Altruismus

1. Definition
[zu lat. alter > der andere] der, -, die dem → Egoismus entgegengesetzte sittl. Einstellung, >für andere zu leben<, Selbstlosigkeit im Denken, Fühlen und Handeln. Nach sozialpsychologischen Forschungen ist der Altruismus nicht immer durch die Erwartung einer Belohnung erklärbar, dagegen aber als prosoziales Verhalten meist abhängig von sozialen Normen sowie Persönlichkeitsfaktoren und Situationsvariablen (z.B. Unselbstständigkeit des anderen) (vgl. Ohne Autor, 1986, Band I S. 450).
2. Definition
Altruismus beinhaltet, daß man das Wohlergehen, die Interessen und das Überleben anderer über das Eigenwohl, Selbstinteresse und das eigenen Überleben stellt. Praktisch bedeutet Altruismus, daß man sich in riskanten Situationen so verhält, daß Sicherheit, Interesse oder Leben anderer begünstigt werden, möglicherweise zu Lasten der eigenen Person (Zimbardo, 1988, S. 434).
3. Definition
[lat.], Selbstlosigkeit im Denken und Handeln, Nächstenliebe. Das Wort wurde als rein innergesellschaftlicher Begriff von Auguste Comte (1798 – 1857) eingeführt (Ohne Autor, 1995, S. 22).
4. Definition
Altruismus (lat. alter ‚der Andere‘) ist definiert als eine Verhaltensweise, die einem Individuum mehr Kosten als Nutzen einbringt zugunsten eines anderen Individuums (vgl. Lenzen, 2003, S. 112).
5. Definition
Altruismus [lat. alter > der andere], im Ggs. zum → Egoismus stehende Rücksichtnahme auf andere. Selbstlosigkeit im Denken, Fühlen und Handeln. Die sozialps. exp. Forschung hat zu zeigen versucht, daß >>helfende Verhalten<< keineswegs immer auf unmittelbar triebabhängige Belohnung zurückgeführt werden kann. Kognitivistische und mediationstheoretische Erklärungen verweisen auf die Wirksamkeit von Normen und Situationsvariablen (vgl. Dorsch, 1976, S. 24).

Anmerkung: Der Mensch ist eigentlich von Natur aus sozial und bereit zu helfen, wobei die menschliche Kultur vor allem durch Kooperation entstanden ist. Allerdings ist der Mensch von der Evolution her nicht auf Situationen angelegt, in denen er auf Fremde trifft, sondern er ist darauf angelegt, vor allem jenen Menschen zu helfen, die er gut kennt. Dabei dürfen das auch nicht zu viele sein, denn der Mensch hat sich in überschaubaren Gruppen entwickelt, wie es sie etwa noch auf dem Land gibt. Das Leben in der Stadt läuft unter völlig anderen Bedingungen ab, sodass die menschliche Hilfsbereitschaft in Extremsituationen auf engere Beziehungen beschränkt bleibt.

Altruismus und sozialer Status

Psychologische Untersuchungen zeigen, dass ein Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und den sozialen Überzeugungen und Handlungen von Menschen besteht, wobei Menschen mit geringem Prestige eher gemeinschaftliches Verhalten zeigen und an sozialer Gleichheit orientierte Werte vertreten, als solche, die einen hohen Status innehaben. Dieser Zusammenhang findet sich schon bei Kleinkindern, denn Vorschüler mit geringem Sozialprestige waren in Versuchen eher bereit, anderen Kindern zu helfen, selbst wenn das mit größerem Aufwand verbunden war. Dieses Muster der Beziehung zwischen sozialer Hierarchie und Altruismus taucht nach Untersuchungen von Guinote et al. (2015) auf, bevor die Kinder lesen können und bevor sie komplexe moralische Überlegungen und soziale Wahrnehmungen anstellen können. In einem Experiment wurden Kindern von durchschnittlich 4,7 Jahren jeweils zwei gleichaltrigen Kindern desselben Geschlechts zwei Spielzeuge zur Auswahl präsentiert: ein beliebtes und ein weniger beliebtes. Wer sich im Wettbewerb um das beliebtere Spielzeug durchsetzte, kann daher als höher stehend gelten. Danach wurden die Kinder gefragt, ob sie von Stickern, die sie erhalten hatten, einige an ein angebliches Kind im Krankenhaus ohne Sticker abgeben möchten, wobei die „Verlierer“ im Schnitt häufiger und mehr Sticker an vermeintlich kranke Kinder abgaben als die Gewinner. Für Erwachsene gilt Ähnliches, denn Menschen mit niedrigem Status helfen eher und zeigen eher altruistische Züge als Menschen mit höherem Prestige, die mehr Wert darauf legen, kompetent zu erscheinen als hilfsbereit. Das kann man auch im Alltag leicht beobachten, dass Bettler eher von jenen Menschen Geld erhalten, die selber nicht so weit von diesen im Hinblick auf ihren sozialen Status entfernt sind. Erwachsene mit geringerem Status ergreifen im übrigen auch häufiger einen Beruf, der der Gemeinschaft dient, und vertreten sozialere und universellere Werte als Menschen mit hohem Status. Man vermutet, dass Hilfsbereitschaft und partnerschaftliches Verhalten eine evolutionär begründete Anpassungsstrategie für Menschen in niedriger Position darstellt.

