mimetisches Lernen

Mimetisches Lernen ist ein Lernen durch Anschauung und Nachahmung, wobei Bewegungen und Bewegungsabläufe nicht einfach kopiert werden, sondern durch jeden einzelnen Menschen und seine Bewegungsfähigkeiten individuell erfasst und gestaltet. Schon Platon hat auf die starke mimetische Veranlagung des Menschen hingewiesen und betont, dass Kinder und Jugendliche soziales Verhalten in der Begegnung mit anderen Menschen erfahren und erwerben. Dabei werden mit allen Sinnen Verhaltensweisen und körperliche Handlungen aufgenommen und inkorporiert, d. h., in den eigenen Körper eingeschrieben. Die kulturellen Bedingungen schreiben sich daher schon in das Gehirn und in die Körper von Kindern ein, denn wer nicht in diesem Alter Sehen, Hören oder Sprechen gelernt hat, kann es zu einem späteren Zeitpunkt kaum mehr erlernen.

Die mimetischen Bezugnahmen der Säuglinge und Kleinkinder lassen zunächst keine Subjekt-Objekt-Trennung entstehen, denn diese ist erst das Ergebnis späterer Entwicklungen. Zunächst ist die Wahrnehmung der Welt magisch, wobei nicht nur die Menschen sondern auch die Dinge der unmittelbaren Umgebung als lebendig erlebt werden. Mimetisches Lernen ist dabei ein sinnliches, körperbasierendes Lernen, in dem Bilder, Schemata, Bewegungen praktischen Handelns erlernt werden, wobei sich das meiste weitgehend unbewusst vollzieht und gerade dadurch nachhaltige Wirkungen erzeugt, die in vielen Bereichen der Kulturentwicklung eine Rolle spielen. In diesen frühen Prozessen des Austauschs lernen Kleinkinder auch Gefühle, wobei sie vor allem lernen, diese in Bezug auf andere Menschen in sich selber zu erzeugen und sie auch bei anderen Menschen hervorzurufen.

Durch mimetische Prozesse eignet sich der Mensch aber vor allem kulturell geprägtes Körperwissen an. Es ist daher vor allem performatives Wissen, das nur mit der Ausführung der Bewegung sichtbar wird und an andere weitergegeben werden kann, etwa im Sport, im Tanz, in der Musik und generell in der Kunst. Die performative Intelligenz ermöglicht dabei ein rasches Erlernen durch die nachahmende Ausführung, wodurch der Mensch fähig wird, qualitativ hochstehende Bewegungsabläufe auszuführen.

Kulturelles Lernen ist weitgehend mimetischen Lernen, d. h., ein mimetischer Bezug steht im Zentrum vieler Prozesse der Bildung und Selbstbildung, die sich auf Menschen, soziale Gemeinschaften und Kulturgüter richten. Mimetische Prozesse richten sich zunächst vor allem auf andere Menschen, es ist daher grundlegend soziales Lernen. Schon Säuglinge und Kleinkinder nehmen dabei auf Menschen ihrer Umgebung Bezug: Eltern, ältere Geschwister, andere Verwandte und Bekannte. So versuchen sie z.B. ein Lächeln mit einem Lächeln zu beantworten, wodurch sie durch die Anwendung bereits erworbener Fähigkeiten die entsprechenden Reaktionen der Erwachsenen auslösen. Nach Wulf (2005) beruht soziales Handeln weitgehend auf inkorporiertem Wissen, bildet sich in Sprach- und Handlungsspielen, entsteht im Gebrauch, ist gestisch und widersetzt sich der Reduktion auf Intentionalität und Funktionalität, denn es ist auch expressiv, ostentativ und ludisch.

Literatur
Taussig, M. (1993). Mimesis and Alterity.  New York: Routledge.
Wulf, Ch. (2004). Anthropologie. Geschichte, Kultur, Philosophie. Reinbek.
Wulf, Ch. (2005). Zur Genese des Sozialen. Mimesis, Performativität, Ritual. Bielefeld.





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