Hempel-Opppenheim-Schema

In der Psychologie gibt man sich häufig nicht mit der Beschreibung von Sachverhalten zufrieden, sondern man versucht, diese Sachverhalte darüber hinaus auch zu erklären, wobei Erklärungen Antworten auf Warum-Fragen darstellen und Angaben über Bedingungen von bzw. Abhängigkeiten zwischen Sachverhalten enthalten. Die häufigste Form der Erklärung in der Psychologie ist die Erklärung nach dem Subsumptionsmodell, in dem der zu erklärende Sachverhalt unter ein allgemeines Gesetz subsumiert wird. Dieses deduktiv-nomologische Modell der wissenschaftlichen Erklärung eines Kausalzusammenhangs dient sowohl zur Erklärung von allgemeinen Gesetzmäßigkeiten als auch von einzelnen sprachlich beschreibbaren Ereignissen, und wurde von Carl Gustav Hempel und Paul Oppenheim 1948 vorgeschlagen und ist als Hempel-Oppenheim-Schema in die Wissenschaftstheorie eingegangen.

Die Erklärung nach dem Hempel-Opppenheim-Schema bzw. Subsumptionsmodell besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen: dem Explanandum, also dem Sachverhalt, der erklärt werden soll, und dem Explanans, der Erklärung selbst. Diese Erklärung untergliedert sich in ein allgemeines Gesetz und einer eine Antezedens- bzw. Randbedingung, die dem zu erklärenden Sachverhalt vorausgeht.  Vor der Erklärung muss dabei sichergestellt werden, dass die Sachverhalte im Explanandum und in der Antezedensbedingung sich den Beschreibungsklassen zuordnen lassen, die im psychologischen Gesetz spezifiziert sind. Erklärungen setzen daher immer exakte Beschreibungen voraus, denn ein Sachverhalt ist nie als solcher eine Erklärung, sondern immer nur unter einer bestimmten Beschreibung. Sachverhalte sind auch nicht an und für sich Explanans oder Explanandum, denn in einem anderen Zusammenhang kann die Antezedensbedingung der einen Erklärung selbst Explanandum einer anderen Erklärung sein. Man unterscheidet dabei zwei Arten von Erklärungen: Bei einer Erklärung erster Ordnung wird der bedingende Sachverhalt im Explanans auch als unabhängige Variable bezeichnet, der bedingte bzw. zu erklärende Sachverhalt im Explanandum als abhängige Variable. Allerdings besteht in der Psychologie ein Interesse an Erklärungen der Erklärungen, denn man will etwa wissen, warum etwa Lernen mit Pausen in der Regel effektiver als Lernen ohne Pausen ist. Solche Erklärungen von Erklärungen werden als Erklärungen zweiter Ordnung bezeichnet, wobei ihr Schwerpunkt in der Regel auf den vermittelnden Prozessen zwischen den relevanten Sachverhalten im Individuum liegt, in diesem Beispiel also etwa auf Prozessen der Gedächtnisorganisation und –struktur bezogen. Diese vermittelnden Konstrukte, die der Beobachtung nicht direkt zugänglich sind, werden als hypothetische Konstrukte bezeichnet.

Vorannahmen haben stets einen Einfluss darauf, wie WissenschaftlerInnen ihren Gegenstand sehen, wobei solche Vorannahmen zu falschen Schlussfolgerungen führen können, wenn man empirisch einen Zusammenhang zwischen zwei Sachverhalten ermittelt hat und nun der Überzeugung ist, dass man auf Grund der Daten versucht ist, den gefundenen Zusammenhang  im Sinne eines Ursachengefüges zu interpretieren. Daher muss in der empirischen Psychologie immer beachtet werden, dass Zusammenhänge nicht immer gleich Ursache-Wirkung darstellen.

Neben dem Begriff der Erklärung spielt im H-O-Syllogismus auch der Begriff der Prognose eine bedeutsame Rolle, denn  zwischen Erklärung und Vorhersage besteht eine strukturelle Identität oder Ähnlichkeit, wobei der Unterschied bloß pragmatisch ist. Wenn nämlich das Explanandum in dem Sinne vorgegeben ist, dass man bereits weiß, dass der durch das Explanandum beschriebene Sachverhalt stattgefunden hat, und wenn die Antecedensbedingungen und die Gesetze nachträglich zur Verfügung gestellt werden, aus denen zusammen das Explanandum ableitbar ist, so spricht man von Erklärung. Wenn allerdings die Antecedensbedingungen und die Gesetze gegeben sind und das Explanandum vor dem Zeitpunkt abgeleitet wird, bevor es stattfindet, dann spricht man von einer Vorhersage.

Literatur
Hempel, Carl Gustav  & Oppenheim, Paul (1948). Studies in the Logic of Explanation. Philosophy of Science, 15, 135-175.
Stangl, Werner (1989). Das neue Paradigma der Psychologie. Die Psychologie im Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Braunschweig: Friedr. Vieweg & Sohn.



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