Sauberkeitserziehung

Die Fähigkeit sauber und trocken zu werden, beinhaltet unbewusste Körpervorgänge und Körpergefühle bewusst werden zu lassen, wobei wissenschaftlich betrachtet Kinder selbst den richtigen Zeitpunkt dafür bestimmen. Immer noch wird die Sauberkeit eines Kindes als Maßstab für eine gute Erziehung verwendet und dieser Gesellschaftsdruck überträgt sich zwangsläufig von den Eltern auf das Kind, denn Druck macht Stress und dieser behindert, macht unsicher und hemmt die Wahrnehmung für den eigenen Körper. Ohne sensible Wahrnehmung und Zuordnung von Körpergefühlen und Vorgängen im Körper, wird ein Kleinkind sich schwerer tun, seine Ausscheidungen zu kontrollieren. Kleine Kinder provozieren häufig die Reinlichkeitsvorstellungen der Eltern, untersuchen alles, was schmutzig ist oder stinkt, d. h., sie kennen zunächst auch keinen Ekel vor den eigenen Ausscheidungen und finden nichts dabei, sie anzugreifen und damit zu hantieren. Selbst wenn sie später gelernt haben, das nicht mehr zu tun, besitzen sie noch lange eine Freude daran, die sie vor ihren Eltern verbergen.
Ein Begriff wie Sauberkeitserziehung oder Reinlichkeitserziehung legt nahe, diesen Entwicklungsschritt isoliert von der Gesamtheit des sich entwickelnden Kindes zu betrachten, wobei unausgesprochen mitschwingt, dass es ein Problem zu lösen gilt. Das Erlangen der Kontrolle über Blase und Schließmuskel unterliegt wie vieles in der kindlichen Entwicklung Reifungsprozessen, die immer vernetzt mit anderen Entwicklungsschritten wie z.B. die Entwicklung des eigenen Willens und der Handlungskontrolle sind, sodass die Sauberkeitserziehung nicht isoliert von der gesamten Entwicklung eines Kindes betrachtet werden kann.

Nach Untersuchungen führt ein früher Beginn der Reinlichkeitserziehung zwar nicht zu vermehrten Problemen wie Verstopfung, Stuhlverhalten oder Angst vor dem Toilettenbesuch, jedoch ist das frühe Erlernen des Stuhlgangs in der Regel auch mit einer wesentlich längeren Lernphase verbunden. Man rät daher heute, nicht vor dem 26. Lebensmonat – mit einem sehr großen Schwankungsspielraum – mit der Sauberkeitserziehung zu beginnen, da sehr oft Rückschläge durch zu frühes Toilettentraining zu beobachten sind, und die Phase des Sauberwerdens dann umso länger dauert. Etwa um diese Zeit hat ein Kind überhaupt die Fähigkeit, Blasen und Darmmuskulatur zu beherrschen.

Mit der Sauberkeitserziehung eng verknüpft ist auch die Hygiene und die Erziehung zur Ordnung verbunden, denn auf Sauberkeit und gepflegtes Äußeres besonders zu achten, hat seine Wurzeln in der Geschichte, denn schmutzig sein und schlecht riechen war kennzeichnend für die Armen, die schwere und schmutzige Arbeit im Schweiße ihres Angesichts verrichten mussten. Sauber zu sein, saubere Kleidung und saubere Fingernägel zu haben war das Privileg der Begüterten, die Gelegenheit, Zeit und Geld genug hatten, sich zu pflegen.
Ordnung und Sauberkeit werden oft mit Moral verknüpft, denn ordentlich und sauber sind nicht nur Bekleidung und Hände, sondern auch Gedanken, der Charakter. Wer unordentlich und unsauber ist, sollte sich schämen, bei auf Grund des Halo-Effektes muss man bei einem solchen Menschen auch sonst mit einigem rechnen.

Die Gleichsetzung von Sauberkeit und Moral ist aus prüderen Zeiten geblieben, in denen Körperliches an sich etwas Schmutziges und Anrüchiges war, d. h., der Körper musste verhüllt und verleugnet werden, man durfte ihn kaum sehen und schon bestimmt nicht riechen. Die sinnliche Lust, die man im ungehemmten Umgang mit dem eigenen Körper, seinen Funktionen und Gerüchen empfinden kann, durfte nicht sein, war verdächtig und gefährlich. Sich rein zu halten schützte auch vor dieser gefährlichen Nähe zur Sinnlichkeit und Sexualität. Menschen, die durch eine sehr rigide Erziehung glauben, schmutzige” Gedanken, oft sexueller Natur, verdrängen und vor anderen verbergen zu müssen, entwickeln manchmal das zwanghafte Bedürfnis, sich unentwegt zu waschen. Einige Zwangsneurosen haben ihren Ursprung in der Kindheit. d. h., manchmal liegt einer Zwangsneurose eine strenge Sauberkeitserziehung zu Grunde. Nach Freud kann eine zwanghafte Sauberkeitserziehung zu manischen oder zwanghaften Persönlichkeitstypen führen, die sich  durch starke Unterdrückung von Aggressionen, Überkontrolliertheit, Geiz und extreme Reinlichkeit auszeichnen. Es kommt bei solchen manischen Persönlichkeiten zu einer starken Trennung zwischen Vorstellungen und tatsächlichen Gefühlen.
Auch die Werbung knüpft oft an solche unbewussten Ängste an, indem sie vor allem Frauen ein schlechtes Gewissen zu machen sucht, wenn sie etwas nicht sauber genug gewaschen oder geputzt haben.




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