Es ist in der Psychologie daher umstritten, ob Altruismus angeboren oder anerzogen ist, doch ist es sehr wahrscheinlich, dass Kinder diesen Einstellung auch auf eine nonverbale Weise etwa über Modelle lernen. In Untersuchungen konnte man zeigen, dass schon Kleinkinder ab einem Alter von 15 Monaten einen Sinn für Fairness und Gerechtigkeit entwickeln, denn sie waren bereit, ihr Lieblingsspielzeug zu teilen oder bemerkten, wenn jemand weniger zu essen bekam als ein anderer, und reagierten darauf mit Überraschung.

Spiegelneuronen als weitere Basis von Altruismus und Empathie

2004 hatte Tania Singer erstmals nachgewiesen, dass das menschliche Gehirn mit den Gefühlen von anderen Menschen mitschwingt, indem etwa Frauen, deren Männer einen Schmerzreiz erhielten, Aktivität in denselben Gehirnregionen zeigten, wie wenn ihnen der Schmerz selbst zugefügt worden wäre. Diese Forschung basierte auf dem Konzept der Spiegelneuronen, das Neurobiologen in den 1990er-Jahren bei Makaken entdeckt hatten, wobei sie beobachteten, dass bestimmte Nervenzellen nicht nur feuerten, wenn ein Affe eine Bewegung selbst machte, sondern auch dann, wenn er dabei zusah, wie die Bewegung ein anderer ausführte. Ob Menschen altruistisch handeln, hängt im Übrigen auch stark von der individuellen Persönlichkeit und der Situation ab, denn allein Empathie führt noch nicht zu prosozialem Verhalten, schließlich kann sich auch ein Soziopath auch in die Lage eines anderen versetzen, nutzt dies aber zu seinen eigenen Zwecken. Ein wesentlicher Faktor für Altruismus ist nämlich auch, wie gut man sein Gegenüber kennt bzw. wie viele Gemeinsamkeiten mit diesem vorhanden sind.
Echte Empathie geht daher über den Prozess eines automatischen Kopierens hinaus und kann durchaus auch aktiv gesteuert werden, wobei es darum geht, zwischen den eigenen und den fremden Emotionen zu unterscheiden. Ob ein Zeuge eines Autounfalls Hilfe leistet oder sich aus einer Stressreaktion heraus abwendet, hängt davon ab, inwieweit die Person die negativen Eindrücke mit seinen eigenen Gefühlen vermischt. Im Gehirn ist der rechte temporoparietale Übergangskortex für die Abgrenzung zwischen Selbst und Anderem zuständig, dann ist er aktiv, dann gelingt die Unterscheidung zwischen eigenen und fremden Empfindungen. Ein solcher konstruktiver Umgang mit Emotionen, ohne die Empathie zu verlieren, muss und kann trainiert werden, denn schließlich darf sich auch ein Arzt oder Psychotherapeut nicht von seinem Mitgefühl für den Klienten überwältigen lassen.

