soziale Ansteckung

Der Begriff der sozialen Ansteckung bezeichnet das Phänomen, dass es zwischen Menschen eine Form der emotionalen Übertragung gibt. Durch soziale Ansteckung können sich also Stimmungen, Gefühle, Unehrlichkeit, Einsamkeit, Zigarettenrauchen und Anderes in einer Gesellschaft ausbreiten. Was Menschen fühlen und wie sie sich verhalten, entscheiden sie häufig nicht alleine, denn auch die Psyche kann sich der Macht des Sozialen nicht entziehen, wobei die heute weit gespannten Online-Netzwerke  die Macht der sozialen Epidemien verstärken und erweitern.

Der Medizinhistoriker Justus Hecker berichtete im 19. Jahrhundert über eine Tanzwut, die sich in Aachen im Jahr 1374 kurz nach der großen Pest ausbreitete: “Hand in Hand schlossen sie Kreise, und ihrer Sinne anscheinend nicht mächtig, tanzten sie stundenlang in wilder Raserei, ohne Scheu vor den Umstehenden, bis sie erschöpft niederfielen.” Auch wenn, wie häufig angenommen, die drogenähnliche Wirkung von Pflanzengiften als Ursache hinzukam, hatte die spezielle Ausprägung der Symptome eindeutig sozialen Charakter. 1974 wies zudem der Soziologe David Phillips nach, dass sich Menschen eher umbringen, wenn sie von den Suiziden anderer hören oder lesen (Werther-Effekt). So korrelierte die Selbstmordrate in den Jahren 1947 bis 1968 mit der Suizid-Berichterstattung in der New York Times: Machte die Zeitung mit dem Thema auf, stieg die Zahl der Selbstmörder.
Auch psychische Störungen können von einem Menschen zum anderen springen, denn so brachen am 30. Januar 1962 in einem Dorf in Tansania drei Mädchen in unkontrolliertes, hysterisches Lachen aus; am 18. März litten bereits 95 Schülerinnen unter dieser seltsamen Krankheit. Zehn Tage später erreichte die Lachhysterie einen 90 Kilometer entfernten Ort und infizierte 217 Personen: Am Ende lachten Tausende. Auch Rückenschmerzen sind nach Ansicht von Sozialmedizinern eine ansteckende Krankheit. Eine Analyse der Gesundheitssurveys aus West- und Ostdeutschland zeigte, dass es vor der Wiedervereinigung im Osten kaum Menschen mit Rückenproblemen gab. Zehn Jahre später hatten die Ostdeutschen aufgeholt und lagen nun in puncto Rückenleiden gleichauf.

Quelle
Westerhoff, Nikolas (2010). Zeig mir deine Wunde.
WWW: http://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-zeig-mir-deine-wunde-1.1004092 (10-09-25)





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