retrospektive Studie

Eine retrospektive Studie ist eine Untersuchung, bei der von der Gegenwart ausgehend die Vorgeschichte eines Menschen untersucht wird bzw. wenn man von einem Ergebnis ausgehend die zurückliegenden Einflussgrößen untersucht. In vielen psychologischen Fragebogen- oder Interviewstudien ist es unvermeidlich, retrospektive Fragen über zurückliegende Ereignisse, persönliche Erfahrungen oder Ereignisse zu stellen, da sich bekanntlich die gegenwärtige Lebenslage und das aktuelles Verhalten von Menschen von zurückliegenden Lebensabschnitten als abhängig darstellt. Bei allen Methoden muss daher berücksichtigt werden, dass eine zuverlässige Erhebung retrospektiver Daten eine spezielle Frage- und Interviewmethodik erfordert.
Bei retrospektiven Untersuchungen stellen sich dabei zwei methodische Probleme: Wie valide sind die Antworten auf retrospektive Fragen bzw. bei welchen Fragen ergeben sich besondere Validitätsprobleme, etwa auf Grund von Vergessen oder Verdrängen von Ereignissen? Mit welchen allgemeine Befragungsstrategien kann man daher die Zuverlässigkeit retrospektiver Fragen verbessern? Die Zuverlässigkeit von Antworten wird dabei einerseits vom Zeithorizont als auch andererseits von der Art der Ereignisse bestimmt, doch verändert sich die Gültigkeit der Antworten nicht einfach linear mit der Zeit, sondern das Erinnerte ist häufig mit der Art von Ereignissen bzw. Aktivitäten verbunden, denn bei manchen Themen können auch lang zurückliegende Geschehnisse zuverlässig erinnert werden, während hingegen bei manchen Fragen schon nach Kurzem Erinnerungsprobleme zu finden sind. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Zentralität des Ereignisses, die sich aus der emotionalen Intensität, dem Ausmass, dem Aspekt, ob es einen Wendepunkt im Leben darstellt, und dem damit verbundenen sozialen Impakt zusammensetzt.
Eine Möglichkeit, die Zuverlässigkeit der Erinnerung an weit zurückliegende biographische Daten und Ereignisse zu verbessern, liegt darin, sie mit wichtigen zeitgeschichtlichen Ereignissen zu verknüpfen. Auch der Kontext, in dem Ereignisse geschahen, hat einen bedeutsamen Effekt auf das Erinnerungsvermögen, weshalb positive Ereignisse besser erinnert werden als negative Ereignisse. Wichtig ist es daher, den Befragten genügend Zeit zur Rückerinnerung zu lassen wird und das Tempo der Befragung bei solchen Fragen zu reduzieren, den Befragten die Möglichkeit zu eröffnen, im Verlaufe der Befragung auf frühere Fragen zurückzukommen, etwa um Daten zu korrigieren oder Ergänzungen anzubringen. Eine weitere Möglichkeit ist das Herstellen von assoziativen Querverbindungen zwischen Erinnerungsfragen, um assoziativ die Qualität der Rückerinnerung zu vergrössern. Hilfreich kann ein lebensgeschichtlicher Kalender oder eine Zeitleiste benützt werden, der es erlaubt, zwischen verschiedenen Lebensereignissen assoziative Verknüpfungen zu machen.



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