Es gibt auch negative Auswirkungen des Altruismus: Menschen, die überzogen selbstlos und altruistisch sind, die helfen, weil sie hoffen, dadurch von anderen Anerkennung zu bekommen, sind gefährdet, an Depressionen, einem Helfersyndrom und Burnout zu erkranken, da sie eigene Bedürfnisse völlig vernachlässigen, sich selbst ausbeuten und sich überfordern.

Altruismus bei Menschenaffen

In einer Studie (Steve Chang et al., 2012) an Menschenaffen konnte gezeigt werden, dass Altruismus ofenbar im Gehirn verankert ist, d. h., im Gehirn von Affen gibt es Nervenzellen, die auf Uneigennützigkeit spezialisiert sind: Sie sitzen in einem kleinen, gefurchten Bereich hinter den Augen und werden vor allem dann aktiv, wenn ein Tier einem anderen bewusst eine Belohnung zukommen lässt. Frühere Studien hatten gezeigt, dass altruistische Entscheidungsprozesse im vorderen Teil des Gehirns stattfinden, vor allem im orbitofrontalen Cortex. Allerdings entscheidet diese Region nicht allein darüber, wie uneigennützig ein Affe handelt, sondern zwei weitere Areale in direkter Nachbarschaft (der tiefer liegende Gyrus cinguli und der direkt darüber liegende Sulcus cinguli) bewerten zusätzlich, wie wichtig diese Belohnung für die Gemeinschaft bzw. wie der Wert für das persönliche Wohlergehen einzuschätzen ist. Man vermutet, dass auch beim Menschen ein ähnliches Zusammenspiel von Gehirnarealen über den Grad an sozialem oder antisozialem Verhalten entscheidet.

Beziehung vor Gerechtigkeit bei Kindern

In drei Experimenten an  Kindern im Alter zwischen drei und sechs Jahren prüfte Paulus (2016), nach welchen Kriterien das Teilen von Besitztümern – hier in Form von Stickern –  vor sich geht. Die Kinder sollten dabei entscheiden, wie sie die Aufkleber entweder zwischen sich selbst, einem guten Freund und einem unbeliebten Spielkameraden teilen, oder nur zwischen einem beliebten und einem unbeliebten Kameraden, oder zwischen einem guten Freund und einem fremden Kind. Es zeigte sich, dass sie dabei beim Teilen der Sticker selbst fremden Kindern mehr Aufkleber gaben als einem unbeliebten Kameraden, insbesondere im Alter zwischen fünf und sechs Jahren. Das liegt vermutlich daran, dass Kinder in diesem Alter schon festere Freundschaften schließen und daher auch besser verstehen, dass Kameraden ihr großzügiges Verhalten vermutlich irgendwann erwidern werden, während sie das von Unbeliebten eher nicht erwarten. Den Kindern war demnach Freundschaft wichtiger als Fairness.

Siehe dazu auch der Gerechte-Welt-Glaube.

Literatur & Quellen

Chang, S. W. C., Gariépy, J.-F. & Platt, M. L. (2012). Area of Monkey Brain Keeps Tally of Altruistic Acts. Nature Neuroscience dx.doi.org/10.1038/nn.3287.
Dorsch, F. (1976). Psychologisches Wörterbuch. Bern: Verlag Hans Huber.
Guinote A. P. S., Guinote A., Cotzia I., Sandhu S. & Siwa P. (2015). Social Status Modulates Prosocial Behavior and Egalitarianism in Preschool Children and Adults. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America.
Lenzen, M. (2003). Evolutionstheorien in den Natur- und Sozialwissenschaften. Frankfurt/Mainz: Campus Verlag.
Ohne Autor (1986). Enzyklopädie (Band I S. 450). Mannheim: Brockhaus Verlag.
Ohne Autor (1995). Lexikon der Psychologie (S. 22). Gütersloh: Bertelsmann Lexikon Verlag.
Paulus, M. (2016). Friendship trumps neediness: The impact of social relations and others’ wealth on preschool children’s sharing. Journal of Experimental Child Psychology, 146, 106–120.
Zimbardo, P. (1988). Psychologie. Berlin: Springer Verlag.
DER STANDARD vom 21. Dezember 2011.
http://www.berliner-zeitung.de/25002272 (16-11-01)





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