Während man langweilige Aufgaben erledigen muss, sollte man Häuser, Blumen oder Menschen auf ein Blatt Papier kritzeln. Man kann auch seine Gedanken bewusst abschweifen lassen und ihnen nachhängen. sychologen fanden heraus, dass solche Kritzeleien Achtsamkeit und Konzentration stärken und den Zeichnende helfenn, sich gedanklich von seiner langweilenden Umwelt abzukoppeln, sodass die Gedanken und Gefühle wieder in Fluss geraten und Kreativität fördern. Auf einer solchen Gedankenreise kann man sich u. U. von seinen kreativen Leerlaufgedanken überraschen lassen.

Gedankliche Leere tritt nach Niels Birbaumer ein, wenn Menschen nicht mehr zielgerichtet in Wörtern oder Sätzen denken, sondern wenn ihre Gefühle nachlassen, ihre Wünsche sich abschwächen oder sie sich in einem Diskurs nicht mehr verteidigen wollen, d. h., dann ist ihr Verteidigungssystem, Effekt- oder katastrophische Gehirn weniger aktiv, es überwiegen Alpha- und Thetawellen in den Gehirnströmen, die sonst nur bei Entspannung, Schlaf oder Meditation auftauchen. Dieser Zustand findet sich etwa bei Locked-in-Patienten, die vollständig gelähmt sind, nicht mehr sprechen, aber noch immer wahrnehmen können. Je weiter diese in ihrem eingeschlossenen Zustand fortgeschritten sind, sich diese also der Hoffnungslosigkeit ergeben haben, desto mehr Leere entsteht.
Es gibt für gesunde Menschen verschiedene Szenarien, in denen gedankliche Leere auftreten kann, etwa wenn man im Gleichschritt läuft, wandert, im Stadion brüllt, sich auf einer Technoparty bewegt. Solche gleichförmigen Tätigkeiten bewirken, dass die Hirnströme gleich getaktet werden und weniger gedacht wird.  Auch Entspannungstechniken wie autogenes Training oder Meditation, bei der man nur sein Atmen bewusst wahrnimmt oder innerlich ein Wort wiederholt, helfen Menschen dabei abzuschalten. Beim Rhythmus bestimmter Musik werden viele Gehirnareale synchronisiert, was ebenfalls das problembezogene Denken stoppen kann. Die radikalste Methode ist Floaten, bei dem Menschen in ein abgedunkeltes Becken mit konzentriertem Salzwasser steigen und sich einfach treiben lassen. Durch die künstlich erzeugte Schwerelosigkeit fühlen diese allmählich ihren Körper nicht mehr so stark (Wilhelm, 2016).

Langeweile ist für viele Menschen aber auch eine Triebfeder, denn Langeweile markiert für diese oft einen Startpunkt, gibt einen Motivationsschub, um aufzubrechen und etwas an der aktuellen Situation zu ändern. Zwar ist Langeweile zunächst nur ein höchst alltägliches Gefühl und ist eines unter anderen negativen Empfindungen wie Frustration, Erschöpfung oder Gleichgültigkeit, aber gelangweilte Menschen fühlen sich häufig zugleich einsam, wütend, traurig oder besorgt. Wie alle Empfindungen dient auch Langeweile einem selbstregulatorischen Zweck, denn wie andere Emotionen teilt sie mit, dass es Zeit ist, ein Bedürfnis zu befriedigen, in diesem Fall den Hunger des Geistes zu stillen. Langeweile kann daher ein Alarmsignal sein, dass es an der Zeit ist, die gegenwärtige Situation zu ändern. Erich Fromm bezeichnete das Gefühl der Langeweile einmal als Folter und führte aus, dass er sich die Hölle genau als jenen Ort vorstelle, an dem geistige Stille und Ödnis, somit Langeweile herrschten. Nach Søren Kierkegaard ist Langeweile sogar die Wurzel allen Übels im menschlichen Leben. Man hat auch empirisch entdeckt, dass dauerhaft gelangweilte Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit dem Glücksspiel verfallen, Drogen konsumieren, ungeschützte Sexualität betreiben und für Depressionen anfälliger sind.

Dabei sollte man aber unterscheiden: Chronische Langeweile wirkt meist negativ auf die Situation eines Menschen, aber die gelegentlich auftretende akute ­Version dieses Gefühl wirkt hingegen eher positiv. Gelangweilte Kinder lernen dadurch, ihre Antriebskraft zu verbessern und ihre Energie auf neue Ziele und Beschäftigungen zu richten. Auch Erwachsene treibt der geistige Hunger zu kreativen Leistungen. Langeweile wohn daher eine Kraft für Veränderung inne, denn Langeweile bekämpfen Menschen, indem sie nach für sie bedeutsamen und sinnstiftenden Erfahrungen suchen.

Siehe auch Boreout.

Literatur
Farmer, R. & Sundberg, N.D. (1986). Boredom proneness–the development and correlates of a new scale. J. Pers. Assess., 50, 4–17
Ganley, R. M. (1989). Emotion and eating in obesity: A review of the literature. Int. J. Eat. Disord., 8, 343–361.
Gielas, A. (2013). Hat Langeweile einen Sinn? Psychologie Heute, 40, 40-44.
Götz, T. & Frenzel, A. (2006). Phänomenologie schulischer Langeweile. Zeitschrift für entwicklungspsychologische und pädagogische Psychologie, 38, 149-154.
Wilhelm, K. (2016). Die Leere gibt uns einen freien Blick auf die Welt. Niels Birbaumer im Interview. Psychologie heute, 43, 64-68.




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