Massenpanik

Das Wort Panik ist vom griechischen Hirtengott Pan hergeleitet, der während seiner Ruhe um die Mittagsstunde jeden, der ihn zu dieser Zeit störte, in „panischen“ Schrecken versetzte und fortjagte. So soll er Tierherden aufgeschreckt und durch sein Erscheinen eine Massenflucht ausgelöst haben.
Der Anlass für eine Massenpanik spielt im Allgemeinen kaum eine Rolle, denn der Faktor Menschenmasse gibt meist den Ausschlag, wenn die Vernunft kollektiv aussetzt bzw. die Vernunft des Einzelnen von einer kollektiven Vernunft überwältigt wird. Oft tritt Panik in Stresssituation auf, also bei plötzlichem Lärm, hellem Licht, vielen unterschiedlichen Gerüchen, plötzlicher Bewegung von zu vielen Menschen, denn dann versucht der menschliche Körper automatisch, aus dieser Stresssituation herauszukommen. Menschen haben in der großen Menge oft das Gefühl, komplett auf sich gestellt zu sein, was bei manchen den Stress und damit die Panik verstärkt. Es kann dabei Atemnot und das Gefühl auftreten, plötzlich keinen Halt und keine Bodenhaftung mehr zu haben. In einer solchen Situation tendieren manche Menschen zu ungewöhnlichen Verhaltensweisen: Entweder sie erstarrten d.h., sie bleiben einfach stehen und sind daher den Handlungen anderer ausgeliefert, oder sie handeln völlig planlos und zufällig. Meist versuchen Menschen, sich in einer solchen Situation mit Hilfe der Ellbogen Platz zu verschaffen. Häufiger machen Menschen aber auch bloß nur das, was die anderen in der wahrnehmbaren, unmittelbaren Umgebung tun, wobei diese soziale Nachahmung dann oft zu dem für einen außen stehenden Beobachter nur scheinbar kollektiven Verhalten führt.
Aufgrund des aktuellen Zustandes oder eines Ereignisses setzt bei den Betroffenen die Vernunft aus, die sonst ein Einschätzen der Situation erlaubt, wobei die Panik des Einzelnen nicht nur für den Betroffenen gefährlich ist, da er in einem Dominoeffekt andere mitreißt. Menschen geraten daher auch in der Masse in der Regel nicht massenweise in Panik, sondern es geschieht nur in Massen häufig, dass einzelne Menschen in einen Panikzustand geraten, doch können diesen meist die anderen Personen in ihrer Umgebung helfen und zur Beruhigung beitragen.
Kollektiv bedrohliche Ereignisse wie eine dicht zusammengedrängte Menschen erhöhen dabei das Risiko, dass einzelne Personen auch auf Grund innerpsychischer Zustände in Panik geraten und der erwähnte Dominoeffekt eintritt. Aus irgendeinem Grund gerät dann durch Ansteckung eine größere Menschenansammlung in einen spezifischen Angstzustand, wobei die Ursache für normale Umstände klein und nichtig sein kann.
Allerdings muss eine Menschenansammlung nicht zwangsläufig zu einer solchen Reaktion führen muss, d.h., Ursache und Auswirkung sollten immer getrennt betrachtet werden. In einer größeren Ansammlung können plötzlich alle das Gefühl haben, ein bestimmtes Ziel erreichen zu müssen, etwa einem Ausgang oder Aufgang zuströmen zu müssen.Wenn dann eine eine kritische Masse überschritten ist – diese liegt schon bei ein paar Dutzend Menschen unter beengten Bedingungen, lassen sich derartige Menschenansammlungen dann kaum mehr kontrollieren. In großen Menschengruppen schaukelt sich allein auf Grund der Masse die Panik abseits aller rationaler Kontrolle des Einzelnen auf. Wer panisch ist, handelt in der Folge völlig irrational und trifft Entscheidungen, die vernünftig nicht mehr zu erklären sind. Wer panisch ist, handelt meist auch ohne Rücksicht auf Verluste und sucht den eigenen Vorteil auf Kosten und zum Schaden anderer. Aus Simulationen weiß man, dass z.B. Menschen, die aus einem Raum flüchten wollen, sich auf Grund räumlicher Bedingungen oft gegenseitig blockieren, d.h., es tritt „Stillstand durch Bewegung“ auf, denn die Hinteren schieben und beim Ausgang oder an einer Engstelle werden Menschen zu Tode gedrückt.
In vielen Fällen wird der Begriff falsch verwendet, denn bei Massenpaniken kann man im Nachhinein meist sehr wohl genaue Ursachen und Bedingungen eruieren, die für das Auftreten der Massenpanik verantwortlich waren. Das Verhalten einer Masse folgt einer eigenen Dynamik, der sich der Einzelne oder kleinere Gruppen gar nicht entziehen können. Wenn eine Menge von Tausenden oder gar Hunderttausenden in Bewegung gerät, herrscht das Prinzip der Selbstorganisation nennen, d.h., es entwickelt eine kollektive Vernunft bzw. Unvernunft, wobei es oft nur für den Außenstehenden bzw. im Nachhinein so wirken man. Ein solches sich selbst organisierendes chaotisches System ist von außen ab einem bestimmten Punkt auch unkontrollierbar und auch unkalkulierbar, da es das Momentum des Handelns nur aus sich selbst heraus entwickelt. Menschen als soziale Wesen tauschen sich auch in der Menge stets aus und beeinflussen einander, sie befinden sich in einer bestimmten gleichgerichteten Stimmung, die sich in der jeweiligen Situation mit imer wieder neu aufkommenden Gefühlen mischt – das kann man sehr gut bei Popkonzerten beobachten.
Aus katastrophalen Ereignissen ist aber auch bekannt, dass Menschen in schwerer Bedrängnis auch im positiven Sinn nicht mehr wie isolierte Individuen handeln, die nur sich selbst und ihr eigenes Wohl im Kopf haben, sondern sie suchen auch in extremer Gefahr die physische Verbindung zu Menschen, die ihnen emotional nah sind und unterstützen einander oft unter Aufgabe ihrer eigenen Interessen. Allerdings kann das etwa bei Männern in der Masse eine Art Beschützerinstinkt auslösen, sodass diese für ihre Partnerinnen zu kämpfen beginnen und so eine Massenpanik befördern.
Unterschieden werden muss die Massenpanik von der Panikattacke des Einzelnen – die aber sehr wohl als Auslöser für eine Massenpanik fungieren kann -, denn diese ist eine individuelle auftretende abgrenzbare Periode intensiver Angst und starken Unbehagens. Sie besteht für den Betroffenen meist aus mehreren, plötzlich und unerwartet („wie aus heiterem Himmel“), scheinbar ohne Ursachen auch in objektiv ungefährlichen Situationen auftretenden somatischen und kognitiven Symptomen von subjektiv oft lebensbedrohlich erlebtem Charakter
Der Soziologe Dirk Helbing, Mitbegründer der Panikforschung, beschreibt einige der Merkmale einer Massenpanik:

  • Menschen bewegen sich deutlich schneller als normal.
  • Drücken und Schubsen beginnt, Körperkontakt wird intensiver, das Vorwärtskommen wird unkoordinierter.
  • Erste Stauungen an den Ausgängen.
  • Menschen werden eingeklemmt, der Druck wächst: Kräfte von bis zu 4,5 Tonnen pro Quadratmeter können Mauern zum Einsturz bringen.
  • Tote, Verletzte und die am Boden ums Überleben kämpfenden Menschen stellen weitere Hindernisse dar.
  • Die Betroffenen beginnen, sich am Verhalten der anderen zu orientieren.
  • Andere Ausgänge werden übersehen oder nicht mehr genutzt.

Faktoren für die Entstehung von Panik

Folgende Faktoren können einzeln oder häufiger in Kombination zum Entstehen einer Panik beitragen:

  • Enge: Begrenzte Bereiche, insbesondere wenn Mauern, Gräben oder Wände einer schnellen Auflösung einer Menschenansammlung entgegenstehen.
  • Organisation: Fehlen von geordneten Strukturen, glaubwürdiger Führung oder erkennbaren Autoritäten. Dies kam besonders bei Paniken in Sportstadien oder bei Hotelbränden in der Vergangenheit regelmäßig vor.
  • Prävention: Mangel an Vorbereitung zur Panikvermeidung durch Sicherheitsdienste und Polizei.
  • Phantasien: Glaubwürdige Bedrohungsbefürchtungen (auch in einem unbestimmten Umfang) in der Menschenansammlung.
  • Vorliegen einer panikgeneigten, emotionalen Massenorientierung. Diese stellt sich in allgemeiner Aufgeregtheit, Erregung und innerer und äußerer Unruhe dar. Diese Spannung kann durch erkennbare Bedrohung oder durch Gerüchte enorm verstärkt werden.
  • Dominoeffekt: Gegenseitige Ansteckung in der Menschenansammlung durch Demonstration von Angst, Ratlosigkeit, Pessimismus in der Beurteilung der Lage und irrationalem Aktionismus. Diese Ansteckung kann auch von einzelnen sogenannten „Panikpersonen“ ausgehen.
  • Mangelndes Vertrauen der Betroffenen in die Kompetenz der Ordnungs- und Sicherheitskräfte bei einer eingetretener Krisenlage. Dadurch wird die Herstellung einer antriebslenkenden und .absorbierenden Ordnung erschwert oder unmöglich gemacht.

Literatur

Helbing, D. & Johansson, A. (2009). Pedestrian, Crowd and Evacuation Dynamics (p. 6476-6495). In Meyers Encyclopedia of Complexity and Systems Science. Berlin: Springer.
OÖN vom Mittwoch, 28. Juli 2010.




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