Lateralisierung

Als Lateralisierung oder Lateralisation bezeichnet man in der Entwicklungspsychologie die Verlagerung von neuronal gestützten Funktionen auf jeweils eine bestimmte Hirnhälfte, es kommt dabei zu einer  hemisphärische Aufgabenteilung von Gehirnfunktionen.

Zu Beginn der Hirnreifung stehen die beiden Hirnhälften bei bestimmten Funktionen zunächst in Konkurrenz zueinander, doch mit zunehmendem Alter kommt es zu Spezialisierungen:

  • linke Hirnhälfte: serielle Verarbeitung von Informationen, Sprache;
  • rechte Hirnhälfte: parallele Verarbeitung von Informationen, räumliche Leistungen.

Ein besonderer Aspekt der Lateralisierung ist die Entwicklung der Händigkeit, die etwa ab dem zweiten Lebensjahr offenkundig wird und zumeist nach dem fünften Lebensjahr stabile Präferenzen zeigt: etwa 93% rechts, 7% links.

Bei jeder Denkaufgabe sind im Gehirn charakteristische, besonders auf die jeweilige Aufgabe spezialisierte Areale aktiv, wobei diese in vielen Fällen in einer Hemisphäre stärker aktiv sind, etwa für die Sprachverarbeitung ist dies die linke Hemisphäre. Bei älteren Menschen ist diese Lateralisation bei Gedächtnisaufgaben zumindest teilweise aufgehoben, d. h., Gedächtnisaufgaben, die bei Jüngeren nur in einer Hemisphäre Aktivität hervorrufen, lassen bei Älteren beide Seiten aktiv werden. Indem die andere Hemisphäre zusätzlich zur Leistungssteigerung herangezogen wird, wirkt das Gehirn vermutlich seiner eigenen, altersbedingten Erosion entgegen. Um diese Hypothese zu überprüfen, stellt man in einer Untersuchung (Höller-Wallscheid et al., 2017) des Arbeitsgedächtnisses,  jungen wie alten Probanden Aufgaben, die für sie subjektiv gleich schwer zu lösen waren, und zwar bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit: Wiederholtes Einprägen einer wechselnden Buchstabenfolge, räumlichen Positionen oder komplexen Figuren. Dabei wurde mittels fMRT die Gedächtnisaktivität in beiden Hemisphären verglichen. Bei leichten Aufgaben registrierte man eine höhere Aktivität in der linken Hemisphäre, bei schwierigen Aufgaben zeigte sich in beiden Hemisphären erhöhte Aktivität, jedoch nicht nur bei älteren, sondern auch bei jüngeren Probanden, sodass die vorübergehende beidseitige Nutzung von ansonsten einseitig aktiven Gehirnarealen also doch kein im Alter entwickelter Kompensationsmechanismus ist. Die vermutete Aufhebung der Lateralisation liegt also eher daran, dass das Arbeitsgedächtnis im Alter weniger leistungsfähig wird. Vielleicht  lässt das Gedächtnis im Alter aber gar nicht nach, sondern hat nur mehr und mehr Erinnerungen zu verarbeiten und wird dadurch weniger belastbar.

Quellen & Literatur

Höller-Wallscheid, Melanie S., Thier, Peter, Pomper, Joern K. & Lindner, Axel (2017). Bilateral Recruitment of Prefrontal Cortex in Working Memory Is Associated with Task Demand but Not with Age. Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.1601983114.
http://entwicklungsdiagnostik.de/glossar.html (12-11-21)





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